Filmkritik

“Spuren” von John Curran

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Mia Wasikowska kämpft sich als Robyn Davidson durch die australische Landschaft

Mia Wasikowska kämpft sich als Robyn Davidson durch die australische Landschaft

Mia Wasikowska ist eines dieser menschlichen Geschöpfe, deren Zauber man sich nicht entziehen kann. Sie trägt immer etwas Besonderes in ihrer Mimik, weswegen sich nicht zuletzt auch der Tim Burton Interpretation der Alice im Wunderland ihre ganz eigene Verwunderung mitgeben konnte. Sie spielt zwischen Schüchternheit (Restless) und tiefen Wassern (Stoker), birgt aber immer eine innere Stärke, die nun in Spuren zum Vorschein kommt. Inszeniert von dem New Yorker Regisseur John Curran, nimmt Wasikowska den beschwerlichen Marsch von Alice Springs durch die australische Wüste bis hin an den indischen Ozean auf sich. Über 2.700 Kilometer setzt sie sich, ihrem Hund und vier Kamelen der Einsamkeit und Hitze aus.

Wasikowska, selbst in Canberra in Australien geboren, spielt Freude, Angst und Erschöpfung gleichermaßen beeindruckend und ähnelt der wahren Person, auf deren Geschichte diese unendlich andauernde Reise beruht, mit größtmöglicher Ehrerbietung. 1977 war es Robyn Davidson, die genau diese Reise auf sich nahm, die nun in knapp über 100 Minuten zwangsläufig etwas gerafft daher kommt. Davidson wurde von einem Fotografen der National Geographic begleitet, im Film von Girls-Darsteller Adam Driver gespielt, zu dessen Fotoserie sie den Artikel für das Magazin schrieb. Ein Jahr nach ihrer Reise publiziert, war das Medieninteresse auf ihre Reise und ihren Artikel so immens groß, dass sie sich dazu entschied ein Buch über ihre Erlebnisse zu schreiben: Tracks, die Vorlage zu John Currans durchaus sehenswerten Film, den man ohne zu zögern auch als eine ehrliche Hommage an die australische Einöde sehen darf.

Robyn Davidson (Mia Wasikowska) mit ihrem treuen Begleiter Diggity

Robyn Davidson (Mia Wasikowska) mit ihrem treuen Begleiter Diggity

Die Geschichte erzählt von einer Frau, die sich aus der Großstadt zurück ziehen möchte. Schon Ende der 70er Jahre scheint ihr der Trubel viel zu groß zu sein, obwohl Smartphones und ständig aktive Internetverbindungen und ununterbrochene Erreichbarkeit noch gar kein Thema sind. Die Flucht in das australische Outback mag zuerst zwar wie eine Lösung erscheinen, aber die Finanzierung der Reise durch das National Geographic Magazin bringt auch mit sich, dass der Fotograf Rick Smolan sie regelmäßig aufsuchen und fotografieren darf. Das erweist sich immer wieder als sehr geschwätzige Einbrüche in die erwünschte Einsamkeit, gerade in den Momenten, in denen Smolan sein Fotomotiv eher wie ein Modell herum kommandiert. Hier soll sie sich auf ein Kamel setzen, dort noch einmal jemanden die Hand schütteln, dann wieder ihren Hut aufsetzen. Wo Robyn „ehrlichen Journalismus“ fordert, denkt Smolan nur an ein möglichst gutes Motiv.

Es ist amüsant mit anzusehen, wie sehr sich Frau Wasikowska in ihrer Rolle sträubt mit dem Fotografen zu kooperieren, wenn zugleich ihr eigener Lebenslauf viel eher dem des Fotografen, denn der umher wandernden Großstadt-Ausreisserin ähnelt. Wasikowskas Mutter ist eine in Polen geborene professionelle Fotografin, ihr Vater ein aus Australien stammender Fotograf. Das ist an der Schauspielerin nicht vorbei gegangen, sie selbst ist leidenschaftliche Hobby-Fotografin, die sogar bereits für den National Photographic Portrait Prize der australischen National Portrait Gallery nominiert wurde, für ein Foto von Cary Fukunaga und Jamie Bell, das während der Dreharbeiten zu Jane Eyre entstand.

Umso erstaunlicher die Leistung der Darstellerin, die all ihre persönliche Leidenschaft ablegt und geradezu angewidert und genervt von Adam Driver erscheint. Als Zuschauer mag man diese Abneigung nicht sofort teilen, soll man auch gar nicht, denn auch Davidson wird noch lernen, dass sie in dem Fotografen einen Verbündeten hat, keinen Feind. Driver empfiehlt sich immer mehr als grandioser Schauspieler, raus aus dem TV-Format Girls zu kleineren Rollen in France Ha und Inside Llewyn Davis. Spuren gibt ihm mehr Zeit zum Spiel, nicht nur episodisch, sondern als immer wiederkehrende schützende Hand über Davidsons Reisevorhaben. Wie wichtig er für die Reise war, beweisen die wirklich eindrucksvollen realen Bilder der Robyn Davidson, die im Abspann gezeigt werden und auf die man schon gewartet hat, nachdem Driver im Film immerzu mit dem Knipsen auf den Kameraauslöser beschäftigt ist, ohne das eines seiner Bilder gezeigt werden würde. So schmückt am Ende eben auch die reale Davidson jedes geschossene Foto und nicht etwa Mia Wasikowska, die sich als Landsfrau hinten anstellt und die Ehre derjenigen überlässt, die wirklich diese Reise auf sich genommen hat.

Adam Driver als National Geographic Fotograf Rick Smolan

Adam Driver als National Geographic Fotograf Rick Smolan

Bei aller Schauspielerei muss sich Wasikowska aber keinesfalls gänzlich dieser Ehre widersetzen. Frisch und munter bricht sie zwar am ersten Tag auf, doch mit dem Fortschreiten der Handlung zerlumpt auch ihre Kleidung immer mehr, sie lässt sich ohne Schminke, mit kaputten Haar und immer dreckigeren Gesicht auf diese filmische Reise ein. Die Kamera von Mandy Walker schwebt immer wieder über dem Land, zeigt dem Zuschauer bereits den nächsten Abschnitt der Gegend, die als nächstes durchschritten werden muss. Mal sind noch einige Pflanzen zu sehen, dann ist es eine weite Steppe, im nächsten Moment ändert sich die Landschaft in pure Wüste oder felsige Ödnis. Damit zeigt sie nicht nur die Schönheit des Landes, sondern auch seine Vielseitigkeit.

Spuren beinhaltet Szenen der puren Freude, der Gemeinschaftlichkeit, die Wasikowskas Robyn Davidson erfährt, wenn ihr Eingeborene und Landwirte helfen, ihre Reise bis zum Ende durchzuziehen und sie doch nicht so allein ist, wie sie gerne wäre, aber diese Gemeinschaft auch durchaus zu wertschätzen lernt. Der Film hält ebenso verzweifelte Momente parat, die seine Heldin an den Rand der Aufgabe zwingen. Und dann sind da die ehrlichen Bilder, wenn gefährliche Kamel-Hengste eine Bedrohung darstellen, Kängurus geschossen und ausgenommen werden oder, leider sind es nur ganz kleine Momente, sich die Aborigines gegen den „Weißen Mann“ auflehnen. All das in 2.700 Kilometern Australien – Spuren hat die bisher nur als Worte und Fotografien erlebbare Reise in beeindruckende bewegte Bilder übersetzt.


Spuren_Plakat”Spuren„

Originaltitel: Tracks
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: AUS, 2013
Länge: ca. 113 Minuten
Regie: Neil Burger
Darsteller: Mia Wasikowska, Adam Driver
Kinostart: 10. April 2014
Im Netz: spuren-derfilm.de

Bilder © Ascot Elite/24 Bilder 

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