Filmkritik

“Spy Kids 4D” von Robert Rodriguez

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© Senator - Rowan Blanchard (links) und Mason Cook (rechts) sind die neuen Spy Kids

Filmemacher Robert Rodriguez hat in den vergangenen Jahren einige der besten Filme gedreht, die mit dem FSK18-Gütesiegel für das zu junge Publikum ausgezeichnet wurden. Seine Fans freuten sich über Danny Trejos Einzelauftritt in ‚Machete‘, die visuell starke Graphic Novel-Verfilmung ‚Sin City‘ erfreute sich größter Beliebtheit und mit ‚Planet Terror‘ steuerte er seinen Teil zum Grindhouse-Double Feature mit Quentin Tarantinos ‚Death Proof‘ bei. Das er nebenher immer wieder zu seinem familienfreundlichen ‚Spy Kids‘-Franchise zurückkehrte, ist wenig verwunderlich, so wuchs Rodriguez selbst mit neun Geschwister auf und darf sich glücklicher Vater von fünf Kindern nennen. Nachdem er 2001 seine ‚Spy Kids‘-Serie startete und schon ein Jahr später fortsetzte, machte Rodrigues 2003 einen Ausflug in die neumoderne Technik der Dreidimensionalität – sechs Jahre vor der Veröffentlichung von James Camerons ‚Avatar‘. Und jetzt fordert er mit ‚Spy Kids 4D‘ erneut die Technik heraus. Mit Hilfe einer Rubbelkarte, die mit dem „Aroma-Scope“-Verfahren ausgestattet ist, wird es möglich sein, sich in die Duftwelt des Films hineinversetzen zu lassen. Auf besagter Karte befinden sich durchnummerierte Rubbelflächen, die durch leichtes Reiben den passenden Duft zur Szene freisetzen. Hierfür blinken auf der Leinwand an den entsprechenden Stellen Nummern von eins bis acht auf.

Nebst dieser duftigen Spielerei wurde auch die Darstellerriege aus den bisherigen drei Episoden ausgetauscht. Nun ist es die Top-Spionin Marissa Cortez Wilson (Jessica Alba), die ihren gefährlichen Job zu Gunsten ihrer Familie an den Nagel gehängt hat. Gemeinsam mit ihren beiden aufgeweckten Stiefkindern Rebecca (Rowan Blanchard) und Cecil (Mason Cook), die wenig begeistert von ihrer Stiefmutter sind, Ehemann Wilbur (Joel McHale) und dem einjährigem Baby wohnt sie in einem ruhigen Vorort. Doch das Leben der Familie gerät durcheinander, als der Bösewicht Tick Tock auftaucht und droht, der gesamten Welt die Zeit zu stehlen. Marissa kennt den gefährlichen Mann, sie versuchte in der Vergangenheit bereits sein größenwahnsinniges Vorhaben zu stoppen. Als dessen finstere Gehilfen in das Haus der Familie eindringen und das Leben der Stiefkinder bedrohen, bringt Marissa die beiden mit Hilfe einer Highspeed-Flugkapsel in Sicherheit. Begeistert vom Job ihrer Stiefmutter treten sie zu Dritt und mit der Unterstützung des Roboterhundes Argonaut den Kampf gegen Tick Tock an.

Jessica Alba

Die Zeit tickte leider auch für die ehemaligen Spy Kids Alexa Vega und Daryl Sabara, die in diesem vierten Teil der Franchise-Serie zu Nebenfiguren degradiert wurden. Schade, da sie immer noch weitaus mehr Charme im Spiel miteinander versprühen, als es die Neu-Spy Kids Rowan Blanchard und Mason Cook von sich behaupten könnten. Und auch Jessica Alba, zuletzt vor zwei Jahren in Filmen wie ‚Meine Frau, unsere Kinder und ich‘, ‚Machete‘ und ‚Valentinstag‘ jeweils in einer Nebenrolle zu sehen, hat es schwer den Kids beim Tragen des Films Unterstützung zu leisten. Einzig Joel McHale aus der US-Fernsehserie ‚Community‘ ist eine amüsante Bereicherung für das Spy Kids-Universum und sticht positiv aus der darstellerischen Masse heraus. Aber fernab von den schauspielerischen Problematiken hat sich Robert Rodriguez erneut ein kunterbuntes und fantasievolles Abenteuer ausgedacht um seine Spy Kids zu reaktivieren.

Der Neustart der Reihe, ein fünfter Teil in 5D – in dem die Zuschauer Temperaturen, Umarmungen oder sogar Faustschläge fühlen sollen – wurde bereits angekündigt, zeigt hierbei ein ähnliches Schema wie seine erste ‚Spy Kids‘-Episode. Erneut ist es der Einfall des sinistren Bösewichts in das ruhende Heim der Geheimagentin, durch den die Kinder der Cortez-Familie von der Organisation OSS erfahren, von der das Spy Kids-Projekt vor vielen Jahren gestartet, aufgrund von Budgetproblemen inzwischen allerdings stillgelegt wurde. In der englischen Originalversion beginnt hier vor allem der Spaß, nicht etwa durch einfallsreiche Gadgets, die den Kindern an die Hand gegeben werden, sondern durch den Roboterhund Argonaut, für dessen Stimme man den Comedian Ricky Gervais verpflichten konnte. Von ihm kommen die gewohnt bissigen Kommentare, die er in britischen Fernsehserien wie ‚The Office‘ oder ‚Extras‘ an den Tag legte, aber auch bei Veranstaltungen wie der alljährlichen Golden Globe-Verleihung, die er in den vergangenen Jahren präsentieren durfte. Fast wirkt es in ‚Spy Kids 4‘ so, als würde Gervais nicht die Rolle von Argonaut spielen, sondern diese Synchronisationsgelegenheit dazu nutzen, im Film selbst seine persönlichen Kommentare zum Film beizusteuern. Freunde und Kenner des Mystery Science Theatres werden Argonaut lieben.

Joel McHale (mitte) mit seinen Spy Kids

Im Gegensatz zu dem einfallslosen ‚Spy Kids 3D‘, welcher immense Storyprobleme aufzuweisen hatte, hat sich Rodriguez wieder ein wenig gefangen und zeigt hier eine wieder aufpolierte Spy Kids-Welt mit fantasievoll konstruierten Kulissenbildern, die für ein bunt-grelles Vergnügen sorgen und an ein überdrehtes Comic-Superhelden-Abenteuer erinnern, fernab von den düsteren Verfilmungen, die wiederum die Comic-Universen Marvel und DC inzwischen anstreben. Ganz gleich ob visuell, die vierte Dimension des Geruchs oder auch die musikalischen Klänge, die Robert Rodriguez in Zusammenarbeit mit Carl Thiel (‚Planet Terror‘) komponierte: All das sind wunderbare Mittel um die Kinder ins Kino zu locken, so dass die moralische Holzhammer-Message, die Familie zu ehren und lieben, natürlich nicht zu kurz kommen darf. „Nehmt euch Zeit füreinander“, mit diesem Satz möchte der Film Kinder und ihre Eltern nach Hause schicken. Nur während die alten Filme das Familienbild aus Vater, Mutter und Kinder präsentierten, wird hier das Update der Patchwork-Familie zelebriert.

‚Spy Kids 4D‘ entfaltet mit all seinen Reizen eine Wirkung wie ein Aufenthalt in einem Freizeitpark, ein Spaß für die Kinder, manchmal belastend für die Erwachsenen. Diese werden verstehen wo der Film Spaß macht, aber auch merken, dass es den Darstellern sichtlich an Spaß fehlt. Einzig überzeugend bleiben dabei Joel McHale als Fernsehmoderator von „Spy Hunter“, einer Reality Show die Spione enttarnen möchte sowie Ricky Gervais, der in der deutschen Version leider nicht zu hören sein wird. Ansonsten schafft es Rodriguez lediglich ‚Spy Kids 3D‘ zu toppen, nicht aber seine anfänglichen ‚Spy Kids‘-Abenteuer, die noch überaus intelligent und witzig inszeniert waren.

Denis Sasse

‘Spy Kids 4D‘

Originaltitel: Spy Kids: All The Time In The World In 4D
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2011
Länge: ca. 88 Minuten
Regie: Robert Rodriguez
Darsteller: Jessica Alba, Joel McHale, Rowan Blanchard, Mason Cook, Jeremy Piven, Alexa Vega, Daryl Sabara, Danny Trejo, Ricky Gervais

Deutschlandstart: 3. Mai 2012
Offizielle Homepage: spykidsmovie.net

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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