Filmkritik

“The Broken Circle” von Felix van Groeningen

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© Pandora Filmverleih / Johan Heldenbergh und Veerle Baetens in "The Broken Circle"

© Pandora Filmverleih / Johan Heldenbergh und Veerle Baetens in “The Broken Circle”

Auf der diesjährigen Berlinale wurde das Europa Cinemas Label für den besten europäischen Film an „The Broken Circle Breakdown“, den neuen Film des belgischen Regisseurs Felix van Groeningen („Die Beschissenheit der Dinge“) verliehen. Vier Filme werden pro Jahr mit dieser Auszeichnung bedacht, jeweils auf den großen Filmfestivals in Cannes, Venedig, Karlovy Vary und eben Berlin. In der Jurybegründung heißt es, dass van Groeningen einen schönen und originellen Weg gefunden habe, auf die Beziehung eines Elternpaares zu ihrer tödlich erkrankten Tochter einzugehen. Dabei würden sowohl die Kameraarbeit als auch das nicht lineare Erzählmuster hervorstechen. Außerdem würde die Musik einen großen und wichtigen Teil des Films einnehmen. Johan Heldenbergh und Veerle Baetens, hier als Didier und Elise zu sehen, die Eltern der kleinen Maybelle (Nell Cattrysse), erschaffen mit ihrer Bluegrass Band nicht nur den Soundtrack für den Film, sondern auch die Quelle aller Energie und Hoffnung für das kleine erkrankte Mädchen und damit zugleich für die Zuschauer.

Elise und Didier sind dabei ein eher ungewöhnliches Liebespaar. Das wird vom ersten Moment an deutlich. Elise hat ein Tattoo-Studio, Didier spielt Banjo in einer Band. Er ist ein überzeugter Atheist sowie ein hoffnungsloser Romantiker. Sie schmückt ihren gesamten Körper mit farbenfrohen Tattoos und ist eine Frau die selbst über ihr Leben bestimmen kann. Als die beiden sich zum ersten Mal begegnen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Das damit einhergehende Glück gipfelt in der Geburt ihrer Tochter Maybelle. Doch im Alter von sechs Jahren erkrankt das kleine Mädchen. Dieses Ereignis soll zum Wendepunkt für die Beziehung von Elise und Didier werden. Der Zauber vom Anfang verfliegt langsam, die zueinander aufgebaute Nähe durch ihre gemeinsame Leidenschaft für Bluegrass Musik schwindet. Der vollständige Kreis des Glücks, vom Kennenlernen über die ungewöhnliche Hochzeit bis hin zur Geburt der Tochter wird zerbrochen.

Veerle Baetens

Veerle Baetens

Aber bis zum Bruch ist es erst noch eine Menge Musik. Hiermit beginnt der Film: Mit einem von mehreren auf einer kleinen Bühne stehenden und in weiß gekleideten Herren gesungenen Song. Hierher wird der Film am Ende zurückkehren um von der fast ersten Begegnung von Elise und Didier zu erzählen. Es ist ein Moment, in dem Elise das Verliebt sein in die Augen geschrieben steht, ein Moment der durch Musik und Blicke eine einzigartige Atmosphäre erschafft. Als Zuschauer ist es einer von wenigen freudvollen Momenten des Films, die in der ersten Hälfte noch hoch frequentiert aneinander gereiht sind: Die wirklich erste Begegnung im Tattoo-Studio von Elise und das daraus resultierende Date, die Unterhaltungen über gute Musik, schon bald immer wieder gefangen in sexuell aufgeladenen Momenten, die sich an vielerlei unterschiedlichen Orten entladen. Beide frönen dabei einem gewissen Körperkult, zeigen durch den Umgang mit ihrer eigenen Sexualität die Freude die sie am Leben verspüren. Elise macht ihren Körper durch unzählbare Tattoos zu einem Schauobjekt, Didier scheut sich nicht davor seinen Körper nackt zu präsentieren, liebt die Freizügigkeit. Die Harmonie, die die beiden füreinander entwickeln, treibt sie an, ihre Musik auf immer größer werdende Bühnen zu bringen. Immer mehr Menschen lassen sich von seinem Banjo Spiel und ihrem Gesang mitreißen, bedanken sich mit ihrem Applaus für die Bluegrass Töne. Wenn eben diese Musik erklingt, ob man nun Freund dieses Stils ist oder nicht, schweigt man still und beobachtet, soviel Gefühl steckt Darstellerin Veerle Baetens in ihre Performance.

So gebannt man ihr beim Töne ins Mikro hauchen zuschaut, so gebannt sieht man aber auch zu, was Regisseur Felix van Groeningen mit Maybelle, der Tochter dieses bis zu einem gewissen Punkt glücklichen Ehepaars anstellt. Gebannt vor Schock. Das kleine sechsjährige Mädchen wird immer schwächer. Sie erkrankt an Krebs und muss zur Chemotherapie ins Krankenhaus, wo sie mit halb ausgefallenen Haaren einer alten Frau im Körper eines kleinen Kindes gleicht. Leidlich denkt man an die Worte ihres Vaters zurück, der noch vor ihrer Geburt zu seiner Frau meinte, dass er nicht über das Leben eines anderen Wesens bestimmen wolle. Ausgerechnet er sieht sich nun aber mit einer solchen Situation konfrontiert, wo ein junges Leben auf seine Unterstützung angewiesen ist. Später wird Didier sogar noch mehr gefordert, wenn er aktiv über Leben und Tod bestimmen muss.

Johan Heldenbergh mit Nell Cattrysse

Johan Heldenbergh mit Nell Cattrysse

Dabei verleiht Johan Heldenbergh seiner Figur immer etwas von einem tragischen Clown. Ein Mann der das Leben immer genießen konnte, der nicht von Geldnot geplagt auf einem idyllischen Bauernhof lebt, wo er jederzeit Splitterfasernackt umher laufen kann um so seine Freiheit zu feiern. Diese starken Bilder wirken umso mehr, werden durch die ihn ereilenden Schicksalsschläge kontrastiert. Aber nicht nur Heldenberghs Spiel, sondern auch dass seiner Filmfamilie unterstützt die Tragik der Geschichte. Die kleine Nell Cattrysse zeigt sich anfangs noch als aufgewecktes Mädchen, dass mit der Unterstützung ihrer Eltern der Krankheit die Stirn bieten möchte, dann aber doch von ihr zerfressen wird. Wenn ein so unschuldiges kleines Wesen mit großen Augen fragt, was denn nun wirklich mit einem Menschen nach dessen Tod geschieht, muss man unweigerlich der Ernsthaftigkeit dieser Frage Tribut zollen und tief und schwer schlucken. So auch ihr Papa, ein Realist der seiner träumerischen Ehefrau unter Tränen klarzumachen versucht, dass der Tod das endgültige Ende eines Lebens bedeutet, ohne Himmel und Hölle, ohne Wiedergeburten oder anderen, in seinen Augen, märchenhaften Vorstellungen über das Leben nach dem Tod. Der Frage seiner Tochter weicht er lieber so gut es geht aus, will sie weder belügen noch mit seinen eigenen Wahrheiten belasten. Es zerreißt uns dann Innerlich, wenn dieser Mann im Krankenzimmer steht, am ganzen Körper zitternd, vor sich seine Frau auf dem Krankenbett liegend, mit der toten Tochter in den Armen.

Gut dass der Film seine Zuschauer damit nicht im Raume stehen lässt. Angenehm rührend tritt in solchen Momenten – oder kurz danach – die Musik in den Vordergrund, kehrt die traurigen Emotionen in etwas beschwingt Leichtes, fast schon Fröhliches um. Hier erbringt Felix van Groeningen durch den gezielten Einsatz der Musik den Beweis, dass diese eine heilende Wirkung haben kann. Wenn am Sterbebett oder auf der Beerdigung gesungen wird, klingt das niemals traurig, sondern wie feierlicher Gesang – niemals deplatziert, sondern erlösend und befreiend.

Da van Groeningen seinen Film zeitlich sprunghaft erzählt, die Wirkung von einzelnen Erinnerungsfetzen nutzt, schleicht sich der Tod Maybelles auch nicht an das dramatische Ende von „The Broken Circle“. Die zweite Hälfte beschäftigt sich viel mehr mit Elise und Didier in ihrem Post-Traumatischen Zustand, fast noch dramatischer anzusehen als der Tod ihrer Tochter. Hier geschehen gegenseitige Schuldzuweisungen, Ablenkungsversuche, der Verfall in die Lethargie und Weinkrämpfe. Hier wird deutlich, dass eine Familie zerbrochen ist, der man so sehr wünschen würde wieder zueinander zu finden. Der Wunsch der Besserung geht dann aber auch noch verloren, die letzten Minuten des Films zerstören die Familie noch mehr – aufgefangen lediglich durch die Musik, die an dieser Stelle dringend notwendig ist um nicht der totalen Verzweiflung zu verfallen. Denn Felix van Groeningen nimmt seinem Didier alles weg was er jemals gewonnen hat, lässt ihm nur, was er von Anfang an sein eigen nennen durfte: die Musik.

 


The Broken Circle_Hauptplakat

“The Broken Circle“

Originaltitel: The Broken Circle Breakdown
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: B / NL, 2012
Länge: ca. 112 Minuten
Regie: Felix van Groeningen
Darsteller: Johan Heldenbergh, Veerle Baetens, Nell Cattrysse

Deutschlandstart: 25. April 2013
Im Netz: brokencircle.pandorafilm.de


Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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