Das viktorianische London ist für sich schon immer eine Hauptdarstellerin. Dabei ist es ziemlich egal, ob die Nebel durchzogenen Straßen in einem Drama (Jane Eyre), für einen Horrorfilm (Sweeney Todd) oder in Fernsehserien (Penny Dreadful) zum Einsatz gebracht werden. Die Person hinter der Kamera muss sich nicht allzu sehr ins Zeug legen, um aus den mysteriösen Schatten in den verdreckten Straßen einiges an Atmosphäre heraus zu holen. Und so verbreitet sich auch in The Limehouse Golem eine entsprechende Stimmung. Nur leider zieht uns der Film viel zu oft von der Straße weg.

Obwohl dort eine Reihe von Morden geschehen, die in der Bevölkerung für Unruhe sorgen. Irgendwann glaubt man gar, dass es sich um keinen Menschen mehr handeln kann, der die bestialischen Tode zu verantworten hat. Vielmehr soll es eine mythische Kreatur aus dunklen Zeiten sein, die mordend durch die Straßen zieht: der Golem.

Als ein weiterer Mord geschieht und zeitgleich die Musikerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke) beschuldigt wird, ihren Mann vergiftet zu haben, wird Inspector Kildare (Bill Nighy) mit der Aufklärung beider Fälle beauftragt, die für ihn im Zusammenhang stehen. Mit verbissenen Eifer versucht er die Unschuld der Frau zu beweisen, bevor sie gehängt wird. Während er nach Hinweisen in dem Tagebuch des Golems sucht, erzählt Cree ihm von ihrem Lebensweg, wie sie als Tochter einer unverheirateten Frau zur Sängerin aufgestiegen ist.

The Limehouse Golem
Bill Nighy als Inspector Kildare in THE LIMEHOUSE GOLEM.

Es wäre auch zu schön gewesen, hätte man Bill Nighy in The Limehouse Golem als eine Art Sherlock Holmes zu sehen bekommen, der durch das viktorianische London zieht um einen übernatürlichen Fall aufzulösen und ganz nebenher mit einer grandiosen Jungdarstellerin wie Olivia Cooke zusammen zu arbeiten. Es hätte ein wunderbares Doppel der Generationen geben und selbst diverse Neu-Interpretationen von Sherlock Holmes und Dr. Watson in den Schatten stellen können.

Stattdessen verbringen wir viel zu viel Zeit in einem Gerichtssaal, in dem die Verdächtigte für ihre vermeintliche Tat verhört wird. Oder aber wir sitzen mit Bill Nighy in einer Bibliothek und hören uns episodenhaft die Geschichte von Elizabeth Cree an, die uns weg von den Morden, weg von der Atmosphäre, weg von alledem in einen bunten Zirkus eines Schausteller-Lebens führen.

Natürlich wurde diese bunte Welt der Unterhalter von Kameramann Simon Dennis (Peaky Blinders, The Girl with All the Gifts) sehenswert in Szene gesetzt, aber damit wird dem Krimi immer auch die Spannung genommen. Die Atmosphäre Londons stirbt vor unseren Augen dahin. Dabei scheint sich die Kamera in Olivia Cooke zu verlieben, was kein schweres Unterfangen ist, aber irgendwann gehen die zahlreichen Nahaufnahmen damit einher, dass Bill Nighy nur noch schemenhaft im Hintergrund zu erkennen ist.

Nighy, ein unterschätzter Schauspieler, der sich aber durchaus in einer Liga mit Kollegen wie Patrick Stewart oder Ian McKellen befindet, wird ebenso wie der Golem selbst in den Schatten degradiert, um dem sorgenvollen, dem traurigen oder nachdenklichen Gesicht Cookes Platz einzuräumen.

The Limehouse Golem
Wenn Olivia Cooke im Bild ist, muss Bill Nighy in den Hintergrund verschwinden.

Dennoch gelingt es ihm, seine Rolle mit genug Leben zu füllen, um gegen diesen Großaufnahmen-Angriff zu rebellieren. Nighy und Cooke sind hier schauspielerisch ebenbürtig eingefangen – vor allem aber sind sie gemeinsam gefangen in einer langweiligen Inszenierung.

Zwischenzeitlich erwischt man sich gar dabei, sich nach dem Golem zu fragen. Was ist eigentlich aus diesem Kriminalfall geworden? Verfolgt der Inspector überhaupt noch die Spur oder hat er sich ebenso wie die Menschen hinter der Kamera in seine Mit-Darstellerin verliebt? Hat er nicht, aber das Drehbuch von Jane Goldman, basierend auf dem 1994er Roman Dan Leno and the Limehouse Golem von Peter Ackroyd plätschert sich lieber durch eine Randerzählung, als uns mit Spannung zu konfrontieren.

The Limehouse Golem verspricht eine ganze Menge Atmosphäre, einen Kriminalfall und zwei großartige Darsteller und es gelingt dem Film dennoch, sich in der Belanglosigkeit zu verlieren, in der Bill Nighy nur dasitzen darf um Olivia Cooke im Gericht oder in der Bücherei zuzuhören. Eine wahre Gute Nacht-Geschichte zum einschlafen.