© Senator/Central / Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman in "The Master"
© Senator/Central / Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman in „The Master“

Noch in 2008 gab Schauspieler Joaquin Phoenix überraschend seinen Rückzug aus Hollywood bekannt, wollte seine Tätigkeit als einer der talentiertesten Darsteller der Filmlandschaft („Gladiator“, „Walk The Line“) an den Nagel hängen. Doch das war alles nur Scharade, wie 2010 deutlich wurde, als „I’m Still Here“ das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Es war Casey Afflecks Regiewerk, eine angebliche Dokumentation über Phoenixs Bestreben sich mit P. Diddys Hilfe im musikalischen Hip Hop Business zu etablieren. Eine Mockumentary, wie sich herausstellte, die laut Phoenix auf dessen eigener Verwunderung beruhe, dass es Menschen gäbe, die den Erzählungen in Reality-Fernsehformaten tatsächlich Glauben schenken würden. Eine Scharade, so könnte man sie bezeichnen, wird auch von Philip Seymour Hoffman in „The Master“ organisiert. Mit ‚The Cause‘ erschafft sein Lancaster Dodd eine Scientology-ähnliche Sektengefolgschaft, die wiederum in Phoenixs Freddie Quell diesen gewissen fanatischen Glauben entfacht, der ebenso wenig nachvollziehbar sein dürfte wie der Glaube an das Reality-TV. Inszeniert hat „The Master“ Paul Thomas Anderson, der Regiemeister der zuletzt mit „There Will Be Blood“ die Erwartungen an all seine Folgewerke ins Enorme gesteigert hat. So wirklich erfüllen kann er das mit diesem Film aber nicht.

Eingangs ist Joaquin Phoenix hier als Soldat Freddie Quell zu sehen, der aber mit seinen Kameraden nicht mehr allzu viel zu tun bekommt. Der Zweite Weltkrieg liegt in seinen letzten Zügen. Man lungert allerhöchstens noch am Strand herum, schon eine Form des Landurlaubs zelebrierend. Hier wird freundschaftlich miteinander gerauft oder weibliche Formen aus Sand aufgehäuft, bis der Krieg dann wirklich irgendwann für beendet erklärt wird und die Wiedereingliederung der Soldaten in das normale Leben beginnt. Hier findet sich Freddie aber nicht so gut ein wie er es sollte. Ohne großes Ziel vor Augen und mit aufgestauten sexuellen Begierden sowie schonungsloser Bereitschaft zur Gewalt findet er keinen festen Platz in einer Gesellschaft, die den Krieg hinter sich gelassen hat, ihn als Fremdkörper wieder in das normale Leben integrieren sollte, den Soldaten aber regelmäßig wieder ausspuckt. Dann trifft er jedoch auf den charismatischen Lancaster Dodd, durch den er seinen Halt im Leben wiederfindet. Dodd hat eine eigene, recht schnell anwachsende Glaubensgemeinschaft gegründet, deren Anhänger ihn zu ihrem ‚Meister‘ gemacht haben. Freddie ist fasziniert von den Lehren des Meisters Dodd und wird nach und nach zu dessen treuesten Gefährten. Doch auch in ihm regen sich irgendwann Zweifel an den totalitären Methoden dieses Glaubensführers.

Joaquin Phoenix als Freddie Quell
Joaquin Phoenix als Freddie Quell

Dabei spielt Philip Seymour Hoffman diesen Mann als absolut glaubwürdige Figur. Man würde ihm gerne selbst überall hin folgen. Als Kommandeur seines eigenen Schiffes traut er zwei seiner Jünger in den heiligen Stand der Ehe. In diesem Moment ist er der ‚Meister‘ der Familiengründung. Er ist aber auch ein Meister im Geschichtenerzählen, hält dieses unbändige Charisma bereit, dass Hoffman selbst zur Verfügung steht. Die Verbindung von ‚The Cause‘ zu Scientology wurde bereits nach der ersten öffentlichen Sichtung des Drehbuchs gemacht. Geschrieben von Paul Thomas Anderson, stellte die Presse schnell die äußerlichen Ähnlichkeiten Hoffmans zu dem Scientology-Gründer L. Ron Hubbard heraus, der während des Zweiten Weltkriegs in der U.S. Navy diente, wie auch Freddie Quell in „The Master“. Nach seiner Entlassung aus einem Krankenhaus hat Hubbard dann 1950 Scientology gegründet, dasselbe Jahr wie auch ‚The Cause‘ im Film mit einem ersten öffentlichen Kongress in Phoenix, Arizona seinen Ursprung hat. Von den Filmemachern dementiert, erscheinen diese Ähnlichkeiten aber als wenig wichtig, denn letztendlich wird deutlich, dass hier nicht die religiöse Glaubensgemeinschaft im Fokus steht – oder gar kritisiert werden soll – sondern das Leben von Freddie Quell, ein Leben welches nach dem Krieg keines mehr ist und einem Mann gehört, der seinen Weg erst noch zurück in das weltliche Leben finden muss.

So charismatisch Philip Seymour Hoffman daher kommt, so sehr ist man vermutlich als Zuschauer von Joaquin Phoenix angewidert. Eine grandiose Leistung, mag man meinen, die Phoenix abliefert, immer einen mürrischen Gesichtsausdruck aufgelegt, selbst sein Lächeln und Lachen verkommt zur Fratze, so dass man sich diesen Mann wahrlich nicht unter Normalbürgern vorstellen mag. Das macht dann seinen Status als Ausgestoßener nur umso leichter verständlich.

Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd
Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd

Mimik und Gestik ist sowieso weitaus bedeutender, durch diese Hilfsmittel sprechen sowohl Hoffman als auch Phoenix, sagen damit mehr aus als mit all ihren Worten, auch wenn man von einem Glaubensführer wie Lancaster Dodd anderes erwarten sollte. Die stärkste Szene, in der eine klare Linie zwischen diesen beiden Charakteren gezogen wird, zeigt sie in benachbarten Zellen, frisch inhaftiert. Dodd steht dort in seinem gebügelten Anzug, lehnt mit dem Ellbogen locker auf der Bettkante, denkt über die Situation nach, macht sich zum Denker und Beobachter. Auf der anderen Seite läuft Freddie Quell Amok, zerstört das Innenleben seiner Zelle, schlägt mit gefesselten Händen um sich, zerlegt sogar das sich hinter den Gitterstäben befindende Klo in seine Einzelteile. Unterschiedlicher könnten diese beiden Männer nicht sein und doch glaubt Quell an ‚The Cause‘, von Dodd erdacht, wie auch dieser an Quell glaubt, dem Menschen, der von den übrigen Anhängern Dodds in ihrer Gemeinschaft ebenso als Fremdkörper wahrgenommen wird wie der Rest der Welt ihn als Teil der Gesellschaft immer wieder von sich stößt.

Wunderbar fügt sich auch die Musik von Jonny Greenwood in dieses Gefüge ein, wechselt zwischen zeitgenössischen Klavierklängen, die die Ruhe von Dodd repräsentieren, zu manisch-klirrenden Lauten, die das Umherirren, dieses aufgewühlt aufgestaute Gefühl Quells wiederspiegeln.

Doch was „The Master“ als Gesamtwerk nicht gelingt, ist es zu berühren. Man verfolgt fast emotionslos das Geschehen, es macht sich ein Gefühl von nicht nachvollziehbarer Bedeutsamkeit breit. Dort könnte gerade ein großartiges Spiel von statten gehen, Philip Seymour Hoffman als ruhiger Lancaster Dodd ist gerade im Begriff auszurasten. Das muss großes Kino sein. Doch aus unerfindlichen Gründen mag die Emotionalität der Figuren auf der Leinwand nicht auf den Zuschauer überspringen. Man behält eine gewisse Distanz gegenüber den Figuren, kann den Darstellern ihr gutes Spiel aber nicht abstreiten. Das macht eine merkwürdige Mixtur aus, die arg am Unterhaltungswert von „The Master“ kratzt.

 


The Master_Hauptplakat

“The Master“

Originaltitel: The Master
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 138 Minuten
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Ambyr Childers, Jesse Plemons, Rami Malek, Laura Dern, Madisen Beaty

Deutschlandstart: 21. Februar 2013
Offizielle Homepage: themaster.senator.de