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Das Jugenddrama WUNDER ist ein Happysad-Film mit Jacob Tremblay

Als habe uns Regisseur Stephen Chbosky nicht schon mit seinem Film Vielleicht lieber Morgen das Happysad-Gefühl des Lebens unmittelbar nahe gebracht, legt er nun mit dem auf R. J. Palacios 2012er Roman basierendem Film Wunder nach. Wieder spannt er ein Alltags-Geflecht im Schulmilieu, in dem die Sorgen und Nöte, die Ängste und Enttäuschungen der hier kindlichen Hauptfiguren mehr als ernst genommen werden. Eltern und andere Erwachsene rücken in den Hintergrund, wenn die Geschichte von Jacob Tremblays gesichtsentstelltem August Pullman erzählt wird.

In Wunder geht es aber um mehr als nur um “Auggie” allein. Chbosky hat seinen Film in kleine Unterkapitel gegliedert, in denen mal Jacob Tremblays herzensrührende Performance in den Mittelpunkt gestellt wird, dann aber ebenso auf das Leben seiner älteren Schwester Via (Izabela Vidovic), ihrer ehemals beste Freundin Miranda (Danielle Rose Russell) oder Augusts besten Freund Jack (Noah Jupe) geschaut wird. Hierdurch entwickelt die Handlung ein ganzes Netz aus Kindern und Jugendlichen, die das Leben und die Schule irgendwie zu verstehen und überstehen versuchen.

Zuallererst folgen wir aber August, der uns aus dem Off von seiner Geburt erzählt – wie lustig diese doch gewesen sei – mit ihm als Punchline oder Pointe eines schlechten Witzes. Wunder weiß sofort um die Wirkung dieser Erzählung und zwingt uns zur emotionalen Bande mit diesem Jungen, der unter einer genetischen Deformierung zu leiden hat und nach seiner Geburt 27 Operationen über sich ergehen lassen musste.

Wunder
Via (Izabela Vidovic) umarmt ihren kleinen Bruder Auggie (Jacob Tremblay), während die Eltern (Julia Roberts & Owen Wilson) im Hintergrund bleiben.

Deswegen hat ihn seine Mutter Isabel (Julia Roberts) auch selbst Zuhause unterrichtet, was nun ein Ende haben soll. Gemeinsam mit ihrem Mann Nate (Owen Wilson) entscheidet sie, dass Auggie für die Mittelstufe auf eine ganz normale Schule gehen soll. Zuerst fühlt sich August dort wie ein ausgestoßener, obwohl er ein ganz normaler Junge ist, der Star Wars und Minecraft liebt, sich für wissenschaftliche Themen interessiert und vor allem der Raumfahrt verfallen ist. Erst als er in Jack einen Freund findet, scheint sich sein Leben endlich zu normalisieren.

Aber schnell macht uns Chbosky klar, dass ein solches “normales Leben” noch ausreichend andere Hürden parat hält, um sich öfters mal verstecken zu wollen. Das merken wir vor allem durch die gut gewählte Struktur des Films, durch die wir gezeigt bekommen, dass hier alle mit ihren Problemen zu kämpfen haben. August wird nicht normal dadurch, dass er trotz seines deformierten Gesichts akzeptiert wird. Vielmehr zeigt der Film, dass alle anderen Kinder von vornherein auch ohne Deformierung dieselben Probleme haben wie er – was Auggie umso stärker erscheinen lässt, da er dieses Handicap noch obendrauf gesetzt bekommt.

Tremblay hat bereits in dem unfassbar guten Room gezeigt, dass er als Jungdarsteller schwere Rollen spielen kann. Hier verleiht er August nun eine süße, intelligente und überaus gewitzte Art, die ihn als wirkliche Person zeigt, die wir als real wahrnehmen, selbst wenn er sich unter einem Astronautenhelm versteckt.

Aber pure Begeisterung muss man für Izabela Vidovic aufbringen, die hier seine ältere Schwester spielt, die immer wieder hinter ihm zurück tritt, damit ihre Eltern sich um den kleinen Jungen kümmern können. Ihr Leben besteht aus Opfern, die sie hinnimmt, mögen sie noch so enttäuschend für die Teenagerin sein. Zugleich muss sie sich fragen, weshalb ihre beste Freundin Miranda auf einmal nichts mehr mit ihr zu tun haben will und sich von ihr distanziert. Ein einsames Leben, dass sie dadurch ausgleicht, ebenso beständig für ihren kleinen Bruder da zu sein.

Vidovic, bisher mehr im Fernsehen zu Hause, hoffentlich bald aber öfters im Kino zu sehen, spielt “Via” (kurz für Olivia) so gut, dass sie Tremblay fast all die Sympathien raubt, die wir einem Film entgegen bringen können. Vor ihrem kleinen Bruder verheimlicht sie ihre Gefühle, zeigt sich wie ein Sonnenschein, der immer für ihn da ist, obwohl sie ihre liebste Person in der ganzen Welt – ihre Großmutter – verloren hat, die Eltern ihre Aufmerksamkeit auf Auggie richten und der Junge wie eine Sonne in der Mitte der Familie steht, damit alle anderen um ihn herum kreisen können.

Wunder
Auggie (Jacob Tremblay) mit seiner Schwester Via (Izabela Vidovic) in WUNDER.

Zugleich stellt das Geschwisterpaar hierdurch einen filmischen Gegensatz dar. Auggie fühlt sich unwohl, weil ihn immer alle anstarren und er ungewollt Aufmerksamkeit auf sich zieht. Via wiederum wird nicht beachtet, Menschen kehren sich von ihr ab und sie verschwindet in ihrer Existenz des Alleinseins.

Dabei gelingt es Wunder immer wieder, auch lustige Momente in dieses Drama zu bringen. Hierbei ist vor allem Augusts lebhafte Fantasie von Nutzen. In schlimmen Momenten stellt er sich gerne Star Wars-Charaktere in der realen Welt vor. Wenn Auggie mit Darth Sidious, dem ebenfalls im Gesicht entstellten Imperator, verglichen wird, erscheint ihm dieser und fasst sich bekümmert-traurig ans Herz. Oder wenn er sich vorstellt, Chewbacca würde mit ihm auf eine ganz normale Schule gehen, dann gesteht er sich ein, würde er auch glotzen und könnte seinen Blick nicht von dieser Abnormalität abwenden.

Deswegen und wegen anderer kleiner Momente – wenn August ein Mädchen namens Summer (Millie Davis) kennenlernt und er sofort erkennt, dass ihre Namen perfekt zusammen passen – ist Wunder ein purer Happysad-Film, wie es auch Vielleicht lieber Morgen war, der uns emotional mitnimmt: mal traurig, mal fröhlich und dann gleich beides auf einmal: tränenreich-freudig.

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