Filmkritik

“Am Himmel der Tag” von Pola Beck

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© Kinostar / Aylin Tezel als Lara in “Am Himmel der Tag” von Pola Beck

Es ist nicht so, dass Schauspielerin Aylin Tezel vor 2011 gänzlich unbekannt gewesen wäre, aber ihre Rolle in der Tragikomödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“, in der sie eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Heimatgefühl und ihrer Identität spielt, hat sie zumindest ins Gespräch gebracht. Alles weitere erledigte ihr Engagement als bis dato jüngste „Tatort“-Kommissarin: Als Oberkommissarin Nora Dalay ermittelte sie bisher in zwei Dortmunder Episoden der deutschen Krimireihe. Damit ist sie fernab von vielen deutschen Darstellern, die sich allenfalls in seichten Komödien auf die Leinwände oder Bildschirme trauen. So ist auch ihr neuester Auftritt eine Gratwanderung zwischen lockerem Studentenleben und dem bitteren Ernst des Lebens. In Regisseurin Pola Becks „Am Himmel der Tag“, ihr Abschlussprojekt an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, spielt Aylin Tezel die Architekturstudentin Lara, die auch irgendwie auf der Suche ist, ist sie doch mit ihrer derzeitigen Identität so überhaupt nicht zufrieden.

Denn Lara (Tezel) weiß nicht so recht, was sie eigentlich will. Sie ist gerade einmal 25 Jahre jung und könnte schon bald am Ende ihres Studiums angelangt sein. Aber als Architektin arbeiten will sie ganz sicher nicht, denn die Thematik mag ihr so ganz und gar nicht gefallen. Mit ihrer Freundin Nora zieht sie ziellos durch die Nachtclubs, findet aber auch daran keinen großen Gefallen mehr. Nach einem spontanen Liebesspiel mit dem Typen von der Theke wird Lara dann ungewollt schwanger. Zwar zweifelt sie zuerst daran, dass dieses Kind eine Chance für sie sein könnte aus ihrer Tristesse zu entkommen, stürzt sich dann aber begeistert in diesen vollkommen neuen Lebensabschnitt. Im sechsten Monat stirbt dann aber ihr Kind. Aus Angst, den gerade neu gefundenen Sinn ihres Lebens begraben zu müssen, behält sie das tote Baby im Bauch und mimt nach außen weiterhin die werdende Mutter.

Aylin Tezel (rechts) mit Henrike von Kuick (links) in der Rolle der Nora

Dass das Leben ganz und gar nicht immer nach Plan verläuft, wird in „Am Himmel der Tag“ deutlich in den Vordergrund gestellt. Ganz gleich was Protagonistin Lara auch anstellt, irgendwie mag ihr Lebensweg nicht die Richtung einschlagen, in die sie sich gerne bewegen würde. Wenn der Zuschauer Lara kennenlernt, sieht er dennoch erst einmal eine quietsch vergnügte 25 Jahre junge Architekturstudentin, die sanft zärtlich mit ihrer besten Freundin Nora herum knutscht; der Mund, die Augen, dann der Kuss, alles in Nahaufnahme, alles ganz intim, als würde hier gleich noch mehr folgen. Erst einmal irritiert vom plötzlichen Ende der Situation, stellt sich dann aber auch bald heraus, dass beide Mädchen auf Männer stehen, die homoerotische Spannung zwischen den beiden mag zwar nicht abklingen, aber die Orientierung auf den gemeinsam besuchten Partys richtet sich deutlich zum anderen Geschlecht.

Nur ein Indiz für das planlose Treiben in dem Lara sich befindet. Mann oder Frau? Ist ihr Studium wirklich das richtige für sie? Soll sie eine Gelegenheit nutzen und mit ihrem Dozenten knutschen oder doch lieber mit dem Typen hinter der Bar. Hier fällt die Entscheidung auf den Barmann, ein Quickie auf dem Klo führt dann dazu, dass Lara beim Frauenarzt ihre Schwangerschaft bestätigt bekommt. Zuerst zwar ein Schock, wird das Baby in ihrem Bauch zum Sinn gebenden Motiv ihres Lebens, auf einmal hat alles Struktur, das Studium kann hingeworfen werden, Lara ist jetzt werdende Mutter, ein Lebensweg mit dem sie sich voller Vorfreude arrangieren kann.

Es gibt nur noch einige Hürden zu überwinden, wie dem unvermeidbaren Gespräch mit ihren Eltern, die ebenfalls hervorragend die „Das Leben verläuft nicht nach Plan“-Regel demonstrieren, sich auseinander gelebt haben, scheinbar nur noch wenig Liebe füreinander empfinden, in getrennten Zimmern nächtigen. Auch sie haben sich ihr Leben sicher ganz anders vorgestellt. Die Mutterschaft verändert derweil Laras Interessen, ihre Freundin Nora schwärmt vom Studium, von den Gelegenheiten die sich ihr bieten, aber Lara hat kein Ohr mehr für solche Geschichten, ist viel zu sehr im Gedanken damit beschäftigt das Kinderzimmer einzurichten – man mag als Zuschauer denken, dass sich hier das Konfliktpotenzial des Films entwickelt, aber dann schlägt wieder das Leben zu, es ereilt Lara eine Situation, bei der sie wieder auf ihre beste Freundin angewiesen ist, sie aber selbst ihr zuerst nicht die Lage schildern mag, in der sie sich plötzlich wiederfindet: Ihr Baby stirbt im Mutterleib, die Ärztin rät die operative Entfernung des toten Körpers, sonst könnte dies tödliche Folgen für Lara haben. Aber sie klammert sich an ihr totes Kind, möchte den gefundenen Sinn ihres Lebens, der ihr so ans Herz gewachsen ist, nicht aufgeben. Die eigene Vorstellungskraft verabschiedet sich derweil ins eklige, ein totes Kind wird weiterhin in diesem jungen Körper mitgetragen, ein Bild vor Augen, auf welches man gut hätte verzichten können.

Aylin Tezel

Aber Aylin Tezel, Hauptdarstellerin und fast alleinige Zugkraft in diesem Drama, spielt mit voller Überzeugung die junge nicht mehr Mutter, spielt das Driften ebenso überzeugend, so umherirrend, wie die Freude über den Wegfall ihres alten Lebens, über den Sprung in eine neue Lebensära, in eine ganz neue Existenz. Das Baby spielt dabei gar nicht eine so große Rolle, es ist nur ein stellvertretendes Symbol für Laras eigenes Leben, eine Neugeburt, die jedoch scheitern soll. Fast makaber wirken dann Sequenzen, in denen Tezel auf dem Geburtstag ihres Filmvaters sitzt – bereits davon in Kenntnis gesetzt dass ihr Kind tot ist – und „Wie schön das du geboren bist“-Gesänge über sich ergehen lassen muss. Das sind dann Momente der seelischen Selbstverstümmelung, in denen man am liebsten selbst aufstehen und wegrennen möchte.

„Am Himmel der Tag“ wählt gute Ansätze, hätte ein intensiv-trauriges Drama werden können, traut sich dann aber eine solche radikale Innovation nicht zu, verfällt am Ende in ein typisches Filmmuster, nach dem es der Protagonistin zumindest ansatzweise wieder gut gehen soll. Die Provokation hätte auf die Spitze getrieben werden können, Lara hätte das Kind in ihrem Bauch behalten und wahrlich daran zerbrechen können, was wäre das für ein einmaliges Ende für den deutschen Film gewesen, ein Aufreger, das so etwas gezeigt werden würde. Aber hier macht der Film einen Rückzieher, verlässt hierdurch nicht die Mittelmäßigkeit. Die Identifikation als anspruchsvoller Fernsehfilm fällt dementsprechend einfach, als Kinofilm wirkt das Ganze dann doch etwas zu klein.

Denis Sasse

“Am Himmel der Tag“

Originaltitel: Am Himmel der Tag
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2012
Länge: ca. 89 Minuten
Regie: Pola Beck
Darsteller: Aylin Tezel, Henrike von Kuick, Tómas Lemarquis, Godehard Giese, Marion Mitterhammer, Lutz Blochberger

Deutschlandstart: 29. November 2012
Offizielle Homepage: am-himmel-der-tag.de

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