Filmkritik

“Stoker” von Park-chan Wook

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / Mia Wasikowska und Matthew Goode in "Stoker".

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / Mia Wasikowska und Matthew Goode in “Stoker”.

Eine Thematik, wie sie im modernen Kino immer öfter erlebt werden kann und sicherlich nicht zuletzt aufgrund von wahren Tragödien zum Schocken der Zuschauer prädestiniert ist. Das Kind, der Jugendliche mit der Waffe in der Hand evoziert Bilder an die Realität manch schrecklicher Taten. Tara Lynne Barr (Jahrgang 1993) begleitet in „God Bless America“ als Roxy den unheilbar kranken Frank (Joel Murray) bei seiner Mission, die Gesellschaft von ihren widerlichsten Vertretern zu befreien. In einem Anflug von Medien- und Konsumkritik an das typisch-amerikanische Alltagsleben, durchzogen von populärkulturellen Inhalten und dem Internet, wird hier zur Waffe gegriffen um die Erlösung herbei zu führen. Lynne Ramsey erzählt „We need to talk about Kevin“ aus der Sicht einer Mutter (Tilda Swinton), deren Sohn (Ezra Miller) auf der Suche nach eben dieser Erlösung ein zerstörerisches Verhalten an den Tag legt, bis er im letzten Akt mit Pfeil und Bogen in die Turnhalle seiner High School marschiert und damit die Realität zitiert. Mit Comic-Ästhetik, einer Menge Witz und überspitzter Brutalität wird Hit-Girl (Chloe Grace Moretz) in Matthew Vaughns „Kick-Ass“ wiederum zum verharmlosten Unterhaltungsspaß, gerade weil sie mit immenser Waffengewalt, bedenkenswerter Ausdrucksweise und einem erheblich hohen Body Count fernab jeglicher Realität agiert.

Matthew Goode

Matthew Goode

India, die von Mia Wasikowska dargestellte Protagonistin in „Stoker“, lässt sich am ehesten mit Ramseys Kevin vergleichen, der von seinem Umfeld abgeschottet, seiner Mutter durch psychopathisch angehauchte Handlungen die Nerven raubt. Soweit würde India nicht gehen, aber mit ihrer Mutter (Nicole Kidman) verbindet sie dennoch keine große Liebe. Kevin ist ein Jugendlicher, der die Entscheidung trifft, ganz für sich allein zu sein. India vermisst ihren kürzlich verstorbenen Vater, zeigt Zuneigungen für ihren wenig später auftauchenden Onkel Charlie (Matthew Goode). Zwei Männer die ihr Leben bestimmen. Der Vater weiß um ihr zerstörerisches Inneres, kennt Taktiken dieses zu zügeln. Ihr Onkel lässt ihr freien Lauf, beschwört den Ausbruch geradezu herauf. Es mag ein merkwürdiger Zufall sein, dass ausgerechnet zwei Männer den größten Einfluss auf India nehmen, wo „Stoker“ doch zugleich auch das Debüt zweier Männer darstellt, die sich hinter der Kamera bewegen. Bisher-Schauspieler Wentworth Miller („Dinotopia“, „Prison Break“) liefert mit diesem Film sein erstes Drehbuch ab und der Südkoreaner Chan-wook Park führte zum ersten Mal bei einer amerikanischen Produktion Regie. Der Stuhl, auf dem man alle Fäden in der Hand hält, ist ihm jedoch nicht unbekannt. Zu seinen größten Werken zählen „Sympathy for Mr. Vengeance“, „Oldboy“ und „Sympathy for Lady Vengeance“, von Filmkritikern aufgrund thematischer Zusammenhänge zur ‘Vengeance’-Trilogie vereint.

Wenn man in „Stoker“ auf die früheren Werke von Chan-wook Park verweisen wollte, so könne man anführen, dass India eine gewisse Sympathie für einen Mörder hegt um später selbst zu einer ‚Lady Vengeance‘ heranzuwachsen, die den Tod ihres Vaters (Dermot Mulroney) rächen wird. Dieser kommt bei einem Autounfall ums Leben. Wenig später tritt Onkel Charlie aus der Vergessenheit hervor, nistet sich bei der labilen Witwe Evelyn Stoker und ihrer Tochter India ein. Nun beginnen erst die wahren Merkwürdigkeiten. Menschen verschwinden und tauchen auch nicht mehr auf. Schnell kommt India ihrem Onkel auf die Schliche, zeigt sich jedoch nicht von ihm angewidert, sondern empfindet eine gewisse Zuneigung, die dafür sorgt, dass India immer mehr aus sich heraus kommt, sich nicht mehr wie ein Mauerblümchen verkriecht. Im Laufe dieser Entwicklung jedoch, erhält sie die Möglichkeit ihrer angeborenen Brutalität Raum zu geben, auszuleben was ihr Vater versucht hat zu unterdrücken. In gemeinsamen Jagdausflügen, als Zuschauer erfährt man es in Rückblenden, lehrt er sie Geduld und Präzision, sorgt aber mit der Jagd auf Tiere auch dafür, dass sie ihre bereits latent vorhandenen Mordgelüste nicht an anderen Wesen auslassen kann. Sein väterlich-pädagogischer Auftrag ist die Kompensation der Taten, zu denen seine Tochter im Stande ist sie zu vollführen.

Nicole Kidman

Nicole Kidman

Mia Wasikowska empfiehlt sich hier erneut als schauspielerisches Sinnbild der verträumt dreinblickenden Außenseiterin, in deren Innersten mehr vorgeht, allein an den Blicken zu erkennen. Die Augen als das Tor zur Seele, hier mehr noch zu erkennen als bei Wasikowskas Auftritten in Gus van Sants „Restless“ oder „Jane Eyre“ von Cary Fukunaga. Schon fast überkommt einen das Gefühl, als würde sie immer noch durch ein Wunderland streifen, wie sie es für Tim Burton in Disneys „Alice im Wunderland“ Realfilmadaption tat. Sie schleicht beobachtend durch ihre Umwelt oder wird von Chan-wook Park immer wieder still sitzend in seinen Bildkompositionen eingefangen. Mal vor dem Klavier, auf dem sie geschickt ihre Finger, ihre später präzise funktionierenden Mordinstrumente tänzeln lässt oder im Garten neben einer Steinfigur, von der sie sich gar nicht so sehr unterscheidet: blass, wartend, ruhig und kalt.

Und das funktioniert auf ganzer Linie. Denn wie heißt es so schön: in der Ruhe liegt die Kraft. Und diese Kraft, zu sehen in der Ausdrucksstärke der Bilder, wird von Park-chan Wook in seiner ganzen Fülle zum Einsatz gebracht. In die Ruhe legt er seine Spannung, diesen Suspense der arg an Hitchcock erinnern möchte. Eine Spannung die den Zuschauer durchgängig in ihren Bann zieht und ein mulmiges Gefühl auf den kommenden Ausbruch Indias entwickelt. Dieser bricht dann aus der Ruhe heraus, kommt umso mehr zur Geltung, wird mit maximaler Durchschlagskraft zu seinem Höhepunkt getrieben.

„Stoker“ überzeugt durch seine Wechselwirkung von ruhiger Regiehand, starren Bildmomenten und dem stillen Spiel von Mia Wasikowska. Das gemeinsame Wirken erzeugt die künstlerische und erzählerische Kraft von Park-chan Wooks US-Debüt.

 


Stoker_Hauptplakat

“Stoker“

Originaltitel: Stoker
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 99 Minuten
Regie: Park-chan Wook
Darsteller: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Harmony Korine, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Jacki Weaver, Dermot Mulroney

Deutschlandstart: 9. Mai 2013
Im Netz: fox.de/stoker

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