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Simone Bucio gibt im Body-Horror THE UNTAMED ein starkes Debüt

Mit The Untamed ist dem Mexikaner Amat Escalante ein merkwürdig-faszinierender Film gelungen. Es ist Body-Horror, es ist die Suche nach sich selbst und irgendwie ist es auch ein wenig Hentai, diese Begrifflichkeit, die im japanischen Wortlaut für ein perverses oder bizarres sexuelles Verlangen steht, während es international eher als Mittel benutzt wird, um Anime- und Manga-Pornografie zu beschreiben.

The Untamed hat allerdings nichts mit dem japanischen Markt zu tun, dennoch fühlt man sich sofort an diese Form der abschreckenden Lust-Unterhaltung erinnert. Gleich zu Beginn bekommen wir Darstellerin Simone Bucio zu sehen, wie sie sich scheinbar selbst befriedigt, bevor die Kamera von ihr weg zoomt und sich ein Tentakel aus dem Bild schlängelt. Hier kommt gleich vielfach ein Gefühl von Provokation und Irritation auf. 

Später werden wir noch einen vollen Blick auf die Kreatur mit ihren Tentakeln bekommen, wie sie fest umschlungen einen Frauenkörper hält und mit diesem den unnatürlichen Sexualakt vollführt. Ein Bild das verstört, aber zum Hingucken zwingt. Mit all seiner Aufregung werden in diesem Moment selbst direkte Zooms auf eine Vagina vergessen gemacht, mit denen Escalante zeigt, wo sich die Gefühle seiner Darstellerinnen gerade wirklich abspielen.

The Untamed
Alejandra (Ruth Ramos, rechts) mit Verónica (Simone Bucio, links).

Ein Biest namens Lust, könnte man die Geschichte ebenso nennen. Im Grunde geht es aber erst einmal um ein Familiendrama. Alejandra (Ruth Ramos) und Angel (Jesus Meza) sind ein Ehepaar mit zwei Kindern, die routiniert und gelangweilt voneinander ihrem Sexleben nachgehen, das in Löffelchenstellung und ohne Blickkontakt abläuft, als sei es eine Pflichtveranstaltung. Eigentlich steht Angel auf Fabian (Eden Villavicencio), den Bruder von Alejandra, der als Krankenpfleger arbeitet und seine Homosexualität eher offen angeht, als sie wie ein Geheimnis vor der Gemeinde zu verstecken.

Durch Fabian kommt auch Verónica in diese Konstellation hinein. Sie freundet sich mit ihm an und baut ihre ganz eigene Beziehung zu Alejandra auf. Veró nimmt in regelmäßigen Abständen die Dienste dieses Tentakel-Wesens in Anspruch, das von einem älteren Ehepaar in einer Hütte im Wald versteckt gehalten wird. Die beiden Aufpasser oder Beschützer verstehen sowohl die guten als auch die schlechten Seiten dieser Kreatur, die ein euphorisches Gefühl von Lust und Befriedigung erzeugen kann. Aber ebenso wie es pure Liebe spürbar macht, kann es seine Partner auch lebensbedrohlich verletzen.

Wenn dann auch Alejandra und Angel dieses Wesen kennenlernen und mit ihm (oder ihr?) interagieren dürfen, fühlt sich The Untamed auf einmal wie eine Geschichte von unterdrückten, sexuellen Wünschen an. Jegliches Verlangen kann hier ausgelebt werden. Die Frau darf Lust auf Sex verspüren und wird zu mehr als nur der Männer befriedigenden Ehefrau. Der Mann darf homosexuelle Neigungen zeigen, ganz ohne Geheimnisse – hier ist er sogar sexuell mit einem Alien verbandelt. Niemals geht mit diesem Treiben ein Gefühl von Schuld oder etwas Falsches zu tun einher. Immer ist es die komplette, bedingungslose und uneingeschränkte Lustbefriedigung. 

Während Darstellerin Simone Bucio wie Charlotte Gainsbourg spielt, zeigt sich Regisseur Amat Escalante als Lars von Trier und schon wären wir bei einer mexikanischen Antichrist-Variante angekommen, die dem schwedischen Film um ein Ehepaar, das sich in eine Waldhütte zurückzieht um ihre bröckelnde Ehe wieder aufzupolieren, in Sachen Erregung und Aufregung in Nichts nachsteht.

The Untamed
Alejandras (Ruth Ramos) Ehemann betrügt sie mit ihrem Bruder. Sie kümmert sich um zwei Kinder. Und sie erfährt von einem Tentakel-Wesen, das sexuelle Gelüste befriedigt.

Simone Bucio wird dabei ein großer Teil der Faszination von The Untamed zu Teil. Mit ihrer natürlichen Schönheit lässt man sich von ihr mitreißen, wann auch immer sie verwegen auf ihrem Motorrad platz nimmt und uns einfach nur anschaut. Diese einnehmende Ausstrahlung ist notwendig, um zu verstehen, wie einfach es für sie ist, aus zuerst Fremden recht schnell neue Freunde zu machen und diese dann zu ermuntern, sich in diese einsame Hütte im Wald zu begeben um dort mit einem schwabbeligen Tentakel-Ding den Sexakt zu vollziehen. Davon lässt man sich auch nicht von jeder x-beliebigen Person überzeugen.

Bucio gibt ihrem ruhig Schauspiel – in  einem noch viel ruhigeren Film – eine geheimnisvoll-mysteriöse Aura mit. Sie könnte ebenso als  Fatal durchgehen, die ihr weibliches Jagdverhalten wie Scarlett Johansson in Under The Skin einzusetzen versteht. Beeindruckend ist dabei, dass es sich um das Schauspieldebüt von Bucio handelt und sie diese Performance scheinbar aus dem Nichts heraufbeschwört.

So ruhig The Untamed daherkommt, so aufwühlend ist der Film inszeniert. Escalante umwickelt uns mit seinen filmischen Tentakeln, die sich aus Simone Bucio, Provokation, Irritation und einer pervertiert-lustvollen Darstellung des Sexualtriebs zusammensetzen.

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