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Vampir-Horror #1 | SO FINSTER DIE NACHT (2008) von Tomas Alfredson

Von Vampirfilmen erwarten wir blutrünstige Gewaltorgien, spitze Zähne, vielleicht gar einen bekannten Namen wie Dracula, Holzpflöcke und einen aufgebrachten Menschen-Mob. Aber das Genre findet immer wieder einen Weg uns zu überraschen. Sprechen wir bitte nicht über Twilight und den Glitzer-Vampir, der ja so knuffig ist. Dem entgegen steht das düstere, kalte und atmosphärische Treiben der Spitzzähne, die sich mehr unfreiwillig als geschundene Existenzen von Blut ernähren müssen, aber eigentlich zutiefst geschundene Persönlichkeiten sind. So auch in So finster die Nacht, der sich mehr mit Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch vergleichen lässt, als mit einer Bram Stoker Dracula-Geschichte. .

So finster die Nacht oder Låt den rätte komma in im schwedischen Original, kommt von Regisseur Tomas Alfredson (Dame, König, As, Spion) und basiert auf dem 2004er Roman von John Ajvide Lindqvist, der sein Buch sogleich auch zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Der Film eröffnet mit dem 12 Jahre jungen Oskar (Kåre Hedebrant), der nicht gerade glücklich aus seinem kleinen Fenster auf einen tristen Hinterhof in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm, blickt. Es ist 1981, Oskars Eltern leben getrennt und irgendwie will weder seine Mutter noch sein Vater ihn bei sich haben. Deshalb verbringt er die meiste Zeit in der verschneiten schwedischen Nacht, wo er auch Eli (Lina Leandersson) trifft, die zumindest so aussieht, als wäre sie so alt wie Oskar.

So finster die Nacht
© Chrysalis Films
Oskar (Kåre Hedebrant)

Die beiden freunden sich an, obwohl Eli ihm zuerst erklärt, dass sie keine Freunde sein könnten. Aber der Junge, dünn, gebrechlich und mit wenig Selbstvertrauen ausgestattet, fühlt sich zu der dunklen Gestalt mit schwarzen Haaren hingezogen. Sie strahlt Stärke aus – mit ihren Augen, in denen er sich verlieren kann.

So finster die Nacht mag zumindest seinen deutschen Titel von genau diesen Augen haben, während “Lass den Richtigen hineinkommen” auf einen Moment bezogen werden kann, in dem wir blutig und herzzerreißend vor Augen geführt bekommen, was sich diese beiden Kinder einander bedeuten. Zugleich macht Alfredson einen der wenigen Versuche uns zu zeigen, was eigentlich mit einem Vampir geschieht, der uneingeladen eine Wohnung betritt.

Daraus wird einer der stärksten, vor allem visuell ergreifendsten Momente des Films. So finster die Nacht einen Vampirfilm zu nennen, würde der Sache nicht gerecht werden. Es ist vielmehr die Liebe zweier Kinder zueinander, die eine unausgesprochene Romanze beginnen, von der wir wissen, dass sie nicht gut enden kann. Es ist eine Geschichte, in der die Kinder überaus ernst genommen werden und nicht dem Kitsch eines Twilight verfallen.

Alfredson erschafft aber auch einen der seltenen Filme, der nicht oder nur begrenzt für Kinder gemacht worden ist, obwohl Jungdarsteller in den Hauptrollen zu sehen sind. Natürlich finden wir hier die handelsübliche Coming-of-Age Geschichte, allerdings mit einigen Twists & Turns, die wir nur schwer verdaulich im Magen behalten werden. Der Grusel in So finster die Nacht ist so wirksam, weil er so echt ist.

Da wird ein junger Mann im Wald überfallen und kopfüber aufgehangen, um ihn aufgeschlitzt wie ein Schwein ausbluten zu lassen. Da springt Eli wie ein kleines, wildes Tier von einer Brücke herab, um einem Mann an die Kehle aufzureissen. Oder aber eine Frau, die jüngst in einen Vampir verwandelt wurde, wird dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt und geht in Flammen auf.

All diese Momente wirken, weil sie nicht wie in einem Horrorfilm frontal und aus nächster Nähe präsentiert werden, sondern weil sie unter der Kameraführung von Hoyte van Hoytema (Interstellar, Spectre, Dunkirk) zu leisen, sich im Dunkeln abspielenden Momenten werden, die atmosphärisch und farblos daherkommen. Selbst das Blut ist hier eigentlich gar nicht rot, sondern wird von Schwärze erfüllt – eben auch so finster wie die Nacht.

So finster die Nacht
© Chrysalis Films
Eli (Lina Leandersson) neben Oskar (Kåre Hedebrant).

Entziehen wir dem Film seine Vampir-Mythologien, so bleiben zwei einsame Kinder, die immer noch eine sehenswerte Geschichte abgeben. Beide sind in der Lage, finstere und böse Dinge zu tun, offenbar ohne Emotionen in einer eiskalten Landschaft zu wandern. So emotionslos fragt Oskar denn auch, ob Eli ein Vampir sei. Sie antwortet kurz und bündig mit einem “Ja” und Oskar weiß nicht mehr als ein “Oh” zu erwidern. Dieselbe Antwort hat er parat, wenn er Eli nackt in seinem Bett liegen hat und er sie fragt, ob sie seine Freundin, sein Mädchen sein möchte. Sie: “Oskar, ich bin aber kein Mädchen”. Und wieder das für die Situation verstörend-ruhige “Oh”.

Uns tun diese beiden Geschöpfe derweil Leid. Ein Mädchen, das verloren in der Zeit ist und liebende Menschen immer und immer wieder alt werden sieht. Ein Junge, der weder Zuhause – wo ist das überhaupt? – noch in der Schule Menschen findet, die sich ihm und seinen Nöten annehmen würden. Vermutlich empfinden wir gar mehr für Oskar und Eli, als sie es selbst für sich tun. Es ist erleichternd, wenn sie zueinander finden, schnürt aber auch die Kehle zu, wenn sie sich wieder voneinander entfernen.

So wird So finster die Nacht zu einem beeindruckenden Horrormärchen über einen blassen Jungen, der seine erste Liebe findet, die sich zufällig als Vampir herausstellt. Dabei beweist Regisseur Tomas Alfredson, dass sein Stil sowohl elegant, als auch düster und lakonisch ist und sich daraus eine Atmosphäre des Dauer-Unbehagens erzeugen lässt.

SO FINSTER DIE NACHT ist ein bedrückendes Horrormärchen über das Alleinsein in einer kühlen, grausamen und emotionslosen Welt. Lina Leanderssons Vampirmädchen gehört zu den besten Blutsaugern der Filmgeschichte.

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