Filmkritik

“Side Effects” von Steven Soderbergh

0
© Senator/Central / Rooney Mara und Channing Tatum in "Side Effects"

© Senator/Central / Rooney Mara und Channing Tatum in “Side Effects”

Manchmal können Ewigkeiten vergehen, bevor eine angekündigte Tat wirklich vollzogen wird. Wie ernst es Regisseur Steven Soderbergh wirklich mit seinen Ruhestandsgedanken meint, wird sich herausstellen, wenn nach seinen beiden letzten Projekten etwas Zeit in die Kinolandschaft gezogen ist. Für den amerikanischen Fernsehsender HBO drehte er mit Matt Damon und Michael Douglas die Liberace-Biographie „Behind The Candelabra“, der am 26. April 2013 auf dem Bezahlsender ausgestrahlt wird. Während hierfür noch kein Deutschlandstart bekannt gegeben wurde, dürfen wir uns hierzulande den Pharma-Thriller und zugleich Soderberghs Kino-Abgesang „Side Effects“ ansehen. Erneut dabei sind Channing Tatum („Haywire“, „Magic Mike“), Catherine Zeta-Jones („Traffic“, „Ocean’s Twelve”) und Jude Law (“Contagion”). Mit Drehbuchautor Scott Z. Burns erschuf er bereits den ebenfalls mit medikamentösen Hintergründen spielenden „Contagion“, der 2011 in den Kinos lief.

Von Jude Law, dem Online-Blogger den er in „Contagion“ spielt, springt „Side Effects“ zu Jude Law als ehrgeiziger Psychiater Dr. Jonathan Banks. Dieser setzt alles daran, seiner Selbstmordgefährdeten Patientin Emily Taylor (Rooney Mara) zu helfen. Gerade erst ist ihr Ehemann (Channing Tatum) aus der Haft entlassen worden, nachdem er einige Jahre wegen Insiderhandels im Gefängnis saß. Doch ebenso wenig wie das Zusammenleben von Emily und ihrem Mann nach all den Jahren funktionieren will, zeigen die von Dr. Banks verschriebenen Medikamente bei der jungen Frau eine Wirkung. Daraufhin nimmt der Psychiater Kontakt zu Emilys früherer Ärztin (Catherine Zeta-Jones) auf. Sie rät ihm, ein neues Medikament zum Einsatz zu bringen. Anfangs geht es Emily damit noch ganz gut, doch schon bald zeigen sich Nebenwirkungen, die äußerst dramatisch hervortreten.

Jude Law

Jude Law

Mit „Side Effects“ hat Steven Soderbergh gleich zwei Filme gedreht. Und damit ist nicht etwa eine Abkehr von seinen Thriller Motiven gemeint, denn diesen bleibt er während des Films gewissenhaft treu: Soderbergh hat beim Meister selbst stibitzt, erzählt seine Handlung in Anlehnung an den Master of Suspense, Alfred Hitchcock, mit allerhand Twists und Unvorhersehbarkeiten. Manches Mal sogar arg inszeniert. Möchte man jedoch einen klaren Hauptdarsteller hervorheben, dann teilt sich der Film in eben diese zwei Hälften auf. Einmal ist da Jude Law, als ein aus Großbritannien in die USA übergesiedelter Psychiater. Hier, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, erhofft er sich weitaus mehr Chancen in seiner Profession als in seiner Heimat. Denn dort gelten Psychosen immerhin als Krankheit, als verpönt. In den Staaten wiederum, das ist nicht nur seine Ansicht, sondern auch etwas das der Film anprangert, wird die Psychose des Menschen so normal behandelt wie Akne oder Durchfall. Hier findet sich in jedem Fernsehwerbeblock ein Spot für Arzneimittel, für Medikamente die gegen jedwede Form von psychischer Störung helfen sollen.

Der andere Teil des Films gehört Rooney Mara, die sich in David Finchers „Verblendung“ in die US-Version von Lisbeth Salander verwandelte. Sie ist die hilflose Ehefrau, die sich in die bösen Fänge des Doktors begibt, Medikamente verschrieben bekommt, die ihr Nebenwirkungen bescheren, mit denen sich wirklich niemand herumplagen möchte. Rooney Mara ist Soderbergh hier eine weitaus größere Muse als es Gina Carano in „Haywire“ war. Mara beweist hier eindrucksvoll ihre Wandlungsfähigkeit innerhalb einer Figur, wirkt fast Schizophren, so gut verkörpert sie die unterschiedlichen mentalen Ebenen Emily Taylors. An ihr hätte schnell so mancher Twist in der Handlung zerbrechen können, aber sie vollführt ein geschmeidiges in die Irre führen. Das sowohl der Handlungsstrang um das Leid der Frau, wie auch um die Ambitionen des Mannes nicht so verlaufen, wie wir sie zuerst präsentiert bekommen, macht eine erhebliche Stärke des Films aus, lässt ihn zugleich aber auch arg untypische für ein Soderbergh-Werk wirken.

Catherine Zeta-Jones

Catherine Zeta-Jones

Dieser bleibt nämlich überraschend ruhig. Auch wenn hier aus Tätern Opfer werden und umgekehrt, wenn auf einmal ganz neue Figuren in die Handlung eingeführt werden oder sie ganz plötzlich verlassen, Motive dabei immer wieder neu offen gelegt werden, dann erzählt der Regisseur das im Dialog mit seinen Darstellern. Fast so, als habe er in „Haywire“ sein ganzes Bedürfnis am Actionkino hinaus gelassen, als hätte er sich mit seinen Ocean’s Filmen der Komik entledigt, zieht er hier seinen Pharmazie-Krimi bis zum Ende durch. Ausgerechnet jetzt muss sich Soderbergh zur Ruhe setzen, wo er sein perfektes Maß an Suspense gefunden hat und es auf ein zeitgenössisch relevantes Thema anwendet. Sein „Side Effects“ ist mehr als nur eine Nebenwirkung, es ist eine absolut wirkungsvolle Droge. Soderbergh setzt dabei noch einmal ganz oben an der Messlatte an und verabschiedet sich höchst verdient in einen hoffentlich nicht ewig andauernden Ruhestand.

 


Side Effects_Hauptplakat

“Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“

Originaltitel: Side Effects
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 106 Minuten
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Jude Law, Rooney Mara, Channing Tatum, Catherine Zeta-Jones

Deutschlandstart: 25. April 2013
Im Netz: sideeffects.senator.de


Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Login/Sign up