Kinokritik

THE FLORIDA PROJECT ist ein Abenteuer vor den Toren von Disney World

0

Wenn Sean Baker uns in seine Filmwelten führt, dann wirkt auf dem ersten Blick alles immer recht sonnig-fröhlich. Ob nun seine Freundschafts-Geschichte Starlet oder wenn wir eine Nacht mit einer transsexuellen Prostituierten in Tangerine L. A. verbringen, in seinen Filmen schwingt ein Vibe von Frische mit. Der löst sich allerdings immer schnell in Luft auf und uns wird gezeigt, dass wir es eigentlich mit einer Upfuck-Gesellschaft zu tun haben, die sich mehr nach Endstation Leben anfühlt, als nach Disney World. Vor den Toren genau dieses Freizeitparks, in dem Träume wahr werden sollen, zerschmettert der Regisseur in seinem neuen Film The Florida Project Wunschvorstellungen von einem besseren Leben.

The Florida Project zeigt uns das Magic Castle Motel, das von den meisten Leuten gar nicht erst bemerkt wird. Es liegt auf dem Weg zum Magic Kingdom an einer Straße voller Billig-Motels und Touristenfallen. Es beherbergt die unterschiedlichsten Menschen, allesamt nicht unbedingt der Mittel- oder gar Oberschicht zugehörig. Das Motel ist für viele von ihnen zur Dauerbehausung und Endstation geworden.

Hier lernen wir die besten Freunde Moonee (Brooklynn Prince) und Scooty (Christopher Rivera) kennen, wie sie dumme Dinge anstellen, wie es Kinder machen, die den ganzen Tag ihre Freizeit genießen können und wilde Abenteuer erleben wollen. Sie nehmen noch Jancey (Valeria Cotto) in ihre Clique auf und verbringen spaßige Tage nahe dem selbsternannten glücklichsten Ort der Welt.

The Florida Project

Brooklynn Prince (mitte) mit Christopher Rivera (links) und Valeria Cotto (rechts) in THE FLORIDA PROJECT

Moonees Mutter Halley (Bria Vinaite) driftet derweil langsam aus ihrem Leben ab. Sie rutscht gesellschaftlich ganz weit runter, während es auch finanziell nicht besser ausschaut. Sie hat Probleme die Miete zu zahlen, bekommt keinen Job und behilft sich mit dem Verkauf von Parfüm auf den Parkplätzen besser angesehener Hotels. Nur der Motel Manager Bobby (Willem Dafoe) sieht in Halley und Moonee mehr als der erste Blick hergeben will.

Davon gibt es natürlich eine ganze Menge in Hollywood. Normalerweise sind es Filme in denen Kindheit und Jugend idealisiert wird und am Ende der große Traum steht, der durch Glück und Zufall real wird, damit dem Kind ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert werden kann. Oder aber Filme, in denen von oben herab auf Armut geblickt wird. Man soll Mitleid haben, ein wenig Herzensgüte, damit wir uns wohl fühlen können, wenn die Armen am Ende doch irgendwie reich sind. Ob Lottogewinn, Glückslos oder Liebe, Freundschaft, andere Werte die das Leben ausmachen. Hauptsache am Ende wird alles gut.

Sean Baker bewegt sich mit seinem The Florida Project niemals in diesen Gefilden. Das letzte Bild des Films erzeugt dennoch dieses Glücksgefühl. Wenn wir aber weiter denken, werden wir merken, dass sich im Leben von Moonee und ihrer Mutter am Ende nicht sehr viel zum Guten gewendet haben wird. Der Film bewegt sich näher an Stories wie Jacque Audiards großartier Der Geschmack von Rost und Knochen, Andrea Arnolds American Honey und Harmony Korines Spring Breakers – letztgenannter Herr hat die Newcomerin Bria Vinaite dann auch gleich für seinen nächsten Film verpflichtet.

Sie spielt hier Moonees Mutter als selbst nicht wirklich erwachsener Mit-Zwanziger Trash-Teenie, die vermutlich viel zu früh und ungewollt die Verantwortung für ein Kind übernehmen musste. Sie hat keinen Platz in der Welt, sie führt kein Leben für sich, sondern für Moonee und tut das mit aller Liebe, die sich aufbringen kann. Das führt sie an den Rand der Verzweiflung, wovon sie sich vor ihrer Tochter niemals etwas anmerken lassen würde.

Aber im Zusammenspiel mit Willem Dafoe bekommen wir eine Ahnung von ihrem inneren Seelenleben, wie kaputt diese Frau sein muss und wie traurig Dafoes Bobby sie anblickt, als würde er diese Frau genau verstehen, sie retten wollen, aber keine Lösung dafür parat haben. Halley will einfach nur, dass es ihrer Tochter gut geht, das sie Spaß haben und unbekümmert durch den Tag gehen kann. An dieser Aufgabe zerbricht sie.

The Florida Project

Bria Vinaite als Halley mit Brooklynn Princes Moonee.

Moonee und ihre Freunde möchte man derweil Dauer-Ohrfeigen. Sie dürfen einfach alles, weswegen es ihnen niemals in den Sinn kommen würde, dass es Barrieren für sie gibt. Brooklynn Prince spielt ihre Rolle so wunderbar, dass man vergisst, dass sie Moonee nur spielt. Man möchte ihr glauben, dass sie wirklich dieses Mädchen ist. Die besten Jungdarsteller und -darstellerinnen spielen on screen keine Kinder, sondern sie sind einfach Kinder. Und das trifft voll und ganz auf Prince zu, die Spaß und kindliche Unbekümmertheit zeigt, wie aus dem realen Leben genommen.

Regisseur Sean Baker, der gemeinsam mit Chris Bergoch auch das Drehbuch geschrieben hat, wirft einen unaufgeregten Blick auf den Alltag seiner Figuren, während eine Abwärtsspirale sie immer weiter nach unten zu ziehen droht. Es ist eine wiederkehrende Hollywood-Geschichte von einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tochter am unteren Ende der sozialen Leiter. Aber The Florida Project erzählt ehrlich und in Details, statt am Ende eine Moralpredigt über diesen Lebensstil halten zu wollen.

Das macht es allerdings auch nicht einfach, den Film wirklich zu genießen. Mutter Halley würden wir gerne helfen oder die Leviten lesen, den Kindern regelmäßig den Popo verhauen oder Willem Dafoe fragen, weshalb er das alles über sich ergehen lässt und den Job des Motel Managers nicht einfach hinschmeißt. Derselbe Alltag immer und immer wieder, die langsame Abwärtsfahrt und ein ruhiger, geradezu lethargischer Erzählstil, machen Sean Bakers The Florida Project zu einem schönen, aber anstrengenden Film.

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Login/Sign up