Filmkritik

“Chernobyl Diaries” von Bradley Parker

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© Warner Bros. / Jonathan Sadowski, Olivia Dudley, Devin Kelley, Jesse McCartney und Ingrid Bolsø Berdal als gebeutelte Reisegruppe in “Chernobyl Diaries”

Es war schon ein schlauer Schachzug, den Horrorfilm „Chernobyl Diaries“, mitproduziert von Oren Peli, dem Schöpfer der „Paranormal Activity“-Reihe, einen Titel zu geben, der gleich auf zweifache Art für Interesse sorgt. Zum einen gibt es noch nicht viele Horror-Genrefilme, die sich auf das Desaster in Tschernobyl gestürzt haben. Daher bekommt man hier direkt eine wahre Tragödie serviert, auf der sich der Film ausruhen kann. Zum anderen bekommt man mit dem Beiwort „Diaries“, also einem Tagebuch, das Gefühl, ein Geheimnis entdecken zu können. Tagebücher sind seit jeher ein Anreiz zum heimlichen Lesen von Informationen, die eigentlich verborgen und nur für bestimmte Personen ersichtlich bleiben sollen. Das Problem mit „Chernobyl Diaries“ ist nun, dass die Handlung des Films in keiner Weise Bezug zum Titel nimmt. Natürlich spielt der Film in Pripyat, jener Stadt, in der einst die Atomkraftwerk-Arbeiter aus Tschernobyl untergebracht wurden und natürlich gibt es auch ein Geheimnis, welches gelüftet werden will. Beides wird aber dermaßen banal abgehandelt, dass der Titel des Filmes wirklich noch der interessanteste Aspekt des großen Ganzen ist.

Der idyllische Ort Pripyat in der Nähe des Tschernobyl-Atomreaktors

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor Nr. 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl und setzte damit so viele radioaktive Partikel in die Atmosphäre frei, dass diese das Ausmaß von circa 400 Atombomben hatten. Auf einer Skala von internationalen Atomvorfällen erreichte das Unheil von Tschernobyl die Stufe 7. Die fast 50.000 Menschen, Kraftwerkmitarbeiter und ihre Familien, die in der benachbarten Stadt Pripyat lebten, wurden über Nacht evakuiert. Die Stadt ist bis heute unbewohnbar, aber die Strahlung hat stellenweise schon erheblich nachgelassen. Daher wird die Stadt zum Abenteuerurlaub für sechs junge Reisende. Sie engagieren einen Führer durch die Stadt, der sich über alle Sicherheitsmaßnahmen und Warnungen hinweg setzt und die Gruppe inmitten von Pripyat absetzt. Der Ort ist eine Geisterstadt. Und doch merken die Teilnehmer dieses kleinen Ausflugs, dass sie nicht alleine sind.

Aber was genau dort nun herumläuft, möchte uns der Film nicht sagen. Wir können uns natürlich denken, dass es sich um verstrahlte Opfer handelt. Warum diese sich allerdings in kannibalische Zombies verwandelt haben, bleibt eine offene Frage. Irgendwie scheint sogar die Regierung involviert zu sein, sie halten sich diese „Zombies“ als Testobjekte, forschen in einer geheimen Anlagen – aber das bekommt der Zuschauer erst spät zu sehen, es spielt keine Rolle, erscheint nur wie ein verzweifelt gesuchtes Ende, weil man sonst keinen ordentlichen Abschluss parat gehabt hätte. Es ist natürlich oftmals etwas Gutes, wenn man die Bedrohung, die in Filmen auf Menschen losgelassen wird, nicht zu Gesicht bekommt. Die Spannung und der Horror liegen im Verborgenen. Hier bleibt das Böse aber gänzlich unvorstellbar. Die Wesen erzeugen niemals ein Angstgefühl, nicht einmal wenn sie als Horde auftreten um die Überlebenden durch die Ruinen Pripyats zu jagen. Dabei startet der Film gar nicht mal so schlecht, nutzt die Atmosphäre der Geisterstadt, mutierte tote Fische, herumstreunende Hunde oder einen Bären, der leider nur für einen Schock-Moment eingesetzt wird. Wie schön hätte „Chernobyl Diaries“ ohne verstrahlte Zombies werden können, hätte man sich mit der Geschichte einer realistischen Bedrohung aus der Natur gewidmet. Es wäre atmosphärisch gut und zumindest in diesem Jahrtausend ein neuer Ansatz für den Horrorfilm gewesen.

Nathan Phillips, Devin Kelley und Jonathan Sadowski erkunden den Untergrund von Pripyat

Aber nicht einmal der Einsatz der düsteren, grauen Bilder wird durchgehalten. Wenn die Touristen in Pripyat ankommen, erstreckt sich vor ihnen ein Bild der Tristesse. Ausgestorben liegen Plattenbau-ähnliche Gebäude vor ihnen, ein verlassener Jahrmarkt mitsamt einem verwesten Riesenrad, welches in die Höhe ragt. Herumliegende Autoscooter-Wagen, gänzliche Stille, kein Vogelgezwitscher – Nichts. Aber hier spielt sich der Film nicht ab. Der Zuschauer wird in das Innere eines Kleinbusses mitgenommen, in die Katakomben von leer stehenden Wohnanlagen, in dunkle Gänge und andere finstere Ortschaften. Das bleibt natürlich immer noch unheimlich, aber es ist nun mal nichts Neues, alles schon einmal dagewesen. Der geneigte Horrorfilm-Kenner darf sich entspannt zurücklehnen und das Schema 08/15 begutachten. Hierzu passen auch die Charaktere, die sich hier mit der Handlung in Sachen Langeweile einen Wettkampf liefern. Man wird sich ausrechnen können, wer aus der Gruppe als Erstes zum Opfer gemacht wird, damit die übrigen Teilnehmer dieser kleinen Expedition plan- und hilflos durch die Stadt irren können. Danach wechseln die Gemüter zwischen mutigem vorpreschen und auskundschaften und ängstlichen davonlaufen vor dem, was man durch die gerade bewiesene Dummheit entdeckt hat. Und wenn dann einer nach dem anderen das zeitliche segnet, ist das auch nicht weiter schlimm: Sympathien entwickelt man weder für den smarten, freundlichen Typen, noch für seinen ätzenden Bruder, den Reisebegleiterinnen, deren Schminke auch im ärgsten Moment noch hält oder für das Hippie-Duo, die sich gerne von der restlichen Gruppe abspalten würden um ihre eigene Haut zu retten. Ein geplanter Heiratsantrag, der zu Beginn kurz erwähnt wird, soll die Zuschauer wahrscheinlich emotional binden, in dem Glauben lassen, dass für die zwei betroffenen Personen am Ende das Happy End wartet.

So scheucht man die Zuschauer durch einen Film, in dem es viele gute Ansätze zu sehen gibt, die aber einfach links liegen gelassen werden. „Chernobyl Diaries“ macht den großen Fehler, sich nicht von anderen Horrorfilmen abgrenzen zu wollen. Der Film ruht sich auf seiner Vorgeschichte auf, die hier mehr als Geschichtsstunde für US-Amerikaner verkauft wird, denn als Horrorelement. Im gleichen Setting, aber mit einer anderen Handlung, besseren Figuren und einem neuen Fokus, wäre das Endprodukt vielleicht spannend geworden. So schaut man sich jedoch besser eine Dokumentation über die Vorkommnisse beim Tschernobyl-Unglück an und wird dabei sicherlich weitaus mehr gegruselt werden.

Denis Sasse

“Chernobyl Diaries“

Originaltitel: Chernobyl Diaries
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 86 Minuten
Regie: Bradley Parker
Darsteller: Jesse McCartney, Jonathan Sadowski, Nathan Phillips, Devin Kelley, Olivia Dudley, Ingrid Bolsø Berdal, Dimitri Diatchenko

Deutschlandstart: 21. Juni 2012
Offizielle Homepage: chernobyldiaries.warnerbros.com

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