Filmkritik

“The Paperboy” von Lee Daniels

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© Studiocanal

© Studiocanal / Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman und David Oyelowo in “The Paperboy” (v.l.n.r.)

Es ist die flirrende Hitze Floridas, die einem allein vom Zuschauen die Schweißperlen von der Stirn rinnen lässt. Die Everglades, eine Sumpflandschaft im Süden Floridas bieten auf über 6000 Quadratmetern Land- bzw. Sumpffläche eine solch hitzige Atmosphäre. Als Hinterland, nur von Rednecks bewohnt, wird dieses Gebiet immer wieder zum Schauplatz für Filmstoffe, die auf Existenzen am Rande der Gesellschaft Bezug nehmen. Ein Ort, wo sich Psychopathen, Soziopathen und ihre Opfer filmisch in den Mittelpunkt drängen. Drei Figurencharakteristika, mit denen sich Regisseur Lee Daniels nur zu gerne auseinander setzt. Sei es in seinem 2005er Regiedebüt „Shadowboxer“ um eine Auftragskillerin, die nach einer Krebsdiagnose beschließt, gemeinsam mit ihrem Liebhaber und zugleich Stiefsohn einen letzten Auftragsmord durchzuziehen, oder aber in seinem Oscar-prämierten „Precious – Das Leben ist kostbar“ aus 2009, wo eine übergewichtige, misshandelte und ungebildete Teenagerin, die bereits mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, mit der Hoffnung ihrem Leben eine neue Ausrichtung zu geben, auf eine neue Schule geschickt wird.

„The Paperboy“, Lees neuester Film, der im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes seine Weltpremiere feierte und es hierzulande nicht in die Kinos geschafft hat, sondern direkt für die Heimmedien erscheint, basiert auf dem gleichnamigen 1995er Roman des amerikanischen Schriftstellers Pete Dexter. Die Geschichte spielt im Sommer 1969, wo Ward Jansen (Matthew McConaughey), ein renommierter Journalist der Miami Times, in seine Heimat zurückkehrt, einem kleinen Kaff in den Sümpfen Floridas. Hier wurde der skrupellose Sheriff Thurmond Call ermordet. Als Hauptverdächtiger sitzt Hillary Van Wetter (John Cusack) im Gefängnis. Doch Ward will beweisen, dass dieser nichts mit der kaltblütigen Ermordung zu tun hat. Denn Van Wetters Verlobte Charlotte (Nicole Kidman) behauptet, sie habe die entsprechenden Beweise. Doch die Frau erweist sich eher als Sexbombe denn als wirkliche Hilfe. Schnell verfällt Wards kleiner Bruder Jack (Zac Efron) den Reizen Charlottes.

The Paperboy_Szenebild

Und gerade diesen Reizen verfällt man auch gerne als Zuschauer, nicht allein sexueller Natur, sondern schlicht das wunderbare Spiel von Nicole Kidman, die in ihrer Rolle aufgeht, wie es schon lange nicht mehr von ihr zu sehen war. Sie miemt die erwachsen gewordene Lolita-Figur, die Femme Fatale mit Hang zu Gefängnisinsassen – zahlreiche Brieffreundschaften zu Straftätern belegen diese Schwäche, eine starke Anziehung und Faszination empfindet sie aber nur für Van Wetter, passend zur Sumpflandschaft Floridas, ein Alligatorenjäger. Wenn diese beiden Menschen sich in einem Moment des Films gegenüber sitzen, Besuchszeit im Gefängnis, eröffnen sie einen angedeuteten Blow Job. Die Blonde, körperbetont gekleidete Kidman, mit lasziven Zügen, leuchtenden Lippenstift, formt den Mund zu einer eindeutigen Geste, während ihr Gegenüber sich ganz in seiner Fantasie verliert, die ihn bis zum Höhepunkt treibt. Hätte der Film bereits im Vorfeld mehr Aufmerksamkeit erlangt, hätte eine solche Szene es geschafft, Seite an Seite mit Kim Basingers Beinüberschlag in „Basic Instinct“ zu stehen.

Darüber hinaus bietet „The Paperboy“ eine bunte Mixtur aus vielerlei Dingen. Es ist ein Politthriller, eine Coming-of-Age Geschichte, ein Blick auf die Ethik des Journalismus, untermalt mit Motiven der Rassenthematik und Homophobie. Während in der literarischen Vorlage jedoch gerade die journalistische Integrität im Fokus steht, wird im Film eher eine gewisse Sexploitation in den Vordergrund gezogen. Merklich verschwindet Matthew McConaughey immer wieder aus dem Bild, um Zac Efron die Bühne zu überlassen, der mit seinen sexuellen Fantasien und Gelüsten für die ‚Blonde Bombshell‘ Charlotte den Film bestimmt. Auch ist es Efrons freundschaftliche Beziehung zu der farbigen Haushälterin Anita, dargestellt von Sängerin Macy Gray, durch die die Problematiken einer rassistischen Zeit und Gesellschaft zu Tage gefördert werden.

Dadurch, dass der Film vielleicht zu viele Dinge zu verarbeiten versucht, mag er manches Mal etwas konfus anmuten. Aber viel mehr Wert sollte darauf gelegt werden, dass sich Lee Daniels nicht scheut, die Abgründe des Menschen in ihrer ganzen Ausprägung zu zeigen. Mit „The Paperboy“ kann man sowohl in die bunten Spät-1960er Jahre eintauchen, als auch in die farblose Tristesse der bedrückenden Einsamkeit in den Sümpfen Floridas.

 


Packshot_The Paperboy

“The Paperboy“

Originaltitel: The Paperboy
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 107 Minuten
Regie: Lee Daniels
Darsteller: Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, David Oyelowo, Scott Glenn, Macy Gray

DVD/Blu-ray/VoD-Start: 18. Juli 2013
Im Netz: studiocanal.de/dvd/pete_dexters_the_paperboy


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