Alles in Before I Fall ist erst einmal cool. Der Style ist hip, die Girls im Mittelpunkt der Geschichte unterhalten sich locker – wenn auch aufgeregt – über das erste Mal. Sie haben Partys im Sinn und hören coole Musik, die wir als Soundtrack von Bands wie #NotYours feat. Junglepussy, On The Regular oder Pretty Pimpin wahrnehmen. Nicht ganz so cool kommt dann der deutsche Titel daher: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie.

Und das am besten immer und immer wieder. Denn Before I Fall – so der Originaltitel – ist eine moderne Teenie-Variante des Bill Murray-Klassikers Und täglich grüßt das Murmeltier, in dem ein Wetteransager in einer Zeitschleife gefangen ist, die ihn denselben Tag immer wieder erleben lässt. Dieses Schicksal teilt nun auch Teenie Sam (Zoey Deutch) mit ihm, die nach einem Autounfall unbeschadet in ihrem Bett aufwacht – allerdings nicht einen Tag später, sondern am selben Tag, vor dem Unfall.

Nachdem Sam ihre Chance realisiert hat, setzt sie alles daran die Ereignisse zu verhindern, die sie abends um ihr Leben bringen werden. Dabei entdeckt sie an diesem sich wiederholenden Tag nicht nur, wer sie selbst eigentlich sein möchte, sondern lernt ihre Freunde und Familie besser kennen, als sie es in ihrem bisherigen Leben getan hat.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
Zoey Deutch als Samantha ‘Sam’ Kingston in WENN DU STIRBST, ZIEHT DEIN GANZES LEBEN AN DIR VORBEI, SAGEN SIE

Der Film kommt von der New Yorker Regisseurin Ry Russo-Young, die ihr Regiedebüt bereits 2007 mit Orphans gab, bevor sie vier Jahre später You Won’t Miss Me folgen lies und – jetzt aufgepasst – in 2012 den sehenswerten Nobody Walks (oder in Deutschland: Versuchung – Kannst du Widerstehen?) mit John Krasinski, Olivia Thirlby und Rosemarie DeWitt drehte.

Das Drehbuch zu Before I Fall stammt von Maria Maggenti, die sich am gleichnamigen Roman von Lauren Oliver orientiert hat. Neben Zoey Deutch (Everybody Wants Some!!) spielen Jennifer Beals (Flashdance), Halston Sage (Margos Spuren), Logan Miller (The Walking Dead), Kian Lawley (Boo! A Madea Halloween), Diego Boneta (Rock of Ages) und Elena Kampouris (#Zeitgeist). Mit einer Premiere auf dem 2017er Sundance Film Festival hat Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie schon einmal eine erste Coolness-Auszeichnung vorzuweisen.

Den nächsten “Cool”-Stempel bekommt der Film für seinen Look. Obwohl im Teen-Milieu angesiedelt haben wir es hier nicht mit einer weiteren Disney Channel-ähnlichen Produktion zu tun, die auf bunte Farben und belanglose Bilder setzt. Viel mehr bekommen wir eine Mischung aus Pretty Little Liars und Veronica Mars geboten, die durch eine kalte Bild-Atmosphäre auf die Stimmung drückt.

Damit erwirkt Before I Fall, dass sich die Mädels ruhig über Sex und Partys unterhalten können, ohne das jemals das Gefühl aufkommen würde, wir würden inmitten einer American Pie Teen-Sexklamotte feststecken. Es wird immer dieses übernatürliche Thriller-Gefühl aufrecht erhalten.

Derweil wird uns nie erklärt, weswegen sich Sam in ihrer Zeitschleife wiederfindet. Der Film legt den Fokus auf das Problem und die Lösung, lässt sämtliche Erklärungen außen vor – eine Art und Weise, die es viel zu selten im modernen Film gibt, wo alles (Wie ist Darth Vader entstanden? Woher kommt eigentlich das Alien?) erklärt werden muss.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
Sam und ihre Clique

Zoe Deutch gelingt der Wandel vom Mean Girl zum Shocked Girl zum Even Meaner Girl zum Good Girl, ohne dass wir uns jemals von ihr verwirrt fühlen würden. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen sind durchaus plausibel und nachvollziehbar. Sie gehört mehr als Mitläuferin zu einer fiesen Girl-Clique, wodurch wir sie nicht allzu unsympathisch finden können.

Später spielt sie selbst die Bitch-Card gegen alle aus. Wenn sie denselben Tag immer wieder von vorne erlebt und keine Konsequenzen zu fürchten hat, darf sie auch einmal jedem ihre wirkliche Meinung geigen. Das ist die schönste Episode in den ständigen Wiederholungen. War sie vorher in einer pubertären Tochterrolle, eine unterdrückte Freundin, ein angehimmeltes Mädchen, nimmt sie sich hier heraus, so ziemlich jedem den sie begegnet mir ihren wahren Gefühlen und Ansichten vor den Kopf zu stoßen.

Sie stolpert quasi von dem Mitläuferinnen-Extrem in das Es ist mir alles egal-Extrem, nur um sich irgendwo in der Mitte einpendeln zu müssen. Hier findet sich die Grundaussage des Films, die auch Sam immer wieder vor Augen geführt bekommt: Werde, wer du wirklich bist! Dein Handeln ist von Bedeutung – und das jeden einzelnen Tag.

Einzig der Durchdreh-Faktor zu Beginn hätte etwas ausgiebiger ausfallen können. Sam behält doch recht gut die Fassung über ihr Zeitschleifen-Problem. Da werden vielleicht mal große Augen gemacht, aber mehr kommt da nicht. Sie scheint sogar recht unbeeindruckt davon zu sein, dass sie dem Unfall entkommen ist, dass sie jeden morgen wieder in ihrem Bett aufwacht, dass niemand um sie herum diese Ungewöhnlichkeit zu bemerken scheint. Zeitschleife? Na und?

Before I Fall ist ein spannender Thriller geworden, bei dem der sich wiederholene Tag und die Figuren so interessant gehalten wurden, dass wir dieselben Ereignisse mehrmals anschauen können, ohne dabei zu erahnen, wohin uns der Film tragen möchte.

Einzig die jüngst auf Netflix gestartete Serie Tote Mädchen lügen nicht (OT: 13 Reasons Why) lässt uns darüber nachdenken, ob nicht auch Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie als  Serie wunderbar hätte funktionieren können, bei der jede Folge derselbe Tag gewesen wäre, nur verändert durch das Verhalten von Sam. Oh, diese Serie hätte ich noch viel lieber gesehen.