Filmkritik

“The Canyons” von Paul Schrader

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Lindsay Lohan in "The Canyons" von Paul Schrader.

Lindsay Lohan in “The Canyons” von Paul Schrader.

Das die Zunge herausstreckende Mädchen namens Miley Cyrus, einst als Hannah Montana bekannt, gibt derzeit das Paradebeispiel eines typischen Disney Drop-Outs. Lange Zeit wohl behütet in den Armen von Micky Maus aufgewachsen, bricht nun die übersexualisierte Welt über sie hinein. Dass das noch weiter getrieben werden kann beweist das Beispiel Lindsay Lohan. Ihre Karriere startete mit den Filmen Ein Zwilling kommt selten allein und Freaky Friday, beides Produktionen von eben jenem Disneykonzern, der seine Geschöpfe unweigerlich zu späteren Cartoonfiguren des wirklichen Lebens werden lässt. Noch im Mai und Juni befand sich Lohan in einer Reha-Klinik, noch bis November 2014 muss sie eine gerichtlich angeordnete Psychotherapie besuchen. Dann steht der nächste Gerichtstermin an. Das hindert den einstigen Jungstar, jetzt von den Medien und Drogen verbraucht, nicht daran, weiterhin Rollen in Film und Fernsehen auszufüllen. Sie durfte Elizabeth Taylor in dem Fernsehfilm Liz & Dick spielen, war als sie selbst neben Charlie Sheen in Scary Movie 5 zu sehen und absolvierte einen Gastauftritt in Glee. Für gerade einmal 100 US-Dollar pro Drehtag plus einer Gewinnbeteiligung ließ sie sich von Filmemacher Paul Schrader (Drehbuchautor von Taxi Driver und Wie ein wilder Stier) für den von Bret Easton Ellis (Autor der Romanvorlage zu American Psycho) geschrieben The Canyons verpflichten, um hier nackt neben Pornodarsteller James Deen aufzutreten.

Dieser spielt passenderweise den jungen Pornofilmproduzenten Christian, der in seinem Eigenheim im Malibu Carbon Canyon kleine Sexfilmchen mit seinem Smartphone dreht um damit weiterhin über das Geld des Treuhandfonds seines Vaters verfügen zu können. Seine Freundin und Schauspielerin Tara (Lohan) verheimlicht ihm derweil eine Affäre, die sie mit dem Schauspieler Ryan (Nolan Gerard Funk) führt, den sie aus längst vergessenen Zeiten kennt, in denen sie noch, unbehütet von Christian, in Armut selbst ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Christian kommt diesem Treiben nur langsam auf die Schliche. Trotz seiner zurückhaltenden Einstellung gegenüber der Liebe wird er aber nicht nur Eifersüchtig, sondern von gewaltsamen Fantasien und Rachegelüsten heimgesucht, die er in einem Psychospiel mit Tara und Ryan entladen möchte.

Lindsay Lohan

Lindsay Lohan

Vom berühmt berüchtigten Chateau Marmont, das nicht nur in Somewhere von Regisseurin Sofia Coppola einem abgehalfterten Ex-Hollywood-Star als perfekte Umgebung dienlich ist, um seinen persönlichen Absturz geradezu zu feiern, sondern auch im wahren Leben immer wieder gescheiterten Existenzen Unterkunft gewährt, bis hin zum Sunset Plaza, durchleben die Protagonisten in Schraders Film den stereotypen Hollywoodalltag in Los Angeles, mit allen seinen niederträchtigen Verführungen, dem Filmbusiness, verwöhnend wie zerstörend zugleich. In dieser Welt wirkt es geradezu lächerlich wenn Tara den Wunsch nach einem Teil ihres Lebens äußert, der von der Öffentlichkeit verschlossen bleibt. Noch merkwürdiger erscheint es, dass ausgerechnet Lindsay Lohan diese Worte in den Mund nimmt, die Person, die sich über die letzten Jahre hinweg mit negativen Schlagzeilen über Wasser hielt, sonst längst in Vergessenheit geraten wäre.

Dass das Privatleben in Hollywood, aber auch außerhalb dieser Welt für sich, schon lange keinen Bestand mehr hat, dass zeigt die Methode Christians, wie er im Filmbusiness überlebt. Nur mit seinem Smartphone ausgestattet sind es eigentlich keine Filme mehr, die er dort dreht, sondern kleine Heimvideos, die dennoch das nötige Geld einbringen. Der Tod des Films, das ist etwas, was Regisseur Paul Schrader hier gar nicht so unterschwellig anbringt. Sein Film ist unterteilt in mehrere Kapitel, nach Wochentagen benannt, mit Bildern von heruntergekommenen, längst verwest und verschlossenen Kinokomplexen unterlegt. In einer Unterhaltung in einem Cafe an eben jenem Sunset Plaza fragt Lohans Tara eine Bekannte, wann diese zum letzten Mal wirklich im Kino gewesen sei. Als Antwort setzt diese an, sie sei erst kürzlich auf einer Premiere entlang stolziert, einer jener Veranstaltungen, auf denen man sehen und gesehen werden will, nicht aber wirklich der Film von Interesse wäre.

James Deen

James Deen

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus The Canyons, der sich darüber hinaus weitaus mehr darum bemüht, sich selbst als eine Mixtur aus Softporno und Soap-Opera darzustellen. Die Frauen, mitsamt Lohan, werden oben ohne gezeigt, die Männer unten ohne, eine Darstellung die vor allem Pornodarsteller James Deen nicht unbekannt ist. In so vielen Erotikfilmen soll er mitgespielt haben, dass es keine klar definierbare Zahl gibt, die einen Überblick über sein Schaffen bieten könnte. Vermutlich deswegen kommt er nicht mehr ohne die entsprechende Mimik aus, zieht die Mundwinkel immer wieder zu dieser scheinbar als erotisch geltenden Schmolllippe hinauf. Dann beschaut man sich doch lieber die Lohan, die sich offenbar weiterhin als Elizabeth Taylor durchschlägt, die Cleopatra mit ihren langgezogenen Eyeliner kopiert. Aber gerade Lohan ist es dann auch, die den Film aus seiner Mittelmäßigkeit erhebt. Als eine Figur, die sich halb selbst repräsentiert, halb auf Lohan zugeschnitten zu sein scheint, stellt sie sich Fragen nach der Existenz des wirklichen Glücks. Gibt es das überhaupt noch? Was heißt glücklich-sein überhaupt? Tara hat sich damit abgefunden ein Leben zu führen, dass Reichtum und Abhängigkeit vor die eigenen Erfolge stellt. Der einfache Weg.

Immer wieder sucht dabei die Kamera von John DeFazio die Blicke seiner Darsteller, die den Zuschauer direkt treffen, als solle die vierte Wand durchbrochen werden. Auch hierdurch wird die Verschmelzung deutlich, die The Canyons vornimmt. Fiktion oder Realität, die wahre Lohan oder Tara, man mag sich kein Urteil erlauben. Dieser Wulst aus Dingen, die hier aufeinandertreffen, ergibt jedoch keinen größeren Sinn. Die Schaulust ist allein auf Lohan zu beziehen, nicht auf die Geschichte, die als Soap-Porn in einer Schublade ganz weit unten im Schrank verschwinden sollte.

 


The Canyons_Filmposter

“The Canyons“

Originaltitel: The Canyons
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 99 Minuten
Regie: Paul Schrader
Darsteller: Lindsay Lohan, James Deen, Nolan Gerard Funk, Amanda Brooks, Tenille Houston, Gus van Sant

Heimmedienstart: 17. März 2014
Im Netz: facebook.com/TheCanyonsFilm


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