Jeff Bridges (links) und Brenton Thwaites (rechts) in "The Giver" von Phillip Joyce
Jeff Bridges (links) und Brenton Thwaites (rechts) in „The Giver“ von Phillip Joyce

Jede vermeintliche Utopie stellt sich zumindest in den derzeit äußerst beliebten Young Adult Novels als grausame Dystopie heraus. Spätestens seit dem Eintritt in das Zeitalter der jung Verliebten und dem zeitgleich stattfindenden gesellschaftlichen Aufstand wie in Die Tribute von Panem praktiziert, hat dieses Bild der Kombination von dystopischer Sci-Fi und Jugendfilm an enormer Bedeutung gewonnen.

Umso überraschender ist, dass The Giver, der neueste Erguss dieser Stilrichtung eine Herzensangelegenheit für Schauspieler Jeff Bridges war, der seit dem Erscheinen des gleichnamigen Romans von Lois Lowry in 1993 eine Kinoadaption im Sinn hatte. Mag der Stoff Anfang der 1990er Jahre noch innovativ gewirkt haben, leidet er nun allerdings unter all den Tributen von Panems, den Divergents und Maze Runnern dieser Filmgeneration.

Zu Beginn lebt die Gesellschaft noch in schwarz/weißen-Zuständen
Zu Beginn lebt die Gesellschaft noch in schwarz/weißen-Zuständen

Es ist nämlich die ewig selbe Leider: Die Teenies werden zu Beginn in Gruppen eingeteilt, die ihren Fähigkeiten entsprechen: ein Generalbaustein für solcherlei Erzählungen – Häuser, Fraktionen, Berufsstände, wohin man auch sieht, müssen die Kids gespalten werden. Wir finden uns am letzten Tag der Jugend wieder, nun folgt der Übergang zum Erwachsenen-sein. Es verändert sich einfach alles – natürlich auch wieder mit einem Dreiergespann im Zentrum der Geschichte, die allesamt ihre Probleme mit der Adoleszenz bekommen.

Wir folgen Jonas, im Buch zwölf Jahre jung, im Film immerhin 16, gespielt von dem 24 Jahre alten Brenton Thwaites, der zuletzt als Prinz Phillip nebst Angelina Jolie und Elle Fanning in Maleficent zu sehen war. Diesem wird in einer bildlich dargestellten schwarz/weiß Welt, in der es an allem fehlt, was der Disziplin der Gesellschaft hinderlich sein könnte, in das Berufsbild des Hüter der Erinnerungen eingeteilt. Er begibt sich buchstäblich „on the edge“, in eine alte Hütte am Rand einer Klippe, in der Jeff Bridges haust, der bisherige Hüter, der nun zum Giver wird, da er sein Wissen, seine Erfahrungen, die Erinnerungen der Gesellschaft, die hier gelagert sind, an Jonas weitergeben soll.

Hierdurch erfährt Jonas von Liebe und vom Krieg, vom fröhlich bunten Miteinander der Menschen, bevor die Welt in schwarz/weiße Disziplin und Effektivität gedrängt wurde. Natürlich gibt es die Schattenseiten. Die Kriegsbilder verstören Jonas außerordentlich, auch der Mord an Tieren für eigennützige Dinge bereitet ihm nicht gerade wohlbefinden. Aber all die schönen Dinge, die Liebe vorne an, die Farben, Gefühle – all dass veranlasst ihn dazu, sein Wissen über all die schönen Dinge des Lebens zu teilen. Er möchte die Welt wieder so sehen, wie wir sie heute kennen – entgegen Meryl Streeps Älteste dieser Gesellschaft, die alles im Lot zu halten versucht.

Je mehr Brenton Thwaites mit Jeff Bridges abhängt, desto mehr Farbe kommt ins Spiel
Je mehr Brenton Thwaites mit Jeff Bridges abhängt, desto mehr Farbe kommt ins Spiel

Wenn man nicht gerade gesagt bekommt, dass The Giver ein Projekt ist, das Jeff Bridges realisiert sehen wollte, man würde vermuten er wäre in Geldnot. Selbst sein hier zu hörendes Genuschel und Gemurmel – sonst recht typisch für den Darsteller – wirkt auf einmal wie ein zu dieser Rolle gezwungenes Spiel, wie eine Rolle aus der er gar nicht erst versuchen möchte mehr heraus zu holen, da sie ihm gänzlich egal erscheint. Er gibt platte Weisheiten von sich, die aus jedem Drehbuch-Standardwerk entnommen sein könnten. Von Leidenschaft merkt man hier niemals auch nur einen Hauch, weder bei Bridges, noch bei der gänzlich unterbesetzten Meryl Streep, auch nicht bei den Drehbuchautoren oder Regisseur Phillip Noyce.

Selbst auf visueller Ebene wurde sich fremd-bedient. Die schwarz/weiß-Welt die langsam in Farbe aufbricht entstammt schon sehr arg Pleasantville, jener Welt in unseren Fernsehgeräten, die 1998 unter der Regie von Gary Ross dem Farbrausch verfiel.

The Giver wirkt leider viel zu rudimentär angelegt, viel zu abgekupfert, ohne auch nur irgendeine eigene Idee zu präsentieren, als dass man es Jeff Bridges gönnen würde, dass dieses Herzensprojekt ein gutes Ende nehmen würde. Viel mehr ist der Film ein Paradebeispiel dafür, dass man nicht immer seinem Herzen, sondern manches Mal eben dann doch auch lieber dem Verstand vertrauen sollte. Von The Giver wünscht man sich derweil, dass der Film einem die verlorene Zeit zurückgibt, die man hierfür im Kinositz abgesessen hat.

The Giver – Hüter der Erinnerung
98 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren, Kinostart: 2. Oktober 2014
im Netz: Offizielle Homepage zum Film
alle Bilder © STUDIOCANAL GmbH Filmverleih