Irgendwann einmal wollte Steven Soderbergh das Filmemachen aufgeben. Er gab seinen Rückzug aus dem Business bekannt, nur um wenige Jahre später wieder voll dabei zu sein. Er kann scheinbar nicht ohne. Noch viel mehr. Er kann nicht, ohne dabei innovativ zu sein, zu experimentieren und neue Wege zu bestreiten. Manch einer mag ihm weiterhin Langeweile in Hollywood vorwerfen, weshalb er keinen eigenen Stil entwickeln kann, sondern mit allen möglichen Dingen herum spielt – aber seien wir ehrlich, daraus entsteht für uns als Publikum immer etwas Neues, etwas, das nicht nach Hollywood-Fließbandware ausschaut. So nun auch mit seinem Horrorthriller Unsane, den er komplett mit einem iPhone gedreht hat.

Das gibt dem Film einen merkwürdigen Look, ein Bildformat irgendwo zwischen dem alten Vollbild und dem traditionellen Widescreen. Daraus wird eine Bildbox, die irgendwie perfekt für einen Film ist, der von einem Menschen erzählt, der wie in einer solchen Schachtel eingesperrt ist.

Es gibt in Unsane einen als “The Blue Room Scene” betitelten Handlungsabschnitt, bei dem wir ewig lange mit Claire Foy in einem Raum (ebenso im Box-Format gehalten) verbringen, wo sie regelmäßig von ihrem Stalker besucht und verbal malträtiert wird. Soderbergh hat ein Das Schweigen der Lämmer-würdiges Aufeinandertreffen zweier Menschen geschaffen. In anderen Zeiten würde diese Szene vermutlich in die Filmhistorie eingehen. Heute gibt es leider viel zu viel Material, als dass das Besondere noch als solches hervorstechen könnte.

Der Stalker heißt David Strine und wird von Joshua Leonard gespielt, der Sawyer Valentini (Foy) kennengelernt hat, als diese sich um seinen im Sterben liegenden Vater gekümmert hat. In dieser Zeit hat David eine Besessenheit für sie entwickelt, die er nicht mehr ablegen konnte.

Sawyer hat ein Kontaktverbot gegen ihn erwirkt, ist aber natürlich von seinem manischen Verhalten traumatisiert worden, so das ihr Berufs- und Privatleben darunter zu leiden hatten. Sie sucht in einer entsprechenden Einrichtung nach Hilfe, erzählt dort ihre Geschichte, unterschreibt Dokumente und darf auf einmal keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, auch nicht die Einrichtung verlassen.

Sie soll zuerst für 24 Stunden festgehalten werden, woran auch die Bemühungen ihrer Mutter (Amy Irving) nichts ändern können. Aufgrund eines Zwischenfalls wird die Zeit auf eine Woche ausgedehnt, die sie mit anderen Patienten wie Violet (Juno Temple) und Nate (Jay Pharoah) verbringen muss. Als ob das nicht schon Alptraum genug wäre, scheint sich ihr Stalker David eingeschlichen zu haben und sich als Krankenhaus-Mitarbeiter auszugeben, der hier in aller seelenruhe die Medikamente an die Patienten verteilen darf.  

Den Thrill, den Soderbergh hieraus entwickelt, erzeugt eine Intensität im Gefühl der festgesetzten Bedrohung. Wir fühlen uns – vielleicht auch durch die iPhone Optik – wie in einer Dokumentation oder selbst in der Situation gefangen. Der Regisseur lässt uns dabei im Dunkeln tappen, wer oder was hier eigentlich verrückt ist: ist es wirklich David, der dort die Medikamente verteilt oder hat Sawyer Wahnvorstellungen, eine Störung in der Psyche, ausgelöst durch ihre wahren Stalker-Erfahrungen, von denen sie sich nie erholen konnte?

Dabei kann Soderbergh einmal mehr auf das fehlerhafte amerikanische Gesundheitswesen eingehen, das er schon in Contagion, viel mehr in Side Effects und auch in seiner Komödie Logan Lucky angegriffen hat. Das bleibt hier zwar nur eine Randnotiz, nimmt aber genügend Einfluss auf die Handlung, dass sie zum Nachdenken anregt.

Während Claire Foy in Unsane eine grandiose Schauspielleistung abliefert mit der sie den Film und dessen Handlung auch alleine hätte tragen können, bekommt sie unfassbar gute Schützenhilfe durch ihren “Stalker”-Kollegen Joshua Leonard, der seinen David mit bedrohlichem Blick überaus krankhaft auf sie fixiert spielt, nur um im nächsten Moment zuckersüß daher zu kommen, sich anzubiedern – zumindest solange, bis ihm jemand seine eigene Psyche wie einen Spiegel vorhält, ihn konfrontiert, verärgert und das Monster aus ihm hervorbricht.

UnsaneFür diesen Mann ist Sawyer lediglich ein Objekt. Ganz gleich in welchem Gemütszustand sich David befindet. Wir merken, dass er diese Frau nur benötigt, damit er sich gut fühlen kann. Ihre Realität, ihr Leben, ihre Wünsche stehen dabei gar nicht zur Debatte. Sie soll ein Leben leben, dass sich auf das Wohlergehen Davids konzentriert, wie sie es auch für seinen Vater in dessen letzten Tagen ermöglicht hat.

Unsane verknüpft Spannung und Thrill und reiht sich neben modernen Horrorfilmen wie Get Out und Split ein – psychische Störung und Gesellschaftskritik. Aber der Film funktioniert tatsächlich so gut, weil das Drehbuch von Jonathan Bernstein und James Greer so smart ist, dass unterschiedliche Genre-Szenarien in einer Handlung zusammengefasst wunderbar miteinander harmonieren. Obendrauf kommt Soderberghs klaustrophobische iPhone Inszenierung und Claire Foys und Joshua Leonards angsteinflößendes Miteinander.