Filmkritik

“Something Necessary” von Judy Kibinge

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© One Fine Day Films / "Something Necessary" von der kenianischen Filmemacherin Judy Kibinge

© One Fine Day Films / “Something Necessary” von der kenianischen Filmemacherin Judy Kibinge

Am Sonntag, den 3. März 2013 wird „Something Necessary“, ein Film der kenianischen Regisseurin Judy Kibinge weltweit kostenlos über das Streaming-Portal mubi.com zu sehen sein. Denn am 4. März werden in Kenia die ersten Präsidentschaftswahlen nach den Ausschreitungen im Jahre 2007 stattfinden. Damals starben mehr als 1000 Menschen, etwa 650.000 verloren ihr Zuhause. In diesem Jahr wird sich erneut Raila Odinga zur Wahl aufstellen lassen, seit April 2008 der Ministerpräsident einer großen Koalition. Sein Konkurrent ist Uhuru Kenyatta, Sohn des Staatsgründers Jomo Kenyata, zugleich angeklagt vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Kibinges Film lenkt die Gedanken noch einmal zurück an die Wahlen 2007, spielt in deren Schatten. Eine Präsidentschaftswahl die durch Manipulationsversuche einen Bürgerkrieg herauf beschwor. Auf offener Straße wurde Gewalt ausgeübt, vor allem die arbeitslose Jugend zeigte sich äußerst brutal. Die Regisseurin setzt ihrem Film einen Satz voraus, der besagt, dass die Figuren in ihrem Film zwar rein fiktional seien, die Geschichte aber der Wahrheit entspreche. Ein erster Grundstein für eine emotionale Schreckensfahrt durch historisch reale Ereignisse, die an der modernen Vorstellung von Menschlichkeit zweifeln lässt.

„Something Necessary“ zeigt zwei Menschen, deren Schicksale sich vor dem Hintergrund der öffentlichen Unruhen nach den kenianischen Präsidentschaftswahlen 2007 entfalten. Anne (Susan Wanjiru) verliert bei einem Gang-Überfall nicht nur ihren Mann, auch ihr Sohn fällt in ein tiefes Koma, sie wurde vergewaltigt, die Farm der einst glücklichen Familie niedergebrannt. Anne ist eine Frau, die alles verloren hat. Gegen die Widerstände ihrer Umwelt versucht sich dennoch stark zu bleiben, sich eine neue Existenz aufzubauen. In seinem zweiten Erzählstrang zeigt der Film Joseph (Walter Lagat), ein junger Mann, Mitglied eben jener Gang, die das Leben von Annes Familie zerstört hat. Im Gegensatz zu den anderen Jugendlichen, wird Joseph die Tragweite seiner Handlungen bewusst, er findet sich selbst in der Täter-Rolle wieder. Nun muss er nach Frieden suchen.

Hauptdarstellerin Susan Wanjiru

Hauptdarstellerin Susan Wanjiru

Der kenianische Film ist unter dem Banner der Produktionsfirma One Fine Day Films entstanden, gegründet von dem deutschen Filmemacher Tom Tykwer und dessen Lebensgefährtin Marie Steinmann. Diese möchten Filmemacher aus ganz Afrika dabei unterstützen ihr kreatives Schaffen zu entfalten und ihnen somit die Möglichkeit zu geben ihre Geschichten zu erzählen. Die Geschichte die nun hier erzählt wird, bewegt zwei Menschen aufeinander zu, die sich in der Gedankenwelt der Zuschauer niemals annähern könnten, solch ein widerlich menschlich ungerechtes Schicksal verbindet diese zwei Personen. Wenn wir Joseph zum ersten Mal begegnen, ist er derjenige, der nach vorne blicken muss, wobei diese Richtung für ihn nicht sonderlich rosig ausschaut. Er ist stets auf der Suche nach Arbeit, nimmt was ihm geboten wird, obwohl seine schulischen Qualifikationen ausreichen würden um die Universität besuchen zu können. Derweil blickt Anne zurück, schleicht trauernd durch ihr niedergebranntes Heim, sitzt am Grab ihres Ehemanns und versinkt in ihrer Verzweiflung. Beide haben von diesem Moment an ein Ziel vor Augen, ein Ziel das der Film nicht mehr loslässt. Die Frau, die ihre Existenz wieder aufbauen möchte. Der Junge, der Buße für seine Schuld tun möchte. Beides Antriebsmotoren in einer kaputten, von Misstrauen durchzogenen Welt, die Besserung implizieren.

Diesen Weg beschreiten die beiden nicht ohne Widerstand. Die ehemalige Gang von Joseph lauert ihm immer wieder auf, gibt ihm klar zu verstehen, dass man sich nicht so einfach von ihnen lossagen kann. An ihnen bekommt man noch einmal deutlich die Brutalität zu spüren, mit der die Jugend in der Zeit nach den Wahlen umher streifte. Die Armut spiegelt sich derweil auch in dem Bruder von Anne wieder, einem hoch verschuldeten Architekten, der Angst davor hat, dass seine Frau von den Geldnöten erfährt und ihn kurzerhand verlässt. Aber Unterstützung, sei es auch nur mentaler Natur, erhält Anne keineswegs von ihm, er sieht in seiner Schwester nicht mehr als eine Frau, eine Witwe, die sich nicht an der Farmarbeit eines Mannes probieren sollte. Somit beschreitet sowohl Joseph wie auch Anne den Weg der Vergangenheitsbewältigung, in diesen Formen als körperliche Erscheinungen. Die Gang von damals, der Bruder der nur dem verstorbenen Ehemann Annes die Arbeit auf einer Farm zutraut, nicht aber seiner eigenen Schwester. Die Konfrontation mit dem Vorher-Zustand gestaltet sich als schwierige Bewährungsprobe auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Walter Lagat

Walter Lagat

Dann aber erfolgt ein erneuter Absturz, zumindest für Anne. Recht unbedacht folgt sich ihrem fast schon manischen Vorhaben die niedergebrannte Farm wieder aufzubauen, ohne jedoch die anfallenden Rechnungen zu zahlen. Binnen weniger Filmminuten wird Anne am Ende ihr Sohn genommen, der inzwischen schon wieder aus dem Koma erwacht ist und eine Wende zum Guten hätte sein können. Sie verliert den Bezug zur Realität, zum wirklichen Leben, verspielt dadurch selbst ihre noch vorhandene Familie und ihre Farm. Susan Wanjiru, es ist ihre erste Filmrolle, spielt Anne, diese verzweifelte Mutter, trauernde Witwe mit innbrünstiger Überzeugung, die man ihr gerne abkaufen mag. Schnell sind die Worte von anfangs vergessen, nach denen diese Menschen rein fiktiv sein sollen, man kann sich wahrlich vorstellen wie eine solche Frau im Kenia des Jahres 2007, just nach diesen schrecklichen Wahlen, gelebt haben muss. Der Moment, in dem sie Joseph zum ersten Mal erblickt, denn der Film mag auf diesen Augenblick nicht verzichten, in dem Oper und Täter aufeinander treffen, ist mit purer Anspannung gefüllt, die sich bei Regisseurin Kibinge aber keineswegs in erneuter Gewalt auflöst.

Die Ereignisse, die in „Something Necessary“ als Hintergrund genommen werden und nun einmal eine wahre Begebenheit darstellen, wirken dennoch unwirklich und fremd, bedenkt man dass solch eine Barbarei nicht etwa dem Mittelalter, sondern dem Jahr 2007 entstammt. Frau Kibinge tut gut daran, mit ihren zwei Hauptfiguren eine Hoffnung zu thematisieren, die das Unwohlsein am Ende wieder glättet. Joseph wird zum geläuterten Jugendlichen, der für sich erfährt, dass man zerstörte Dinge wieder aufbauen, wieder heile machen kann. Derweil realisiert Anne irgendwann, dass sie mit ihrer Situation, mit ihren schmerzlichen Gefühlen nicht alleine dasteht. Somit gewinnt der Film seine Hoffnung durch den positiven Blick in die Zukunft, durch ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Ein schönes, ehrliches Stück filmischer Zeitgeschichte aus Kenia.

 


Something Necessary_Hauptplakat

“Something Necessary“

Originaltitel: Something Necessary
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: EAK / D, 2013
Länge: ca. 88 Minuten
Regie: Judy Kibinge
Darsteller: Susan Wanjiru, Walter Lagat, Carolyne Chebiwott Kibet, David Kiprotich Mutai, Benjamin Nyagaka

Deutschlandstart: noch nicht bekannt
Offizielle Homepage: “Something Necessary auf mubi.com


Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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