Mit dem Aufkommen der #metoo Bewegung und der Time’s Up-Initiative ist es tatsächlich fraglich, wie lange die skandalumwitterte Karriere Woody Allens noch Bestand haben wird. Die Anschuldigungen seitens seiner Stieftochter Dylan Farrow bezüglich sexueller Übergriffe haben nochmals an heftiger Brisanz gewonnen. Während zahlreiche Darsteller (Greta Gerwig, Rebecca Hall, Timothée Chalamet, Mira Sorvino, Olivia Munn, Colin Firth, …) sich von dem Filmemacher abgewendet haben, könnte es zunehmend schwer für ihn werden, weiterhin Unterstützung zu finden. Und dann wäre da auch noch Wonder Wheel, in dem er – wie in vielen seiner Filmen – Untreue vorlebt.

Wir befinden uns im New York der späten 1950er Jahre. An der Küste Brooklyns tobt im Vergnügungspark Coney Island das Leben. Hier finden wir das Riesenrad Wonder Wheel neben zahlreichen Karussells und einem Badestrand, der von Mickey Rubin (Justin Timberlake) als Rettungsschwimmer überwacht wird. Hier lebt aber auch Humpty Rannell (Jim Belushi) mit seiner Ehefrau Ginny (Kate Winslet) und Sohn Richie (Jack Gore), der sich sein weniges Geld als Betreiber eines Karussells verdient, während seine Frau Muscheln serviert.

Auf einmal steht Humptys Tochter Carolina (Juno Temple) auf der Matte, die ihren Vater vor vielen Jahren zurückgelassen hat um einen Gangster zu heiraten, vor dessen Dummheiten sie nun Schutz sucht. Derweil beginnt Ginny eine Affäre mit Mickey, um sich aus ihrem belanglos-tristen Alltagsleben heraus zu träumen und auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Aber auch Tochter Ginny trifft auf Mickey, was bei der älteren Mutter zu berechtigten Eifersuchtsgefühlen führt.

Wonder Wheel
Kate Winslet in WONDER WHEEL.

Dieses Konstellationsspiel ist es, was Woody Allens Filme so nahe an seine Lebenswirklichkeit zu rücken scheint. Immer wieder gibt es die eheliche Untreue in seinen Filmen, die gänzlich hinter dem Rücken der oder des Betrogenen abläuft und ohne Schuld und Sühne geschieht. Entweder man sieht dies nun als verwerflich oder aber als langweilig an, weil die immer selbe Geschichte mit unterschiedlichen Darstellern vor verschiedenen Kulissen erzählt wird.

Wie schön war da doch Allens wenig beachtete Amazon-Serie Crisis in Six Scenes, in der er gar selbst noch einmal vor die Kamera treten durfte. In Wonder Wheel übernimmt Justin Timberlake die Rolle des Allen-Stand Ins, so sexy jugendlich, wie sich der Alt-Regisseur vermutlich gerne selbst noch sehen würde und in seinen frühen Tagen gesehen hat.

Timberlake war keine schlechte Wahl, ganz im Gegenteil. Er stellt sich als Plastik-Ken zu Juno Temples Barbie dar, was wunderbar in eine Kulisse passt, die in ihrem Look bewusst auf ein buntes 50er Jahre Kunst-Objekt ausgelegt wurde.

Woody Allen inszeniert allenfalls die Umgebung finster und trist, wenn Jim Belushi die Szenerie betritt um deutlich die Langeweile des Ehelebens hervorzuheben. Aber immer wenn er zu Timberlake an den Strand geht oder sich wie ein Kind auf dem Coney Island-Rummel umher bewegt, strahlen die Bilder vor Neon-Farben. Hier herrscht Licht, die Sonne scheint in immerzu lächelnde Gesichter, die weichgezeichnet perfekt wirken.

Wonder Wheel
Justin Timberlake in WONDER WHEEL.

Wo Justin Timberlake einen Bademeister-Ken verkörpert und Jim Belushi der Grumpy Old-Ehemann ist, spielt Kate Winslet in einem ganz anderen Film, in einem Beziehungsdrama mit Kaliber, das nicht so ganz zum Comic-Lovestory Ton von Wonder Wheel passen will. Sie liefert einen starken Monolog unter einer Strandbrücke ab, sie durchlebt den Austausch gegen eine jüngere Frau, weil Mann bei Woody Allen zwar Affären mit älteren Damen haben kann, aber sich sicher nicht auf Dauer mit diesen einlässt. Die Jugend siegt.

Das spielt uns Kate Winslet mit all ihrer Kraft vor. Wenn sie am Ende einen Telefonanruf verweigert – worum es geht, soll nicht verraten werden – nehmen wir das gar nicht als gehässige Eifersucht wahr, sondern als pure Gerechtigkeit.

Wonder Wheel besteht aus schönen Bildern, die über eine fade Story hinwegtäuschen wollen. Ebenso besteht der Film aus dem wunderbaren Spiel von Kate Winslet, die damit die Comic-Performances der übrigen Darsteller auffangen soll. In 1977 war Woody Allen bereits mit Der Stadtneurotiker in dem Coney Island-Freizeitpark und es brachte ihm vier Oscars ein. Aber so sehr er sich bemühen mag, Justin Timberlake ist nicht sein neuer Strandneurotiker.