Filmkritik

“Killing Them Softly” von Andrew Dominik

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© Wild Bunch/Central / Brad Pitt als Auftragskiller Jackie Cogan , der es mag seine Opfer sanft zu töten.

Zuletzt inszenierte der neuseeländische Regisseur Andrew Dominik 2007 das Attentat auf den Revolverhelden und Gauner Jesse James, hier gespielt von Brad Pitt („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“). Mit „Killing Them Softly“ bleibt Dominik nicht nur dem Genre treu, dem Blick auf die Unterwelt, dort wo sich seiner Aussage nach die realistischen Geschichten und die Wiederspiegelung der amerikanischen Gesellschaft abspielt, sondern auch Brad Pitt. Dieser tritt zwar erst nach gut einer halben Stunde in Erscheinung, sein Auftreten ist allerdings stilgebend für die Verfilmung des 1974er Romans „Cogan’s Trade“ von George V. Higgins. So brutal der Film in manchen Bildern ist, so sehr verlassen sich Regisseur und Darsteller auf ihre natürliche Ausstrahlung, auf ein gepflegtes Miteinander, auf tiefschürfende Unterhaltungen, wie sie sonst allenfalls von einem Quentin Tarantino, gespickt mit zahlreichen popkulturellen Anspielungen, geschrieben werden.

Dabei scheint es am Anfang gar nicht so viel Anlass zu redseligen Konfrontationen zu geben. Zwei schlichten Gangstern (Scoot McNairy, derzeit auch in „Argo“ zu sehen und Ben Mendelsohn aus „Königreich des Verbrechens“) gelingt der große Coup: Sie überfallen ein illegales Pokerspiel, erleichtern die Teilnehmer um ihr Hab und Gut, entkommen unerkannt. Aber da die Spiele vom organisierten Verbrechen ausgerichtet werden, hat der Überfall schwerwiegende Folgen, wenn auch zuerst nicht für die beiden Täter. Denn solange diese nicht ausfindig gemacht werden können, muss ein Unschuldiger als Sündenbock herhalten. Diese Bestrafungsmaßnahme übernimmt der Profikiller Jackie Cogan (Brad Pitt). Aber auch für ihn stellt sich diese Aufgabe als nicht sonderlich einfach dar: Das Syndikat, für das er aktiv wird, wird von Bürokratie und Unentschlossenheit überflutet und ein ehemals guter Kollege (James Gandolfini) ist inzwischen zum unzuverlässigen Säufer geworden.

Brad Pitt (links) mit James Gandolfini (rechts)

Hier setzt „Killing Them Softly“ seine erste von vielen Demontierungen an: James Gandolfini, einst das Oberhaupt einer Mafia-Familie in „Die Sopranos“, als auch Schauspieler Ray Liotta, durch ebenso harte Mafia-Geschichten – z.B. in „GodFellas“ – geprägt, werden bei Dominik geradezu auseinander genommen, ganz klein gefaltet, zu seelischen wie auch körperlichen Wracks gemacht. Gandolfini spielt den versoffenen Mickey, der einst der zielsicherste Profikiller war, der Extrabezahlungen erhält, eingeflogen wird, nur um dann auf der ganzen Linie zu enttäuschen. Er heult in einer Bar über seine Frau, die er nach seinem nächsten Delikt ziehen lassen wird um ihr ein besseres Leben bieten zu können, er bestellt sich Nutten auf sein Hotelzimmer, immer ein Bier in der Nähe, ein harter Drink hinterher. So wäre aus Tony Soprano sicherlich niemals ein erfolgreicher Mafioso geworden. Ähnlich ergeht es Ray Liotta, sonst ein harter Kerl, ein Verbrecher der zuschlägt, zuschlagen lässt, der keine Gnade kennt vor seinen Opfern. Hier ist er eher ein kleiner Fisch, der sich in einer brutal inszenierten Sequenz selbst von zwei Schlägern zu Boden schicken lässt. Hier achtet Regisseur Andrew Dominik auf der Tonebene auf die immense Durchschlagskraft, jede Faust die das Gesicht, die den Magen oder andere Körperstellen Liottas trifft, erweitert ihre Schlagkraft bis über die Bilder hinaus. Der Zuschauer wird deutlich zurück zucken, versuchen den Schlägen auszuweichen. Da spritzt Blut, da entspringt der Leinwand visuelle Härte, die einen am Boden liegenden und weinenden, verzweifelt um sein Leben bettelnden Liotta hervorbringt.

Die nächste Demontierung gilt dann den Zuschauern selbst, vielleicht auch viel mehr den Politikern des Landes. Im Hintergrund, so laut dass es sich schon bald wie der Vordergrund anfühlt, befinden sich Barack Obama und John McCain gerade in ihrem Wahlkampf, lassen große Reden folgen, keine Taten, die Wirtschaftskrise ist das Problem, Lösungen werden gefunden, daran besteht gar kein Zweifel. Diese Versprechen beider Seiten wirken umso seltsamer, sieht man dann doch wie selbst der Pöbel, der Abschaum, das Verbrechen sich gegenseitig das Geld aus den Taschen stiehlt, auch bei ihnen ist die Wirtschaftskrise angekommen. Hier werden keine großen Banken mehr ausgeraubt – als ob es hier etwas zu holen gäbe – hier nimmt man das Geld von denen, die es offen zeigen, die vor der eigenen Nase herum tänzeln. Einer raubt den anderen aus, das Geld geht seine Kreise, Investitionen werden gemacht, ob in unauffällige Güter oder in Drogen; irgendwie wirkt das Ganze dann wahrlich wie ein Land in klein, die USA werden von Dominik zu Verbrechern gemacht, er hält der Wirtschaftskrise den Spiegel vor.

Brad Pitt (vorne) mit Scoot McNairy (hinten)

Irgendwann erscheint dann auch Brad Pitt auf der Bildfläche, dieser Mann, der seine Opfer lieber sanft tötet, „Killing Them Softly“, aus der Ferne, schnell, schmerzlos, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Pitts Spiel ist solide, er schlängelt sich durch eine ganze Reihe von Unterhaltungen – mit Gandolfini, mit McNairy und Richard Jenkins, der als Mittler zwischen Auftraggeber und Killer in Erscheinung tritt. Die pure Bürokratie. Ein Wunder, dass Pitt nicht vor jedem Kill ein Formular ausfüllen muss. Aber es ist Scoot McNairy, der hier die beste Leistung abliefert, sich als Taugenichts durch den Film schlägt, der Kriminelle auf der Flucht vor allen und jeden, für den andere Menschen sterben müssen, hinter dem jeder her ist. McNairy hält sich stark, wird nicht einmal von Pitt überschattet, drückt dem Film seinen eigenen Stempel auf, irgendwo zwischen schusseligen Gauner, verängstigtem Anfänger und gezwungenem Kompagnon von Brad Pitt.

Die Stärke von „Killing Them Softly“ ist dann eben jener softe Umgang, hier darf kein Actionkrimi erwartet werden, zu sehr verlässt sich Andrew Dominik auf die Inszenierung der Dialoge. Eine gute Entscheidung, zeigt er dadurch doch nicht nur seine eigene Kompetenz, sondern auch die darstellerischen Künste aller Beteiligten. So ernst das Thema sein mag, wirkt es doch immer wie mit einem Augenzwinkern in Szene gesetzt. Und der letzte Satz ist richtungsweisend: „I want my money“, das ist alles worum es eigentlich geht.

Denis Sasse

“Killing Them Softly“

Originaltitel: Killing Them Softly
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 97 Minuten
Regie: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini, Richard Jenkins, Vincent Curatola, Ray Liotta, Sam Shepard

Deutschlandstart: 29. November 2012
Offizielle Homepage: killing-them-softly.de

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