Regisseur Guillermo Del Toro kann wohl ohne Bedenken als Film-Geek bezeichnet werden. Seine Werke finden Inspiration in alten Klassikern, in Comicbüchern, in mythischen Geschichten und Märchen, vor allem aber in seiner eigenen, visuell stark ausgeprägten Vorstellungskraft. So entstand denn auch sein 2006er Pans Labyrinth, ein Vorzeigebeispiel des fantastischen Gothik-Märchens, das bis heute seine anderen Filme weit überflügelt. Schon hier arbeitete er mit Darsteller Doug Jones zusammen, der den Pan und das Bleiche Monster spielte, das uns mit Augen in den Händen filmische Alpträume bescherte. In The Shape of Water wird aus Jones eine Amphibienkreatur, wie sie uns stark an den 1954er Der Schrecken vom Amazonas erinnern soll.

Diese Kreatur wird in The Shape of Water in den frühen 1960er Jahren gefangen und in eine Forschungseinrichtung irgendwo in Baltimore gebracht. Hier wird sie zum Opfer von brutalen Foltermethoden, natürlich immer im Namen der Wissenschaft und nationaler Sicherheit.

Hier arbeitet Eliza (Sally Hawkins, die im vergangenen Jahr eine äußerst starke Performance in Maudie abgeliefert hat) mit ihrer besten Freundin Zelda (Octavia Spencer) als Putzkräfte. Sie werden kaum wahrgenommen und verrichten ohne Dank ihre Arbeit. Dadurch haben sie aber auch den Vorteil, dass niemand eine Frage stellt, als sie mit ansehen, wie ein neues “Objekt” in die geheime Forschungseinrichtung eingelagert wird.

Shape of Water
Die Putzkolonne: Sally Hawkins (rechts) und Octavia Spencer (links)

Das “Objekt” ist die amphibische Kreatur, die ebenso wie Eliza kein Wort von sich gibt. Die beiden sind voneinander fasziniert und nähern sich langsam an, während der hasserfüllte Strickland (Michael Shannon) nichts weiter in der Kreatur sieht, als ein zu erforschendes und zu quälendes Objekt.

Guillermo Del Toro greift damit die klassische Thematik der Schönen und das Biest auf, wie sie schon in dem französischen Volksmärchen und zahlreichen Geschichten und Filmen verwendet wurde: von King Kong und die weiße Frau bis Edward mit den Scherenhänden. Gerade zweitgenannter Tim Burton-Film stellt einen recht guten Vergleich dar, da Del Toro ein ähnliches Faible zur filmisch-wunderschönen Bebilderung seiner Werke pflegt.

So dürfte es nur wenig überraschen, dass The Shape of Water ein absolut atemberaubendes Produktionsdesign zeigt, das von dem Dänen Dan Laustsen mit seiner Kamera eingefangen und durch elegante Fahrten ebenso unterstützt wird, wie durch Alexandre Desplats märchenhaft-komponierter Musik. Daraus ergeben sich dann Bilder so hell und angeordnet wie ein detailverliebter Cartoon, aber zugleich auch so trüb und düster wie ein Film Noir.  

Die unterschiedlichen Einflüsse stehen dabei niemals im Kontrast zueinander. Del Toro gelingt es sogar noch viel mehr seiner Liebe zum Film und zum Kino in The Shape of Water einfließen zu lassen. So lebt Eliza über einem altertümlichen Kino, das seine Zeit lange überdauert hat und in dem nur noch wenige Zuschauer sitzen, während sie selbst mit ihrem liebenswerten Nachbarn Giles (Richard Jenkins) alte Klassikerfilme auf einem kleinen Fernseher schaut.

Del Toro bedient das Genre der Fantasy, der Romanze, des Thrillers, lässt Sally Hawkins als Eliza und Doug Jones als Amphibienkreatur als Stummfilm-Figuren in einem Tonfilm auftreten und legt gar noch eine kleine Musical-Einlage mitten hinein. Der Regisseur schwelgt im Vergangenen, so wie sich Richard Jenkins’ Giles darüber beklagen muss, dass seine liebevoll mit Hand gezeichneten Werbebilder langsam von Fotografien verdrängt werden.

Michael Shannon gibt sich einmal mehr als grotesk-widerwärtiger Schurke zu erkennen. Er zeigt sich oberflächlich als Alltagsmensch mit Familie, verbirgt aber eine sadistische Ader, von der übermäßig viel Gefahr ausgeht, da er moralisch überzeugt ist, das Richtige zu tun und sich selbst niemals als den Böse ansieht.

Ihm gegenüber steht Sally Hawkins als Träumerin, als Putzfrau mit ihrem künstlerisch begabten Nachbarn, die als ihresgleichen für die wahren Revolutionäre dieser Welt stehen. Del Toro wendet sich von den “Weltverbesserern” aus Armee und Wissenschaft ab und lässt die ungesehenen “kleinen Leuten” zu denen werden, die wirklich wissen, was Recht und Unrecht zu bedeuten hat.

Shape of Water
Eliza (Sally Hawkins) trifft auf die Amphibienkreatur (Doug Jones)

Sally Hawkins kommt dabei eine schwere Aufgabe zu, die sie bemerkenswert bewältigt. Ihre stumme Darbietung stützt sie durch Mimik und Gestik, stark wie bei einem Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Sie packt ihr ganzes Spiel in ihren Körper und zeigt, wie gut man auch ohne Dialog zurecht kommen kann.

Dennoch – und das liegt nicht an Hawkins, sondern an Del Toros Drehbuch, das er gemeinsam mit Vanessa Taylor geschrieben hat – gelingt es The Shape of Water nicht vollständig, von der emotionalen Bande zwischen Frau und Monster zu überzeugen. Wie im Märchen oftmals üblich, verlässt sich der Film zu sehr auf die Liebe auf den ersten Blick, lässt uns als Zuschauer ohne Entwicklung im Walde stehen und hofft, dass wir ohne große Emotionen dieses Miteinander einfach hinnehmen. Darunter leidet die emotionale Wirkung.

Der wirkliche Höhepunkt des Films ist zudem auf etwa der Hälfte positioniert, wenn alle gutmütigen Figuren zusammen kommen um eine Flucht für die Kreatur zu organisieren, bei der man in bester Heist-Movie Tradition zusammenarbeiten muss um Shannons Strickland abzulenken und die Sicherheitsvorkehrungen der Forschungsanlage zu umgehen. Hier geraten wir wie in einem Hollywoodfilm auf Hochtouren, bekommen einen Showdown geliefert, der als Highlight markiert werden könnte, nachdem es dem Film aber nicht mehr gelingt, diese Rasanz nochmals aufzugreifen. Alles was danach kommt, wirkt nun leider wie Zeitschinderei, um dem Film eine ordentliche Länge zu verschaffen.

The Shape of Water ist eine filmische Symphonie, die mit großartigen Darstellern daherkommt, die sich durch eine visuelle Choreografie spielen, bei der die Gefühle aber leider abhanden gekommen sind.