© Tobis Film GmbH & Co. KG / Der "Bling Ring" von Sofia Coppola
© Tobis Film GmbH & Co. KG / Der „Bling Ring“ von Sofia Coppola

Man würde es so gerne erleben, das Dasein in einer gänzlich freien Kultur, befreit von Restriktionen, zugleich aber auch befreit von jeglichen wirtschaftlichen Gedanken. Eine freie Kultur eben, in der man sich keine Gedanken mehr machen zu braucht, über finanzielle Dinge, über den Zugang zu Wissen und Unterhaltung. Auch wenn das World Wide Web immer mehr in eine entgegen gesetzte Richtung steuert, so wird es doch vermutlich immer ein Medium bleiben, mit dem man bewusst oder unbewusst zum Voyeur werden kann. Per raffinierter Suchmaschine und StreetView erhält man einen virtuellen Zugang zu Orten, die sonst verschlossen bleiben würden. Wo wohnt eigentlich…? Und wie sieht sein/ihr Haus aus? Fragen, die aus weiter Ferne betrachtet unbeantwortet bleiben würden, hätte die Technik uns nicht die Möglichkeit des Ausspähens gegeben. Wo jedoch manche Menschen die weltumspannende Draufsicht auf das Äußere bereits als Einbruch in die Privatsphäre sehen, überschreitet der „Bling Ring“ von Regisseurin Sofia Coppola, auch noch diese Schwelle. Der Bling Ring tritt von außen nach innen, genießt dabei die Kultur und Unterhaltung genau so, wie viele es heute im Internet handhaben: gänzlich umsonst, mit ein wenig Nervenkitzel als Dreingabe.

Irgendwie könnte man auch meinen, dass es genau das ist, wovon viele Eltern heute träumen. Ihre Kinder sitzen nicht den ganzen Tag vor einem PC, wo sie starr auf den Bildschirm blicken, als seelenlose Zombies den umfangreichen Möglichkeiten ausgeliefert. Konsum 2.0. Smartphones sei Dank, bewegen sie sich wieder an die frische Luft, leben ihr Leben in der Realität. Sie treffen sich mit Freunden und verlagern die elterliche Verantwortung in die jeweilige Jugendgruppierung, in ihre Peer Groups. Auch in „The Bling Ring“ macht Coppola, die immer wieder gerne die Einsamkeit ihrer Figuren erforscht, schnell deutlich, dass die Eltern ab einem gewissen Punkt keinen Einfluss mehr auf ihre Kinder haben. Dabei zeigt sie eine erzieherische Reise von Desinteresse gegenüber den Zöglingen bis hin zur unnötigen Überfürsorge. Ganz gleich durch welche Form von Inkompetenz eingefangen, die Mitglieder des Bling Rings sind letztendlich alles alleingelassene Jugendliche, die den schief hängenden Haussegen, die Oberflächlichkeit die sie ihren Eltern entgegen bringen, da diese ihre Welt eh nicht mehr verstehen, zu kompensieren versuchen.

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Hierfür konstruierte Sofia Coppola für ihren Bling Ring die filmische Version eines realen Vanity Fair Artikels, in dem Autorin Nancy Jo Sales im März 2010 davon berichtete, wie eine Gruppe von Jugendlichen sich durch das Lesen von Boulevardnachrichten darüber informierte, welcher Hollywood-Promi gerade auf welcher Party tanzte und dementsprechend sein Eigenheim vermeintlich unbeaufsichtigt zum Shopping Center für Einbrecher werden ließ. In diesem Fall eben dem Bling Ring, ein paar Mädels und ein Junge, sowie außenstehende Kontaktpersonen, die aus der heißen Ware Geld machten. Das alles entwickelt sich im Film aus bereits zuvor vorhandenen kriminellen Energien. Ob aus Langeweile oder aus Neid, dem Lebensstil der Promis nacheifernd, weil das eigene Leben nicht viel hergibt, stehlen die Teenies Wertgegenstände aus offen stehenden Autos. Aus diesen kleinen Delikten macht die Drehbuchdramaturgie, für die sich ebenfalls Frau Coppola verantwortlich zeigt, ein immer größer werdendes Verbrechenspotential. Die Dummheit der Opfer – offen stehende Türen, unbewachter Schmuck – wird zum einfachen Unterhaltungsspaß für den Bling Ring.

Die besagte Realität, in der sich die Kids befinden, wird an dieser Stelle offenbar nicht mehr als solche wahrgenommen. Das virtuell gelebte Leben verlagert sich in die richtige Welt. Dabei verschwimmen die Grenzen der Moralvorstellungen. Ein Diebstahl, wie er im Internet geschieht, wenn man zum Beispiel unerlaubt ein Musikstück herunterlädt, wird zum Schmuckraub im Hause Paris Hilton. Ob das als Verbrechen wahrgenommen wird, beantworten die Partyfotos mitsamt dem besagten Diebesgut, die in Portraitfotos über Facebook veröffentlicht werden. Immerhin möchte man sich mit den Neuerrungenschaften ja präsentieren. Da ist sie, die Generation die nach Aufmerksamkeit strebt, keine Scham vor der Selbstdarstellung im Netz kennt. So geraten die Kleider, die Schuhe und Brillen der Promis, die Hüte von Designerfirmen wie Mui Mui, von Prada und Gucci auf die Facebook Bilder von Jugendlichen, die sich in ihrem Freundeskreis auch noch damit brüsten bereits mehrmals im Haus von Paris Hilton ein und ausgegangen zu sein – es wurde wirklich in ihrem Haus gedreht, so überbordend kitschig und selbstverliebt es auch wirken mag. Aber auch Rachel Bilson, Lindsay Lohan oder Orlando Bloom werden hier und wurden in der Realität Opfer des Bling Rings.

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Auch wenn sich der Film in die schrille Welt der ‚Rich & Famous‘ wagt, bleibt Coppola doch ihrem ruhigen Blick auf die Dinge treu, erzählt eben nicht alles, was hier gesagt werden könnte. Schon in „Lost in Translation“ (alternder Filmstar) oder „Somewhere“ (abgehalfterter Filmstar) brillierte die Regisseurin und Tochter von Francis Ford durch unausgesprochene Tatsachen, durch Emotionen, die im Inneren der Figuren verborgen bleiben, die man als Zuschauer aber deutlich zu spüren bekommt. Da macht es ihr der Bling Ring geradezu einfach, allesamt arg auf Oberflächlichkeiten eingestimmt, zickig-verwöhnte Gören, deren gesamter Lebensinhalt auf das beste Duckface-Foto im Netz abzuzielen scheint. Dem Spiel der Darstellerinnen verdankt man es, dass mehr Tiefe in dieser Draufsicht auf die Charaktere entsteht. Dabei fügt sich Emma Watson gut in die Gesamtriege der Jungdarsteller ein, ohne das Rampenlicht zu sehr auf sich zu lenken. Vielmehr ist es Newcomerin Katie Chang, die treibende Kraft hinter dem Bling Ring, die hier ein beeindruckendes Spiel zwischen naiver Unschuld und abgebrühter Boshaftigkeit präsentiert. Aber nur der Zusammenschluss aller Mädels macht „The Bling Ring“ so facettenreich und unterhaltsam, was seine Persönlichkeiten betrifft.

Ohne großen Aufwand schafft Coppola damit einen sehr zeitgenössischen Film, in den sich gerade eine junge Generation wiederfinden wird. Coppola überschreitet mit ihrer Inszenierung die Außenansicht ihrer Figuren, dringt ohne es in das Zentrum ihrer Erzählung zu stellen, in das emotionale Innenleben ihrer ‚Bad Girls‘ und dem ‚Bad Boy‘ ein, die einfach nur ihrem Umfeld entkommen wollen, sich hierfür dem Lebensstil bedienen, den sie im World Wide Web erlernt, nun auf die Realität anzuwenden versuchen. Und am Ende stehen sie nicht einmal als die Bösen dar, denn wir alle verstehen sie nur zu gut. Ein Leben unter den ‚Rich & Famous‘, zumindest für eine Zeit lang könnte sich das wohl jeder ganz gut vorstellen.

 


The Bling Ring_Hauptplakat

“The Bling Ring“

Originaltitel: The Bling Ring
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 91 Minuten
Regie: Sofia Coppola
Darsteller: Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga, Georgia Rock, Leslie Mann, Gavin Rossdale

Deutschlandstart: 15. August 2013
Im Netz: theblingring.com