Filmkritik

Selma

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Verhandeln. Demonstrieren. Dagegenhalten. Die drei Grundsätze nach denen Martin Luther King Jr. gerne die Rechte für afroamerikanische Bürger in den Vereinigten Staaten der Mid- bis End-60er Jahre durchsetzen möchte. Wir wissen von seiner eindringlichen Rede beim Marsch auf Washington, wo die bis heute berühmten Worte „I have a dream“ fielen. Aber die schwere Reise bis zu diesem Punkt wird oftmals ausgeblendet. Es ist nicht der Marsch auf Washington allein, es sind nicht diese vier Wörter oder gar die dazugehörige Rede, die das Schaffen und Wirken von Marin Luther King Jr. ausgemacht haben. Es steckt viel mehr hinter den Bemühungen der Gleichberechtigung und den Anstrengungen, die dieser Mann auf sich genommen hat. Und da übernimmt der großartig inszenierte Selma von Regisseurin Ava DuVernay eine Teilverantwortung, uns etwas mehr davon vorzuführen.

Hier werden die Verhandlungen gezeigt, die Luther King Jr. mit Präsident Lyndon B. Johnson führt, als hilfreich und fast väterlich von Tom Wilkinson gespielt, dem jedoch die politischen Hände gebunden sind, da er nicht einmal als Präsident der Vereinigten Staaten die alleinige Entscheidungsgewalt trägt, die für die Einführung der Gleichberechtigung benötigt wäre. Es werden die Demonstrationen vor dem Marsch auf Washington gezeigt, in deren Mittelpunkt dann natürlich der Gang durch die Kleinstadt Selma steht. Vor allem hier zeigt sich das Dagegenhalten, bei dem sich die Afroamerikaner mit einem Sinn für Gemeinschaft, für ihr gutes Recht und unter der Führung von David Oyelowo als King Jr. gegen ihre Unterdrücker aufbegehren.

Es sind die ewig selben menschlich-traurigen Eskalationen, die in Gewalttätigkeiten enden und ausreichen, weit mehr tun zu wollen als bloß mit dem Kopf zu schütteln. Schon in Mandela – Der lange Weg zur Freiheit wurden diese Antipathien (milde ausgedrückt) gegen afroamerikanische Mitbürger gezeigt, DuVernay verleiht der Tragik noch mehr Brisanz und menschliches Mitgefühl. Sie muss dafür nichts dramatisieren, es genügt dass ihre Darsteller, allen voran Oyelowo und Oprah Winfrey, so überzeugend spielen, ganz gleich wie grausam das Bild zu werden droht.

Oyelowo mimt King Jr. dabei keinesfalls als den starken Anführer, wie wir ihn uns vorstellen würden. DuVernay zieht die Kamera ins Hinterzimmer und zeigt den an der Sache zweifelnden Mann, der sich mit all dem Widerstand konfrontiert sieht und immer wieder nahe der Aufgabe steht. Er ist kein unumstößlicher Fels der Gegenbewegung, sondern ein ganz normaler Mann, der den Anstoß zum Kampf gibt, sich dann aber immer wieder umschauen muss um nach Stützen zu suchen, damit er nicht zu Fall gebracht wird.

Mit Tim Roth bekommt der Film darüber hinaus ein Gesicht, das diesen rassistischen Menschenhass verkörpern soll, damit wir unseren Hass auch auf irgendwem abladen können. Er spielt George Wallace, damaliger Gouverneur des Bundesstaates Arizona und erbitterter Feind der Gleichstellung von Weiß und Schwarz. Vielleicht hat es bei ihm deshalb, trotz viermaliger Kandidatur, nicht mit dem höchsten Posten des Präsidenten geklappt.

Der Marsch durch Selma selbst wird zur Tortur. Weiße Polizisten treffen auf einen Zusammenschluss von Widerständlern aller Hautfarben, verharren dennoch in ihren rassistischen Denkmustern. „Dieses Verhalten wird nicht toleriert“ heißt es da über diese Demonstration, bevor die auf ihren Pferden thronenden Männer, die für Recht und Ordnung sorgen sollen, mit ihren Peitschen auf die Demonstranten losgehen, als seien sie Sklaventreiber aus Django Unchained.

Selma ist erdrückend eindringlich und führt uns hier nochmals vor Augen, wie unmenschlich manch einer noch auf Menschen blickt, die einfach anders sind als man selbst. Anders allerdings nur rein oberflächlich betrachtet. Ava DuVernay hat nicht nur einen Kinofilm geschaffen, sondern ein Lehrstück an Weltgeschichte, der von möglichst vielen Menschen gesehen werden sollte.

Selma läuft ab dem 19. Februar 2015 in den Kinos.

Habt ihr Selma gesehen oder habt ihr vor den Film zu sehen? Sind solche Filme wichtig um weiterhin auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen? Oder kommt euch das Ganze vielleicht etwas zu pathetisch und überdramatisiert vor? Hinterlasst eure Gedanken in den Kommentaren und auf geht’s zur heiteren Diskussion. Oder ihr schreibt mir einfach auf @Facebook oder @Twitter .

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