Filmkritik

“To Rome with Love” von Woody Allen

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© Tobis / Alessandro Tiberi (links) und Penélope Cruz als Antonio und Callgirl Anna

Der Mann, der so berühmt dafür wurde, seine Heimat New York auf die große Leinwand zu bannen, ist nun schon seit mehreren Jahren in Europa unterwegs. Woody Allen besuchte Großbritannien, Spanien und Frankreich, bescherte Städten wie London, Barcelona und Paris einen Allen-typischen Auftritt im Kino. Nun dürfen sich Italien und Hauptstadt Rom nicht nur darüber freuen, von Woody Allen für seinen Film „To Rome With Love“ auserwählt worden zu sein, sondern auch über den Regisseur und Schauspieler selbst, der zum ersten Mal seit seinem 2006er Film „Scoop“ wieder vor der Kamera zu sehen ist.

Er spielt den ehemaligen Opern-Regisseur Jerry, der gerade mit seiner Ehefrau Phyllis (Judy Davis) in Rom zu Besuch ist, wo er maßlos von dem Gesangstalent eines bescheidenen Bestattungsunternehmers beeindruckt ist. Um seine eigene Karriere wieder in Schwung zu bringen, möchte er seine Entdeckung zu einem Star machen. Derweil lebt der junge Architekturstudent Jack (Jesse Eisenberg) bereits glücklich mit seiner Freundin Sally (Greta Gerwig) in Rom, gerät dann aber völlig aus dem Häuschen, als deren beste, aber auch höchst umwerfende Freundin Monica (Ellen Page) für einige Zeit aus den Staaten zu Besuch kommt. John (Alec Baldwin), ein schon etwas in die Jahre gekommener Star-Architekt, der sich gerade mit Jack angefreundet hat, kennt diese Sorte Frau aus eigener schmerzlicher Erfahrung sehr genau. Seine verzweifelten Warnungen scheinen den jungen Mann allerdings wenig zu beeindrucken. Der unscheinbare Durchschnittsrömer Leopoldo (Roberto Benigni) hadert währenddessen mit seiner unglaublichen Berühmtheit, die ihn völlig grundlos über Nacht ereilte. Anfangs findet er das alles noch schmeichelhaft, doch schon bald wird er von Paparazzi auf Schritt und Tritt verfolgt. Und Antonio (Alessandro Tiberi) und seine frisch angetraute Frau Milly (Alessandra Mastronardi), die in der italienischen Hauptstadt ihre Flitterwochen verbringen, leisten sich beide Fehltritte, die mit einem berüchtigten Filmstar und einem stadtbekannten Callgirl (Penélope Cruz) zu tun haben.

Leopoldo (Roberto Benigni) und der Ruhm.

Und auch Schauspielerin Alison Pill bekommt ihren Auftritt. In „Midnight in Paris“ noch als Zelda Fitzgerald zu sehen, spielt sie hier nun Hayley, die Tochter von Woody Allens Jerry. Während sie als liebreizende, wenn auch egozentrische Ehefrau von F. Scott Fitzgerald mit wenig Mühen ihren Film-Ehemann zur Flucht ins nächtliche Partyleben bewegen konnte, wirkt sie hier nicht gerade sympathisch und gesellt sich zu den eher langweiligen Figuren des Films. Obwohl sich ein charmant aussehender Römer in Hayley verliebt, die verwirrt durch die antike Stadt irrt, springt der Funke nicht bis zum Zuschauer über. Aber so ergeht es nicht nur dem Handlungsstrang um Hayley, ihrer Urlaubsbekanntschaft und ihren jeweiligen Eltern. Zugegeben, wenn sich Opernsänger Fabio Armiliato von Woody Allen auf der Theaterbühne inszenieren lässt, was nur mit Dusche möglich wird, weil er nur so seine ganze Sangeskraft entfalten kann, wirkt das amüsant, kann aber über die große Schwäche des Film nicht hinweg täuschen: Der Regisseur hat sich dazu entschieden, die vielen kleinen Geschichten zusammenhangslos zu erzählen, webt hier kein Netz, in dem sich die Figuren untereinander begegnen oder kennen lernen, sondern handelt seine vielen Ideen gesondert voneinander ab. Das wirkt dann, als habe Allen – auch für das Drehbuch verantwortlich – keine Lust gehabt aus jeder seiner Ideen einen eigenständigen Film zu erschaffen, sondern sie möglichst schnell irgendwie irgendwo unter zu bekommen. Hier finden die Zuschauer dann zwar immer dieselben Motive von Liebe, Betrug und dem Traum von einem besseren Leben, nur werden diese Geschichten niemals wirklich zu Ende erzählt. Woody Allen serviert eine Aneinanderreihung seiner Notizensammlung, nicht aber eine runde Geschichte.

Der interessanteste Aspekt an diesen Kurzepisoden sind die traumhaften Begebenheiten, die aus der Geschichte immer wieder eine surreale Erfahrung machen, die den Zuschauer an der Wahrhaftigkeit des Gesehenen zweifeln lassen. Aber hiermit spielte Allen auch schon in seinem letzten Film „Midnight in Paris“. Da wurde Schauspieler Owen Wilson um Mitternacht von einer Limousine in die Vergangenheit gebracht und niemand zweifelte daran, dass dies möglich sei. Bei Allen wird aus einer Zeitreise, der Science-Fiction entsprungen, ein realitätsverfremdender Traum, in dem man sich verlieren kann. So schafft er es auch in „To Rome With Love“ erneut, solche Merkwürdigkeiten einzusetzen um mit seinen Figuren zu spielen. Die beiden Architekten Jack und John erscheinen wie dieselbe Person, es könnte sein, dass Jesse Eisenberg, Greta Gerwig und Ellen Page nur in der Erinnerung von Alec Baldwin existieren. Der Zuschauer wird es niemals erfahren. Auch warum aus Roberto Benigni über Nacht ein Weltstar wird, dem die Presse sogar beim rasieren über die Schulter schaut um davon zu berichten, bleibt ebenso ein Rätsel. Man wird ja wohl noch mal träumen dürfen: Die Vergangenheit verändern, zum Weltstar werden, eine Affäre mit einem berühmten Schauspieler haben, mit einem Callgirl fremd gehen oder einen großen Opernklassiker erschaffen. Hier geht es um Größe, hier will jeder ein Star sein, ganz gleich ob in der Oper, als Architekt oder in der Liebe.

John (Alec Baldwin) und Jack (Jesse Eisenberg)

Bei dem ganzen hin- und her zwischen den Figuren, beim Fokus auf ihr Liebesspiel, ihrer Fremdgeherei, dem Durchleben ihrer Träume und Wünsche verliert Woody Allen als Regisseur aber das wichtigste aus den Augen: Seine eigene Liebeserklärung an die Stadt wirkt dieses Mal recht künstlich. Wäre man Rom, würde man die Avancen des Filmemachers sicherlich abschmettern. Konnte man sich bei „Midnight in Paris“ noch in den romantischen Gassen der Stadt verlieren und sich in die Bilder verlieben – sogar Owen Wilson konnte sich eines verregneten Paris‘ nicht verwehren – so bleiben aus Rom nur wenige Bilder in Erinnerung. Wenn der Film dann an der Scalinata di Trinità dei Monti, der Spanischen Treppe, sein Ende findet, erhofft man sich, dass sich zumindest hier die Figuren noch einmal über den Weg laufen, dass der Film ein Ende präsentiert, mit dem er eine Abrundung erhält. Aber es geschieht nichts. Fokus auf die Treppe, ein willkürlich gewählter Schauspieler erzählt etwas von vielen kleinen Geschichten, die sich in Rom abspielen und Woody Allen verabschiedet die Zuschauer, für die das Einlösen einer Reiserücktrittsversicherung an dieser Stelle leider schon zu spät ist.

„To Rome With Love“ wirkt lieblos. Nach einem Höhenflug wie „Midnight In Paris“ hätte man von Woody Allen mehr erwartet, der bereits bewiesen hat, auch im hohen Alter (76 Jahre) noch originelle Ideen hervorbringen zu können. Mit diesem Film jedoch, hat er es bei den Ideen belassen, sie nicht zu einer funktionierenden, mitreißenden, emotionalen Geschichte umfunktioniert. Was bleibt ist das Gefühl, dass Herr Allen dieses Mal hervorragende Darsteller um sich geschart hat, aber nichts mit ihnen anzufangen wusste, weil er eigentlich auch noch gar nichts zu erzählen hatte.

Denis Sasse

“To Rome With Love“

Originaltitel: To Rome With Love
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA / I, 2012
Länge: ca. 110 Minuten
Regie: Woody Allen
Darsteller: Woody Allen, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Penélope Cruz, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Greta Gerwig, Ellen Page, Antonio Albanese, Fabio Armiliato, Alessandra Mastronardi, Ornella Muti, Flavio Parenti, Alison Pill, Riccardo Scamarcio, Alessandro Tiberi

Deutschlandstart: 30. August 2012
Offizielle Homepage: sonyclassics.com/toromewithlove

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