© Concorde Filmverleih GmbH / Saoirse Ronan in "Seelen"
© Concorde Filmverleih GmbH / Saoirse Ronan in “Seelen”

Es war teilweise schier unerträglich, im Kinosaal auszuharren, während die letzten Minuten der Twilight-Saga über die Leinwände flimmerten. Hach, was für eine Zeit da hinter uns liegt. Die neumodische Schmonzette um Kuschelvampir Edward, immer zu einem Glitzern in der Sonne bereit, und seine Liebschaft zu Menschengirl Bella, hinzugezogen in das kleine Vampirnest Forks, wo zufälligerweise auch noch ein Werwolfclan beheimatet ist, dessen Jungspund Jacob es ebenso auf sie abgesehen hat. Der Rest ist tatsächlich nicht weniger als Kinogeschichte. Nach dem Roman- und Filmende von Stephenie Meyers übernatürlicher Fantasy Ménage-à-Trois, zog es sie hin zur ebenso übersinnlichen Science-Fiction. Und auch bei ihrer 2008 veröffentlichten Erzählung „Seelen“ steht wieder ein Mädchen im Mittelpunkt. Eine Rebellin, die während ihres Aufbegehrens gegen eine Alienrasse – halb Parasit, halb Symbiont – zur Gefangenen im eigenen Körper wird. Es heißt Körper gegen Geist, auch in der Entscheidung um den richtigen Lover.

Mit Andrew Niccol ist ein versierter Science-Fiction Regisseur beauftragt worden, „Seelen“ für die Kinoleinwände zu adaptieren. Bereits mit Thematiken wie genetischer Perfektion („Gattaca“, 1997) und Macht durch immer währendes Leben („In Time“, 2011) hat er seine Fußabdrücke im Genre hinterlassen. Nun also begibt er sich erneut in eine dystopisch anmutende Zukunft, in der die Erde von ‚Seelen‘ erobert und kolonisiert worden ist. Bei diesen ‚Seelen‘ handelt es sich um außerirdische Wesen, die sich in den Körpern der Erdbewohner einnisten und das eigentliche Bewusstsein auslöschen. Für den Planeten eine gute Sache, sind diese Wesen doch letztendlich dafür verantwortlich, dass die Erde der Zukunft viel sauberer, sicherer und friedlicher geworden ist. Melanie Stryder (Saoirse Ronan) ist eine der letzten Überlebenden, ein Mensch mit eigener Seele, die Widerstand gegen die Übernahme ihres Körpers leistet. Aber eine erbarmungslose Sucherin (Diane Kruger), verantwortlich für das Auffinden noch zu besetzender Wirtskörper, kann Melanie gefangen nehmen. Aber auch nachdem ihr eine ‚Seele‘ namens Wanderer eingepflanzt wurde, bleibt die Rebellin stark und lässt sich ihr eigenes Bewusstsein nicht einfach verdrängen. Ihr gelingt es sogar, die fremde ‚Seele‘ auf ihre Seite zu schlagen, sie davon zu überzeugen die menschliche Familie Melanies aufzusuchen, als auch zu ihrem Freund Jared (Max Irons) zurückzukehren. In dem unterirdischen Höhlenkomplex, wo sich die Familie mit weiteren Widerständlern versteckt hält, lernt Wanderer dann Ian (Jake Abel) kennen. Während die ‚Seele‘ sich in Ian verliebt, will die immer noch in ihr wohnende Melanie ihrem Freund Jared treu bleiben. Ein innerlicher Zwist beginnt, während zugleich die Sucherin ihre Jagd auf Wanderer und Melanie fortführt.

Saoirse Ronan mit Diane Kruger
Saoirse Ronan mit Diane Kruger

Irgendwo zwischen Lichtgestalt und Parasit mag man sich kein klares Urteil über die Außerirdischen erlauben. Sie packen die Menschheit dort wo es weh tut. Mit den erloschenen Seelen, dem menschlichen Bewusstsein, wird exakt der Teil des Menschen zerstört, der im Glauben als Ort für die Menschlich- und Persönlichkeit ausgemacht wird. Ausgerechnet die Seele, die auch nach dem Tod fortbestehen soll, wird gänzlich gelöscht. Es ist ein unwiderruflicher Todeszustand, der die Tat der Aliens, von ihnen als Säuberung betrachtet, nicht minder schrecklich aussehen lässt als die Kriege und die Verwüstung, die den Menschen angelastet werden.

Die Prozedur der parasitären Übernahme kann als ebenso unmenschlich betrachtet werden. Durch den Nacken wird dem menschlichen Körper die ‚Seele‘ eingepflanzt. Ein kleiner fluoreszierender Blob mit Tentakeln, der die Augen der Menschen, das Tor zu ihrer Seele, mit eisblauen Pupillen versieht. Oberflächlich betrachtet, ein durchaus erstrebenswertes Dasein, wenn man den Worten dieser Spezies Glauben schenken mag: „Wir lügen nicht, wir vertrauen einander.“ Es gibt keine Kriminalität mehr, keine Krankheiten, keine Verschmutzung oder Armut. Dafür fehlt es den Aliens an Persönlichkeit. Zunächst ist dabei schwer auszumachen auf welche Seite sich der Regisseur schlägt. Die Menschen werden in den Erzählungen der Aliens als brutale Spezies definiert, mit unverantwortlichen Verhalten gegenüber ihrem Planeten. Hier braucht man nicht davon zu sprechen, dass sich die Kritik im Film versteckt, sie wird offenkundig verarbeitet. „Ich mochte schon immer Science Fiction Geschichten, ich hätte mir aber niemals zu träumen gewagt, in einer zu leben“ heißt es an einer Stelle. Diese Grundaussage ist ganz einfach auf die heutige reale Welt zu übertragen. Dann aber propagiert Niccol, natürlich immer auf Grundlage der Buchvorlage, die Bewahrung der Menschlichkeit, ausgemacht an der Fähigkeit zu lieben, Emotionen zu haben. Dann sind Kriege, Krankheiten und andere Quereleien ganz schnell wieder vergessen.

Saoirse Ronan mit Max Irons
Saoirse Ronan mit Max Irons

Die Aliens wiederum sind emotionslose Existenzen. Diane Kruger agiert in ihrer Rolle gänzlich skrupellos, sowohl den Menschen als auch ihrer eigenen Spezies gegenüber. Genau hierdurch erreicht aber auch sie wieder eine negative Menschlichkeit, die man wohl keiner Darstellung entziehen kann, die durch echte Schauspieler verkörpert werden soll. Wanderer ist derweil als zentrale Figur dazu auserkoren, als von Emotionen befreites Alien zur Menschlichkeit zu finden. Eine Reise die der Zuschauer zwar begleiten darf, die aber höchst stumpf abgehandelt wird. Kaum merklich findet eine Transformation statt. Es geschieht. Einfach so. Die innerliche Auseinandersetzung zwischen Wanderer und Melanie wird in wenigen Momenten abgehandelt. Schnell wird dann aber klar, dass sich das Alien auf die Seite der Menschen geschlagen hat. Die dann folgenden Streitereien drehen sich um den Besitzanspruch am Körper sowie darum, mit welchem Boy dieser Körper anbandeln soll.

Für die Quasi-Doppelrolle von Alienwesen Wanderer und Mensch Melanie bedient sich der Film der Off-Stimme von Saoirse Ronan, die so den Dialog mit sich selbst suchen kann. Ronan glänzt in einer Schar von blassen Schauspielern, ausgerechnet mit einer ganz eigenen Form von Blässe. In ihrer Darstellung dieses verwundert durch die menschliche Welt streifenden Aliens, das dieses für sie fremde, emotionale Miteinander durch die Gedankenwelt ihrer inneren Stimme kennenlernt, erinnert Ronan an starke Schauspielerinnen wie Cate Blanchett oder Mia Wasikowska, allesamt weltfremde Geister, die bemerkenswert durch die Filmwelt schweben.

Dennoch wird Saoirse Ronan ein Opfer der romantischen Kitschgeschichte, die sich in der zweiten Hälfte von „Seelen“ ausbreitet. Mehr „Die Körperfresser kommen“ wäre eine heilsame Zutat für den Film gewesen. Ohne das zu Grunde liegende Buch zu Rate zu fragen, muss Andrew Niccol einmal mehr bescheinigt werden, dass er aus guten Ideen im Bereich der Science Fiction nur oberflächliche Umsetzungen macht, die leider nur selten in die Tiefe reichen. Das war bereits einer der größten Kritikpunkte an seinem letzten filmischen Ausflug „In Time“. Aber diese kleinen Ideen machen eben Lust auf mehr, so dass seine Filme oftmals eher als Appetitanreger für die eigene Fantasie verstanden werden können. In diesem Fall vielleicht auch als Vorspeise für den eigentlichen Roman.

 


Seelen_Hauptplakat

“Seelen“

Originaltitel: The Host
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 126 Minuten
Regie: Andrew Niccol
Darsteller: Saoirse Ronan, Diane Kruger, Chandler Canterbury, J. D. Evermore, Max Irons, William Hurt, Jake Abel, Frances Fisher

Deutschlandstart: 13. Juni 2013
Im Netz: seelen-derfilm.de