Rutger Hauer (links) spielt in "Spetters" für Paul Verhoeven einen Zahnarzt und Motocross-Champion
Rutger Hauer (links) spielt in „Spetters“ für Paul Verhoeven einen Zahnarzt und Motocross-Champion

Paul Verhoeven verbindet man gerne mit klassischer Sci-Fi. Von ihm stammt der Ur-RoboCop, der mehr Mensch als Maschine gegen Wirtschaft und Korruption kämpfte. Von ihm stammten auch das Arnold Schwarzenegger Vehikel Total Recall sowie die martialischen Starship Troopers. Ganz nebenher fertigte er mit Showgirls und Basic Instinct seine Vorstellungen der Erotik auf der Leinwand an. Vor all diesen Werken erschuf er 1980 den Film Spetters, der ihn in den Niederlanden, seiner Heimat, zu einem Skandal-Regisseur werden ließ. Hollywood dankt, denn obwohl er noch einen Film dort drehte, veranlassten die negativen Reaktionen, dass Verhoeven sich in die USA absetzte und dort eben die vielen Klassiker drehte, die ihn bekannt gemacht haben.

Der Skandal um Spetters wurde vor allem aufgrund der Darstellung Verhoevens von Homosexuellen, Christen, der Polizei und der Presse gemacht. Die Teenies feiern es hier geradezu ab, einem „Schwuchtel“ Lippenstift aufzudrücken und ihm die Schuhe zuzubinden. Hänseln im gruseligsten Ausmaße. Diese eher zweifelhaften Momente werden durch wunderbare Dialoge zum bevorstehenden Sexspiel gekontert: „Ich bekomm ihn nicht rein.“ – „Dann ist er sicherlich schlapp.“ – „Verdammt.“ Sie legt Hand an und hat nur noch ein „Sieht aus wie eine Garnele“ parat. Das entspricht schon eher den Qualitäten, die später auch Showgirls ausmachen sollen.

So gehen die Teenies hier mit Homosexuellen um
So gehen die Teenies hier mit Homosexuellen um

Der Film selbst handelt von den Freunden Rien, Hans und Eef, die in den End-70er Jahren der Niederlande nichts weiter im Kopf haben, als Motocross-Rennen, Alkohol, Drogen, Rockmusik und Sex. Das typische Leben der Halbstarken. Das soll sich ändern, als die drei Freunde allesamt eine Affäre mit der Imbissbudendame Fientje anzetteln, was wiederum viel Freiraum für eine freizügige Körperkultur liefert.

Trotz allen Aufruhrs hat der Film doch nicht nur Verhoeven selbst, sondern auch Darstellern wie Rutger Hauer (Blade Runner, Batman Begins) geholfen, auf sich Aufmerksam zu machen. Dieser spielt den versnobbten Zahnarzt und Motocross-Champion Gerrit Witkamp. Er wird von den Halbstarken angehimmelt, die mit ihren Motorrädern über kleine Straßenerhebungen hinweg fliegen und ebenso über den guten alten VW Käfer hinüber fahren. Selbst mit verbundenen Augen kann man in der Gesellschaft dieser Teenies einen Motor zusammen bauen. Der Film zeigt wunderbar, wie in den 1970er und 80er Jahren auch in den Niederlanden sowohl schnelle Karosserien als auch Frauen als „Heiße Feger“ bezeichnet werden durften.

Bei Verhoeven gibt es immer auch nackte Tatsachen
Bei Verhoeven gibt es immer auch nackte Tatsachen

Eigentlich ist hier alles vertreten, was die USA schon sehr viel früher vorgemacht haben. Man merkt deutlich, wo Paul Verhoeven schon jetzt seine Inspiration sucht. Der „neue holländische John Travolta“ fegt seinem großen Vorbild ehrerbietend über die Disco-Tanzfläche – nur eben etwas später als der bereits 1977 in Saturday Night Fever tänzelnden Travolta. Verhoeven holt sich die USA in die Niederlande. Vielleicht hat er den Skandal um seinen Film nur als letzten Anstoß gebraucht, um die Provinz in Richtung Hollywood verlassen zu können. Wenn Spetters der Anfang von Paul Verhoevens Schaffenshöhepunkt war, so muss man den Film alleine hierfür zu Dank verpflichtet sein.

Spetters
118 Minuten, freigegeben ab 16 Jahren, Heimmedienstart: 14. August 2014
im Netz: Spetters bei Koch Media
alle Bilder © Koch Media