Filmkritik

“Verführt und Verlassen” von James Toback

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Alec Baldwin (links) und James Toback (rechts) bei den Filmfestspielen von Cannes

Alec Baldwin (links) und James Toback (rechts) bei den Filmfestspielen von Cannes

Die Berlinale, die Filmfestspiele von Venedig, das Independent-Filmevent Sundance oder aber die Filmfestspiele von Cannes – um nur die größten und extravagantesten Vertreter ihrer Gattung zu nennen. Solcherlei Festivals gelten als Hochburg des Mediums Film. Das es hinter den Kulissen allerdings um ganz andere Dinge geht, das erfahren wir von Schauspieler Alec Baldwin und Regisseur James Toback, die für ihre Quasi-Enthüllungsdokumentation Verführt und Verlassen nach Cannes reisen, um dort eine fiktive Filmidee zu verkaufen. Es soll politisch brisant sein, Sex bieten – ein wenig wie Bernardo Bertoluccis 1972er Der letzte Tango in Paris – und Alec Baldwin und Neve Campbell in den Hauptrollen zeigen.

Denn darum geht es in der heutigen Zeit bei Filmfestivals. Von der Berlinale bis Cannes bieten die Filmprogramme oftmals Produktionen, die „später allenfalls von der Verwandtschaft geschaut werden“, die aber nicht für den eigentlichen finanziellen Absatz sorgen. So wurden Filmfestivals immer mehr zum Umschlagplatz für Filmideen. Hierher kommen die Händler um einzukaufen, hierher kommen Filmemacher, um Geld für ihre Projekte aufzutreiben, Produzenten zu überzeugen und nicht, wie es sein sollte, um dem Medium zu huldigen. Die finanziellen Interessen stehen viel mehr im Mittelpunkt als der Film an sich. Auf der einen Seite wird darum gebettelt, ein Filmprojekt zu finanzieren. Auf der anderen Seite fragen Produzenten nach wilden Verfolgungsjagten und Explosionen, ansonsten möchte man sein Geld kaum in ein Projekt investieren. Verführt und Verlassen nutzt immer wieder ein Zitat von Orson Welles: „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, habe ich 95% meiner Zeit damit verbracht, herumzulaufen und zu versuchen Geld für meine Filme zu sammeln und lediglich 5% meines Lebens darin investiert, wirklich Filme zu drehen.“

James Toback (links) im Gespräch mit Regisseur Roman Polanski (rechts)

James Toback (links) im Gespräch mit Regisseur Roman Polanski (rechts)

Alec Baldwin, den wir durch diese Misere begleiten, spricht davon wie Martin Scorsese ihn einmal anrief um eine kleine, nichtssagende Rolle in Aviator zu übernehmen. Natürlich habe er sofort angenommen. Es gebe diese Momente im Leben, in denen ein geringes Gehalt nicht wichtig sei, denn mit Scorsese zu drehen, wäre unbezahlbar. Baldwin präsentiert sich in Verführt und Verlassen als Filmliebhaber, spricht für sein Vorhaben mit Bertolucci höchstpersönlich, auch mit Scorsese, Francis Ford Coppola, Roman Polanski, James Caan oder Diane Krüger.

Sie alle verbindet die Leidenschaft, die von den Produzenten kaum zu erwarten ist. Von diesen wird klar gemacht, dass es heute entweder den Kassenerfolg gibt, der sich als Blockbuster herausstellen muss, oder aber die kleinen Independent-Filme, oftmals von den Filmemachern selbst finanziert, die allenfalls als Geheimtipps und Überraschungserfolge enden. Auf Überraschungen lässt sich aber kein Finanzgeber ein. Es muss ein garantierter Erfolg sein. Beklagt wird sich, dass es überhaupt kein Mittelfeld mehr gibt. Da sind der Blockbuster und der kleine Film, dazwischen herrscht gähnende Leere. Es wird wie folgt ausgedrückt: „Wenn du einen guten Film machst, den keiner sehen will und einen schlechten Film, den sich alle anschauen, dann wirst du weiter schlechte Filme produzieren.“

Ebenso abstrus wirken die Gespräche, an denen Baldwin und Toback uns teilhaben lassen. Da erzählen Produzenten, dass Campbell und Baldwin als Hauptdarsteller eines Films nicht funktionieren würden. „Neve Campbell ist wundervoll, aber sie hat keinen Wert auf dem Markt. Sie lässt sich nicht verkaufen. Sie ist nicht rentabel.“ und Alec Baldwin sei sensationell, aber eben ein Fernsehschauspieler, der im Kino nicht funktionieren würde. Er könne keinen Spielfilm tragen. Immerhin wird bei ihm eine Ausnahme gemacht. Man könne ihn mit größeren Stars umgeben, um so durch Masse statt Klasse den Film zu verkaufen. Hiervon erzählt James Caan. Es würden keine Filme mehr gemacht werden, die sich auf einen einzigen Namen stützen. Selbst Johnny Depp bräuchte inzwischen Beistand um das von den Produzenten erwartete Geld in die Kassen zu bringen.

Jessica Chastain spricht über ihre Erfahrungen im Filmbusiness

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Von Baldwin erwarten die Produzenten eine Komödie, da er in 30 Rock gespielt hat. Zugleich wollen sie ihn auf einem U-Boot sehen, weil Jagd auf roter Oktober seinerzeit ein Erfolg war. Es wird zugegeben, dass kaum Drehbücher gelesen werden. Man arbeitet mit diesen Stereotypen, sie seien der sicherste Garant für einen an den Kinokassen funktionierenden Film. Bérénice Bejo, Oscar-Nominiert für The Artist, ist den Produzenten gänzlich unbekannt. Ihr Gesicht wurde vergessen, der Film ebenso. Sie ist eben kein großer Star. Dagegen möchte man diesen fiktiven Baldwin/Toback-Film gerne finanzieren, wenn die Hauptdarsteller ausgetauscht werden würden. Ryan Gosling und Jessica Chastain hätte man gerne. Und schon hält Baldwin sie parat, interviewt sie zu ihren Karrieren und ihren Gedanken zum Filmbusiness.

Eigentlich geht Verführt und Verlassen über Cannes hinaus und zeigt ein abstruses Bild der Filmbranche, wie es der normale Kinogänger niemals zu Gesicht bekommen würde. Es ist ein furchtbarer und dank Baldwins trockenem Humor ebenso schelmischer Blick hinter die Kulissen, der die pure Kalkulation zeigt, die der vermeintlichen Leidenschaft innewohnt. Hier sollte jeder einen Blick drauf werfen, dessen Interesse über den bloßen Konsum von Filmen hinausgeht.

Verführt und Verlassen
98 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren, Kinostart: 10. Juli 2014
im Netz: Der Film bei Weltkino
alle Bilder © Weltkino Filmverleih

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