Kinokritik

Woody Harrelson gibt in WILSON einen sonderbaren Misanthropen

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Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Busse, Bahnen oder ähnliche öffentliche Fortbewegungsmittel eigentlich immer nur halb so viele Plätze bereithalten, wie sie wirklich anbieten. Denn wenn sich jemand auf einen Zweier-Sitz setzt, erwartet man nicht, dass dort noch Platz für eine weitere Person zur Verfügung steht. Die persönliche Comfort-Zone schließt die umliegenden Sitz-Gelegenheiten immer noch mit ein. Dann aber gibt es auch Menschen wie Wilson, die sich offensiv neben einen setzen und anfangen zu reden, weil sie ein unglaublich großes Mitteilungsbedürfnis haben.

Der Film Wilson ist unter der Regie von Craig Johnson entstanden, der schon mit seinem 2014er Film The Skeleton Twins ein Comedy-Duo (Kristen Wiig und Bill Hader) komödiantisch-dramatisch in Szene setzen konnte. Ebenso wie er dort ein Familiendrama um ein Geschwisterpaar entwickelte, führt er hier in Wilson die Familien-Thematik fort, wenn er Woody Harrelsons einsam-neurotischen Protagonisten auf die Suche nach seiner Ex-Ehefrau Pippi (Laura Dern) schickt und ihn auch gleich noch erfahren lässt, dass er Papa einer Teenie-Tochter (Isabella Amara) ist.

Wilson

Wilson (Woody Harrelson, rechts) mit seiner Ex-Ehefrau Pippi (Laura Dern, mitte) und seiner Tochter Claire (Isabella Amara, links).

Wilson basiert auf der gleichnamigen 2010er Graphic Novel von Daniel Clowes, dessen Werk Ghost World bereits 2001 mit Scarlett Johansson und Thora Birch verfilmt wurde. Wilson ist allerdings nicht ein solch bitteres und desillusionierendes Teen-Drama, das sich durch ein hohes Maß an Satire ausgezeichnet hat, sondern verlässt sich vielmehr auf das Spiel seines im Zentrum stehenden Hauptdarstellers Woody Harrelson als dieser außergewöhnliche Sonderling.

Eigentlich funktioniert Harrelson immer am besten, wenn er sich neben einen Hauptdarsteller oder eine -darstellerin stellt. In Die Tribute von Panem ist er ein wichtiger Nebenspieler zu Jennifer Lawrence, in The Edge of Seventeen brilliert er hinter Hailee Steinfeld. Hier aber darf er den Misanthropen im Fokus geben und zeigt, wie sehr wir einen Woody Harrelson im Rampenlicht genießen können.

Er ist hier so verschroben, so sozial inkompetent und inkompatibel, schafft es aber dennoch immer den Wechsel von unfreundlich-ehrlich zu traurig-ernst zu vollführen – wenn er zum Beispiel am Sterbebett seines Vaters sitzt und ihm die Tränen kommen. Oder aber wenn er Laura Derns Pippi an seiner Seite hat und aus all seiner Missgunst gegenüber der Menschheit auf einmal fürsorgliche Familienliebe wird.

Wilson

Woody Harrelson mit Laura Dern in WILSON.

Der Film bricht uns das Herz, wenn Wilson seiner Ex-Ehefrau gesteht: “Ich habe nie aufgehört dich zu lieben” und Pippi ihm erbarmungslos erwidert: “Ich habe aufgehört dich zu lieben.”. Das funktioniert, weil wir Wilson dank Woody Harrelson trotz seiner Art und Weise einfach gern haben können.

In Zombieland haben sie einen kurzen Moment Seite an Seite gespielt, aber gerade in Wilson wird sichtbar, wie sehr Woody Harrelson inzwischen einem Bill Murray ähnelt. Ebenso gut hätte dieser Film Was ist mit Wilson? heißen können, um damit an Bill Murrays 1991er Komödie Was ist mit Bob? zu erinnern.

Am Ende bringt es Wilson gut auf den Punkt, wenn er zusammenfasst, dass Menschen uns gerne für das lieben würden, was wir sind. Das aber in unserer heutigen Welt ziemlich unmöglich ist, wo wir doch alle – nicht nur Wilson – recht unerträglich geworden sind. Das ist die ehrliche Beobachtung eines Mannes, der uns einen ganzen Film lang mit dieser Einstellung gut unterhalten kann.

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