„The Square ist ein Zufluchtsort. Hier herrschen Ruhe und Frieden. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten.“ So jedenfalls versucht Kurator Christian die neue künstlerische Installation seines Museums der Öffentlichkeit zu verkaufen. Das ist der Leitspruch der Künstlerin, die damit in Ruben Östlunds The Square auf eine gesellschaftliche Schwäche aufmerksam machen möchte: in der heutigen Zeit ist sich jeder selbst am nächsten, wer Hilfe braucht, steht oftmals ziemlich hilflos alleine da.

The Square zeigt uns eine Welt, die dystopisch egoistisch wirkt, die aber schon längst Realität geworden ist. Journalisten berichten nur über Dinge, die brisant und kontrovers sind. Marketing und PR-Heinis denken sich krass konstruierte Projekte aus, um diese Sensationsgeilheit zu befriedigen, damit man bloß nicht nur die üblichen Kunst-Nerds anspricht, sondern einfach jeden und alles. Das ist doch wohl geil.

Christian, mit wunderbar doppelten Gesicht von dem dänischen Schauspieler Claes Bang verkörpert, ist immer ganz hin und weg, wenn er von diesem Kunstwerk erzählt. Wenn er es detailliert beschreibt, wie sich Menschen in dieses Quadrat retten sollen um von dort aus um Hilfe zu bitten, während die am The Square vorbeigehende Masse mit künstlerischer Ideologie verpflichtet werden soll, Hilfestellung zu leisten, ganz gleich was benötigt wird.

The Square
Claes Bang ist der Museumskurator Christian

Wäre doch nur Christian auch so ein guter Mensch, wenn es mal eben nicht um The Square geht. Aber was erwartet man schon von einem Typen, der selbst den Abbruch einer vorgelesenen Rede und die anschließende freie Rede aus tiefstem Herzen einstudiert.

Bei der gleichen Veranstaltung, wie Christian dieses Schauspiel abzieht, versucht ein Koch verzweifelt die Masse für seine Delikatessen zu begeistern. Irgendwann beginnt er wütend zu brüllen, weil sich niemand für ihn zu interessieren scheint. Alle ziehen ab, nur das Essen im Sinn, ganz gleich welche Leckereien dort auf sie warten. Die Menschen wollen sich belanglos vollstopfen, während der Koch seine Form der Kunst gerne kommunizieren würde.

Alles in The Square ist auf die Ignoranz von Mensch gegen Mensch ausgerichtet und trifft uns beim Anschauen ganz tief in der Seele, außer man kann sich ohne Ausnahme zu den besten Gutmenschen dieser Welt zählen – was kaum jemanden gelingen wird. Dem Film gelingt es allerdings, in einem unfassbar umfangreichen Rundumschlag so ziemlich jede Form der tatsächlich gegenwärtigen Ignoranz in die Handlung zu bringen und uns damit ein Magengeschwür zu verpassen.

Dann wäre da noch dieser Moment bei einem feierlichen Empfang, bei dem ein Darsteller (Dominic West) den wortwörtlichen Affen macht. Er geht durch die fein aufgebauten Tische, gibt laute Primaten-Schreie von sich, erlaubt sich Scherze mit den Gästen oder reißt eine Frau an den Haaren vom Stuhl, springt auf Tische und bedroht einen Mann.

The Square
Dominic West provoziert die Gäste eines noblen Empfangs

Soweit geht er, da er zuvor nur Ignoranz und ein Lächeln erntet. Die meisten Gäste schauen zuerst fasziniert über die Darbietung, senken aber schon bald ihre Blicke gen Boden, wie in der Schule, wenn man vom Lehrer nicht drangenommen werden möchte. Weggucken heißt, was dort vor sich geht, geschieht eigentlich gar nicht. Zumindest möchte man sich das gerne einreden.

Aber irgendwann wird dieses buchstäbliche Affentheater bedrohlich. Als die Frau an den Haaren zu Boden gezogen wird und unter den Schmerzen und dem Schock zu schreien beginnt, springt lediglich ein einziger Mann auf um ihr zu Hilfe zu eilen, wo ein Saal von mehr als hundert Menschen zur Verfügung stände. Da weiß man gar nicht, was eigentlich die größere Bedrohung ist: dieser Affen-Mensch, der mit der Tatenlosigkeit der Gäste spielt – oder aber die Ignoranz, die diese Gäste im Angesicht einer drohenden Gefahr weiterhin an den Tag legen.

Bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, zeigt sich nur zu gut, weshalb die Jury diesen Film als würdig empfunden hat. Ruben Östlund hält uns den Spiegel vor, in dem wir nur die kleinen spitzbärtigen Bösewichte zu sehen bekommen, die für pure Boshaftigkeit stehen. Das Gute im Menschen scheint in der heutigen, schnelllebigen Gesellschaft verloren gegangen zu sein, nicht einmal die jüngere Generation kann in dieser Arena – wie es in The Square heißt – bestehen.