Filmkritik

“Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt” von Lorene Scafaria

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© Universal Pictures International Germany GmbH / Keira Knightley & Steve Carell in “Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt”

So oft haben wir nun schon die Welt fast untergehen sehen. Roland Emmerich inszenierte dies oftmals recht bildgewaltig, ein Lars von Trier setzte in „Melancholia“ der Menschheit dann ein eher ruhiges Ende. Ähnlich handhabt es auch die 1978 in New Jersey geborene Lorene Scafaria, Drehbuchautorin und Darstellerin von „Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“. Nun inszenierte sie mit „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ ihre erste Regiearbeit, bei der Steve Carell und Keira Knightley gemeinsam dem Weltuntergang entgegen gehen. Das schafft die Neu-Regisseurin mit glänzender Abwechslung von Tragik und Komik, bei der vor allem Carell einmal mehr brillieren darf.

Hier ist kein Bruce Willis in Sicht, als ein riesiger Asteroid von über 100 Kilometern Durchmesser auf die Erde zu rast. Dodge (Carell) kann sich sicher sein, so melden es jedenfalls die Nachrichten, dass es die Welt in etwa 21 Tagen nicht mehr geben wird. Zuerst klammert er sich an seinen Alltag, doch dann bekommt er von seiner Nachbarin Penny (Knightley) einen mit Verspätung fehlgeleiteten Brief in die Hände gedrückt, der von seiner alten Highschool-Liebe Olivia kommt. Sie war und ist die Liebe seines Lebens. Sofort steht für ihn fest, dass er sich auf den Weg zu ihr machen muss um das Ende der Welt mit ihr zu verbringen. Penny, die das Leben bisher in vollen Zügen genossen hat und nichts allzu ernst nimmt, beschließt derweil die letzten Tage im Kreise der Familie zu verbringen und folgt Dodge auf seiner Reise quer durchs Land.

Dodge (Steve Carell) erfreut sich über einen alten Plattenspieler

Ja, es kommt wie es kommen muss, das bleibt vorhersehbar: Weder Dodge wird den Weltuntergang mit Olivia verbringen, noch schafft es Penny zu ihrer Familie. Beide entdecken ihre Liebe zueinander, ob nun ernst gemeint oder verzweifelt der letzten Tage der Welt wegen. Wo Lars von Trier mit einem gigantischen Meteor am Ende von „Melancholia“ seinen Film beendet, hat sich Scafaria für ein ruhiges Ende entschieden, aber schreckt ebenfalls nicht vor dem Schritt zurück, unserer Welt wirklich den Tod zu bestätigen. Was würden wir tun, stände das Ende der Welt wahrlich bevor? Alle Regeln und Gesetze sind außer Kraft gesetzt, auf einmal tickt jeder Mensch ganz anders als zuvor. Auch wenn sich der Streifenpolizist an seinen Job klammert und weiterhin Straßensünder ins Gefängnis steckt, auch wenn der Nachrichtensprecher tapfer bis kurz vorm Ende die Berichterstattung übernimmt und die Putzfrau trotz nahendem Ende einmal die Woche Dodges Wohnung säubert, verwandeln sich diese Tätigkeiten doch nur in verzweifelte Versuche am Leben festzuhalten und nicht etwa gewissenhaft den Job zu bewältigen. Der Polizist hat seine Gesetzessünder, der Nachrichtensprecher die Menschen die ihm zusehen und hören, die Putzfrau hat Dodge – mit Menschen zusammen zu sein, heißt hier, nicht allein zu sein, nicht über das Ende nachdenken zu müssen, sondern einfach so weiterzumachen wie bisher. Nur das eben nichts mehr so ist wie vorher.

Die Tragik der Situation wird in ruhigen Momenten übertragen, in denen Carell und Knightley in trauter Zweisamkeit über ihre Erinnerungen sprechen, sich gegenseitig von ihren früheren Leben erzählen. Damals, als noch alles in Ordnung war, als noch kein gigantischer Asteroid die Erde zu zerstören drohte. Er naht wie ein unaufhaltsamer Lastwagen, der das Auto auf der Straße zerschmettern wird, wie ein unumgänglicher Unfall, der so willkürlich wie brutal erscheint. Dennoch muss Dodge zu Beginn des Films noch seinem Job nachgehen, klammert sich wie all die anderen Menschen an den Alltag, auch wenn es bei ihm darum geht, Lebensversicherungen gegen die Apokalypse zu verkaufen. Die Kunden bleiben nicht aus. Amüsiert versucht ein Radiomoderator derweil mit einem „Boom“ die Stimmung aufzulockern, Dodges Chef macht jeden Tag zum „Casual Friday“, wo die Angestellten nicht im Anzug und Krawatte auflaufen müssen. Und für jeden Mitarbeiter, der sich durch Selbstmord der Warterei auf das Ende entledigt hat, darf freiwillig nachgerückt werden. Die eigenständige Beförderung. Sinn macht das alles nicht. Aber was macht schon noch einen Sinn, wenn die Welt endet? Die Antwort ist der Filmtitel: die Suche nach einem Freund, nach einem Wegbegleiter, den man am Ende in den Armen halten kann um dem grellen Licht der Zerstörung nicht alleine ausgesetzt zu sein.

Dodge und Penny entdecken ein kleines Restaurant, welches trotz Ende der Welt noch nicht geschlossen hat.

Die Last des Films liegt dabei gänzlich auf den beiden Hauptdarstellern. Der Asteroid ist niemals im Bild, die Inszenierung der Endzeit tritt allenfalls durch einen durch die Straßen randalierenden Mob in Erscheinung. Scafaria zeigt, dass das Ende der Welt auch ganz minimalistisch, ohne große Computereffekte gezeigt werden kann. Hier brechen keine Häuser auseinander, die Erde spaltet sich nicht entzwei, keine Flutwellen, Brände oder Tornados die alles ins Chaos stürzen müssen. Hier haben die Menschen genug mit sich selbst zu tun. Steve Carell ist dabei die große Stärke des Films, er entfaltet immer dann die meiste Wirkung, wenn er ein wenig lustig, aber auch ein wenig traurig sein darf. Das machen auch seine vorherigen Arbeiten in Filmen wie „Dan – Mitten im Leben“ oder „Little Miss Sunshine“ deutlich, die sich erheblich von seinen Allerweltskomödien abheben. „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ zählt deutlich zur ersten Kategorie, Carell als pessimistischer Büromensch, der bei aller Korrektheit erst einmal mit dem Chaos zurechtkommen muss. Gut dass er Keira Knightleys Penny an seiner Seite hat, die wiederum zwar optimistisch voran schreitet, aber immer wieder in Tränen ausbricht, sich minderwertig fühlt und ihr Leben nur mit unwichtigen Liebeleien vergeudet hat.

„Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ ist ein kluger Roadmovie – sowohl im inszenatorischen Sinne, als auch auf die Gefühlswelt der beiden Protagonisten übertragen. Frühere Freunde, Familie, Bekannte und Unbekannte säumen den Weg von Dodge und Penny, ein kleines letztes Abenteuer welches bestritten werden will. Das Ende der Welt naht, es ist unaufhaltsam, aber die Frage danach, wer am Ende wirklich wichtig ist, klärt sich so banal wie einfach: Jeder Mensch ist wichtig, es ist ganz gleich ob Liebe des Lebens oder eine neue Bekanntschaft. Es kommt nur darauf an, nicht gänzlich allein zu sein, wenn das Ende naht.

Denis Sasse

“Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“

Originaltitel: Seeking A Friend For The End Of The World
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 101 Minuten
Regie: Lorene Scafaria
Darsteller: Steve Carell, Keira Knightley, Nancy Carell, Adam Brody, Rob Corddry, Patton Oswalt, T. J. Miller, Martin Sheen

Deutschlandstart: 20. September 2012
Offizielle Homepage: universal-pictures-international-germany.de/aufdersuchenacheinemfreund

1 Comment

  1. Mir hat auch die Film-Aussage gut gefallen, dass wenn man jemanden genug liebt, man auch bereit ist, ihn gehen zu lassen (siehe Dodges Aktion mit dem Flugzeug gegen Ende). Lohnenswerter Film! Meine Rezension: http://www.leselink.de/filme/drama-filme/suche-freund-ende-der-welt.html

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