Politik ist ein anhaltendes Ziel für Satire. Kein Wunder, wenn man sich aus normalsterblicher Sicht das Treiben der Entscheidungsträger eines Landes betrachtet. Ebenso könnte man sich Mäuse anschauen, die planlos durch ein Labyrinth rennen und nicht wissen, welcher Weg sie zum richtigen Ziel führen wird oder man dreht sich einfach selbst im Kreis um dann benommen vor eine Wand zu rennen. So in etwa könnte man sich die Alltagsarbeit der Mächtigen vor Augen führen. Regisseur Armando Iannucci macht das seit seinem Kurzfilmeinstand Clinton: His Struggle With Dirt durch Serien wie The Thick Of It und Veep – Die Vizepräsidentin oder Filmen wie Kabinett außer Kontrolle und seinem aktuellen Ausflug in die Sowjetunion der Mid-1950er Jahre in The Death of Stalin.

Basierend auf der französischen Graphic Novel La Mort de Staline erzählt Iannucci von dem sowjetischen Machthaber Stalin (Adrian McLoughlin), der in seinem Feriendomizil von einer plötzlichen Gehirnblutung paralysiert wird. Er wird von Mitgliedern seines Zentralkomitees entdeckt, die sich sofort alarmiert zeigen. Vize-Generalsekretär Georgy Malenkov (Jeffrey Tambor) verfällt in immense Panik, wird aber vom Leiter des Innenministeriums Lavvrentiy Beria (Simon Russell Beale) beruhigt und dazu angeleitet, die Führung des Landes zu übernehmen. Heimlich erhofft sich der Innenminister, dass er Malenkov als politische Puppe benutzen kann.

The Death of Stalin
© 2017 Concorde Filmverleih GmbH
(v.l.n.r.) Beria (Simon Russell Beale), Maria (Olga Kurylenko) und Chruschtschow (Steve Buscemi)

Moskaus Parteiführer Nikita Khrushchev (Steve Buscemi) stößt mit dem Rest des Komitees zu Malenkov und Beria. Nur der Außenminister Vyacheslav Molotov (Michael Palin) fehlt, wurde aber eine Nacht zuvor von Stalin noch auf dessen “Feindesliste” gesetzt. Beria riegelt Moskau ab und ersetzt Stalins durch seine eigene Liste, während das Innenministerium anstelle der sowjetischen Armee die Überwachung der städtischen Sicherheit übernimmt. Als Stalin dann wirklich stirbt, müssen dessen Sohn Vasily (Rupert Friend) und seine Tochter Svetlana (Andrea Riseborough), zugleich aber auch das Chaos und Streben nach der Machtergreifung innerhalb des sowjetischen Komitees unter Kontrolle gebracht werden.

Dabei wählt Iannucci einen wunderbaren Einstieg für seinen The Death of Stalin, der uns sogleich mit der Absurdität dieser Welt bekannt macht, sich Zeit für seine Erzählung nimmt und bei der wir sogleich daran erinnert sein möchten, dass es sich lediglich um eine Graphic Novel-Verfilmung handelt, bei weiterer Recherche und dem eventuellen Nachlesen auf Wikipedia im Nachhinein aber merken werden, dass allerhand dieser Unsinnigkeiten tatsächlich genauso geschehen sind.

So der besagte Einstieg, bei dem Joseph Stalin den Mitschnitt eines live übertragenen Mozart-Konzerts anfordert, das aber dummerweise nicht aufgezeichnet wurde. Was bleibt dem Radiosender anderes übrig, als die Zuschauer wieder auf ihre Sitze zu verbannen und das bereits entflüchtete Publikum durch irgendwelche Menschen von der Straße zu ersetzen, um so dieselbe Akustik zu erzeugen. Derweil muss der in Ohnmacht gefallene Dirigent ersetzt werden, während die Pianistin Maria Yudina (Olga Kurylenko) bestochen werden muss, um sich nochmal an ihr Instrument zu setzen.

The Death of Stalin zieht seinen charmanten Witz aus ebensolchen Momenten, in denen schlicht Kuriositäten dafür Sorge tragen, uns ungläubig auflachen zu lassen. Manchmal mutet es an Slapstick an, wie wenn die zahlreichen Mitglieder des sowjetischen Komitees versuchen, in ihren Autos den Vorplatz zu Stalins Domizil zu verlassen, sich dabei aber gegenseitig im Weg stehen.

Bei anderen Filmemachern könnte dies altbacken und abgedroschen wirken, wie aus Charlie Chaplins Zeiten oder aber mit wütenden Schimpftiraden begleitet werden, wenn es unbedingt wieder eine dieser Unter-die-Gürtellinie-Comedies werden soll. Iannucci genießt die Szenerie, lässt sie kommentarlos geschehen und zeigt, wie wundervoll dieser Moment ganz für sich alleine seinen Witz entfalten kann.

The Death of Stalin
© 2017 Concorde Filmverleih GmbH
Georgi Malenkow (Jeffrey Tambur)

Steve Buscemi, der in The Death of Stalin endlich mal wieder eine große und gute, eine wichtige und Aufmerksamkeit erregende Filmrolle bekommt, in der er mal nicht nur neben Adam Sandler spielen muss, hechtet in einer Szene ein Treppenhaus hinauf, nachdem er vor einem Aufzug ein “Außer Betrieb”-Schild sieht. Das allein würde für Iannucci schon ausreichen, um uns zumindest einen Schmunzler zu entlocken. Es geht aber noch weiter. Der Regisseur möchte nicht aufhören, das Comedy-Talent Buscemis zu benutzen, um seinem Film vor allem durch dessen Charme zu seinem satirischen Witz zu verhelfen.

Neben Buscemi ist auch Jeffrey Tambor wichtig für den Ton des Films. Aber im Ganzen gilt, dass The Death of Stalin mehr durch seine politischen Absurditäten, durch die dummen Prozesse der Entscheidungsfindung und das Vorgehen nach dem Ableben Stalins besticht und nicht durch die Akteure. Diese treten in den Hintergrund, auch wenn sie uns mit Namen und Funktionen in Slow Motion vorgestellt werden, als würde der Film hier die Avengers der Sowjetunion versammeln.

The Death of Stalin könnte vermutlich auf jedes politische Kabinett der Welt übertragen werden, um innerhalb dessen das Gegeneinander, das Pläne schmieden, die Intrigen und den Verrat untereinander zu zeigen. Der Film lässt uns dabei geschickt niemals über unmenschliche Grausamkeiten lachen, sondern über absurde Kleinigkeiten und kleingeistige Männer, die hier über ein Land regieren sollen.

THE DEATH OF STALIN ist eine wundervoll-absurde Polit-Komödie, die uns niemals über Grausamkeiten, aber sehr oft über Belanglosigkeiten und Unsinn innerhalb des sowjetischen Stalin-Komitees lachen lässt.