Filmkritik

“Schimpansen” von Alastair Fothergill & Mark Linfield

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© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH / Der kleine Oskar allein im großen Urwald in "Schimpansen".

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH / Der kleine Oskar allein im großen Urwald in “Schimpansen”.

„Unsere Erde“, „Unsere Ozeane“, mit „Wings of Life“ hat die Produktionsfirma Disneynature irgendwie auch schon unsere Lüfte abgefilmt. Darüber hinaus hat man sich zuletzt in das „Reich der Raubkatzen“ gewagt, schon 2009 „Das Geheimnis der Flamingos“ gelüftet. Seit sich Disneynature im April 2008 als unabhängige Filmproduktion – mit dem Standort in Paris, das einzige Disney Hauptquartier außerhalb der Staaten – gegründet hat, sind unter ihrem Banner eben diese Dokumentationen entstanden, um dessen genauen dokumentarischen Wert sich jedoch streiten lässt. Denn am Ende steckt auch hier hinter jeder Disney-Produktion ein kleines Märchen, mitsamt einem Erzähler, der aus den aneinandergereihten Bildern, die das Leben der Tiere oder Lebensräume zeigt, eine vermenschlichten Geschichte zusammen setzt. So auch bei dem neuesten Ausflug namens „Schimpansen“, erneut von dem Regisseuren-Duo Alastair Fothergill und Mark Linfield inszeniert, die bereits „Unsere Erde“ realisierten.

Schimpansenherde

Schimpansenherde

In „Schimpansen“ folgen sich dem neugeborenen, gerade einmal drei Monate alten Oskar, dem laut Tim Allen, Erzählstimme im englischsprachigen Original, „something really amazing“ passieren wird, etwas dass das Leben des kleinen Oskars in eine ganz neue Bahn lenken wird. Nun folgt die Kamera den 35 Familienmitgliedern seines Stammes. Die Doku gibt ihnen Namen: Rufus, der jedoch nur einmal auftaucht, Isha, Oskars Mutter, oder Freddie, das graubärtige Oberhaupt der Schimpansen. Ihr Alltag besteht daraus Futter zu finden, mit oder ohne Werkzeug, wobei die erwachsenen Schimpansen bereits geschickt mit Ästen und Steinen umzugehen verstehen, während Oskar all dies noch lernen muss. Die Dramatik entsteht aus einer rivalisierenden Gruppe von Schimpansen, geführt von einem skrupellosen Räuber, der dafür sorgt, dass Oskars Mutter von ihrer Herde und damit von ihrem Sohn getrennt wird. Sie findet nicht mehr zurück, Oskar muss ohne sie versuchen aufzuwachsen.

Hier versteckt sich das Disneymärchen, geradezu merkwürdig wurde der „böse“ Schimpanse Scar getauft, erinnernd an den ebenso bösen Löwenonkel in „Der König der Löwen“. Ähnlich nun auch die Geschichte von Oskar, der seine Mutter verliert (Simba verliert seinen Vater), allein heranwachsen muss. Dem Erzähler kommt hier nicht etwa die Funktion zu, die eingefangenen Naturaufnahmen zu kommentieren, wie aus einem Märchenbuch wird hier vorgelesen, jede Handlung der Schimpansen mit einer Bedeutung belegt. Hinzu kommen Zwischensequenzen aus pompös anmutenden Naturaufnahmen, träumerisch dargestellt mag man sich hier ebenfalls wie in einer Märchenlandschaft vorkommen, nur das Schloss der Prinzessin, das irgendwo hoch oben auf einem Berggipfel stehen könnte, ist nicht zu sehen. Die gewählte Vogelperspektive macht lediglich das Ausmaß der Kulisse bewusst, versucht den Atem zu rauben. Das mag gelingen, wenn man sich auf diese Erzählung einlassen möchte, nicht aber wenn man eine Dokumentation im klassischen Sinne erwartet. Vielleicht benötigt Disneynature hier eine Wortneuschöpfung: Dokutainment könnte man sich vorstellen, alles andere wäre Erwartungsirreführend.

Schimpansen wollen hoch hinaus.

Schimpansen wollen hoch hinaus.

Für ein jüngeres Publikum wird es dann aber sicherlich doch noch interessant, wenn sie die Schimpansen bei der Jagd beobachten können, wie sie mit ausgeklügelter Taktik und fester Rollenverteilung kleinere Äffchen jagen, ebenfalls eine Nahrungsquelle. Hier agieren manche Schimpansen dann als ‚Blocker‘, den Weg verbarrikadierend, andere als ‚Driver‘, die dafür Sorge zu tragen haben, die Beute in die gewünschte Richtung zu jagen und der ‚Ambusher‘, der eigentliche Angreifer, eine Rolle die dem Stammesoberhaupt zukommt. Natürlich ist es auch interessant mit anzusehen, wie diese Schimpansen mit ihren Werkzeugen umgehen – nichts was man nicht schon wüsste und gesehen hätte, keine Dokumentation, die darauf ausgerichtet ist neue Erkenntnisse, neue Bilder zu liefern. Abermals wird bewusst gemacht, dass hier die realen Naturbilder für die Disneyfizierung herhalten mussten.

Deswegen kann das Schicksal von Oskar auch nicht böse ausgehen, deswegen wird der hinterlistige Scar auch nicht über Freddie triumphieren. Während der Jungschimpanse bei einem anderen Herdenmitglied Anschluss findet – und hier ist dieses „something really amazing“ verborgen – wird der Kampf Schimpanse gegen Schimpanse zwischen Scar und Freddie natürlich mit dem Happy End ausgehen, dass zum Disneymärchen einfach dazu gehört.

Man kann sich „Schimpansen“ als gute und leichte Unterhaltung vorstellen, mit schönen Naturaufnahmen, mit kleinen Äffchen, die animiert oder real, eigentlich wäre es egal, durch eine dramaturgisch durchgeplante Geschichte manövriert werden. Dabei nimmt die Doku ganz deutlich eine Position ein, zeigt Oskar und Freddie als die guten Schimpansen, die friedvoll in ihrem Teil des Urwalds leben, während Scar die bösen Schimpansen anführt, die offenbar dreiste Eroberungspläne schmieden. Ein differenzierter Blick zeigt die Mängel dieser Doku auf, die allenfalls als Unterhaltung für die unteren Altersregionen funktionieren dürfte.

 


Schimpansen_Hauptplakat

“Schimpansen“

Originaltitel: Chimpanzee
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 78 Minuten
Regie: Alastair Fothergill & Mark Linfield
Erzählstimme: Tim Allen (US), Alexander Brem (Deutschland)

Deutschlandstart: 9. Mai 2013
Im Netz: disney.de/disneynature/schimpansen


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