Filmkritik

“Saiten des Lebens” von Yaron Zilberman

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© Senator/Central / Christopher Walken und Catherine Keener in "Saiten des Lebens"

© Senator/Central / Christopher Walken und Catherine Keener in “Saiten des Lebens”

Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter haben Hochkonjunktur im Kino. Eine neu- oder wiederentdeckte Zielgruppe erfreut sich den Eskapaden jenseits der bekannten Grenze von unterhaltungswilligen Kinogängern. Mit Filmen wie dem letztjährig gelaufenen „Quartett“, das Regiedebüt des über 70jährigen Dustin Hoffman, oder dem nun folgenden „A Late Quartet“ (hier: „Saiten des Lebens“), bedient Hollywood einen Stereotyp: Alte Menschen mögen klassische Musik. Auf der Leinwand geschieht die Symbiose von Film und dem, was das Zielpublikum bisher, laut den Vermutungen der Produzenten, in den heimischen vier Wänden für die Befriedigung ihres kulturellen Vergnügens tat. Wo Hoffmans Regiewerk die stimmlichen Qualitäten seiner Darsteller forderte, basierend auf dem Theaterstück von Ronald Harwood vier Opernsänger im Ruhestand zeigte, bedient sich „Saiten des Lebens“ eines Streicher-Quartetts, das soeben sein 25jähriges Jubiläum feiert. Bis dann einer von ihnen ausgerechnet an Parkinson erkrankt, denkbar ungünstig für das Spiel am Cello, und damit die Gruppe ins Wanken bringt.

Für das Fugue String Quartett, bestehend aus Daniel (Mark Ivanir), Robert (Philip Seymour Hoffman), Peter (Christopher Walken) und Juliette (Catherine Keener) ist ihre Musik nicht nur Liebe und Leidenschaft, sondern zugleich auch Familie und Freundschaft. Mit der Parkinson-Diagnose Peters drohen die gemeinsamen 25 Jahre jedoch abrupt zu zerbrechen. Es kommen bisher unterdrückte Emotionen hoch, Egokonflikte werden ausgetragen, die Freundschaft und Gemeinschaft droht auseinander zu brechen. Trotzdem müssen sie das Konzert zu ihrem Jubiläum vorbereiten. Die Aussicht auf ihren womöglich letzten gemeinsamen Bühnenauftritt hält sie zusammen, wenn auch mit immer wiederkehrenden Stolpersteinen.

Mark Ivanir mit Catherine Keener

Mark Ivanir mit Catherine Keener

Anfangs mag es so erscheinen als ginge die dramatischste Rolle an Christopher Walken, dem hier die Parkinson-Diagnose ereilt. Ab diesem Moment wirkt seine Figur, bravourös von ihm verkörpert, in sich gekehrt und nachdenklich. Immer wartet man auf einen emotionalen Ausbruch, aber der Mann hält sich mit Routine im Zaum. Selbst dann noch wenn er Gespräche über einen potentiellen Nachfolger für seine Rolle in dem jahrelang agierenden Quartett führt. Kühl und kalkulierend spricht er über seinen Abschied beim ersten Konzert der neuen Saison, seine Freunde wirken weit mehr aufgebracht als er selbst. Aber es sind die kleinen Momente aus denen Walken dann Emotionen herausholt, ohne dabei die Miene zu verziehen. Wenn seine Blicke über Fotos vergangener Tage schweifen, sorgsam als Erinnerungsstücke auf dem Kaminsims aufgereiht, spürt man als Zuschauer den innerlichen Schmerz darüber, seiner Musikleidenschaft abdanken zu müssen.

Auch wenn Walken damit einen zentralen Auslöser für das Aufkommen der Problematiken innerhalb der Gruppe darstellt, gibt Regisseur Zilberman – es ist sein Spielfilmdebüt – doch jeder Figur genug Raum und Zeit, seine ganz eigenen Wehwehchen auf die Leinwand zu transportieren. Philip Seymour Hoffman möchte mit dem Abritt seines Kollegen nicht weiter nur die zweite Violine spielen, orientiert sich zugleich weg von seiner Lebensgefährtin Juliette, die erfahren muss, dass Daniel mit ihrer Tochter (Imogen Poots) schläft. Im Vergleich zu Dustin Hoffmans „Quartett“ entwickelt sich hier das Drama mehr als eine komödiantische Herangehensweise. Es bleibt ein ernster Ton vorherrschend, auch wenn es kurzzeitig amüsant mit anzusehen ist, wie Walkens Figur nichts von den persönlichen Verstrickungen seiner Kollegen mitbekommt, deren Emotionen sich dann aber in einer Szene entladen und seine Nerven und Geduld damit auf die Probe stellen.

Mark Ivanir mit Imogen Poots

Mark Ivanir mit Imogen Poots

In dieser Szene werden dann die vielen Beziehungen des Films nebeneinander gestellt. Christopher Walken und seine Leidenschaft zur Musik, die durch seine Erkrankung geschwächt wird. Mark Ivanir als Musik- und Liebeslehrer für Imogen Poots, die Beziehung zwischen Schülerin und Vorbild, die durch das Verhältnis von Mutter und Tochter nicht funktionieren kann. Catherine Keener und Philip Seymour Hoffman spielen die nicht intakte Liebesbeziehung innerhalb der Gruppierung, die unter ständigen Touren des Quartetts zu leiden hatte, ein Miteinander das geduldet und toleriert, nicht aber vor Leidenschaft aufgeblüht ist. Wie in Kurzepisoden verfolgt „Saiten des Lebens“ diese Geschichten unabhängig voneinander, lässt das Quartett nur in Momentaufnahmen zusammen kommen um auch so die Zerrüttung zu zeigen. Was einst in gemeinsamen Dokumentationen gesagt wurde („being part of a group meaning becoming one“) erscheint nur noch wie eine blasse Erinnerung. Hier agiert keine Gruppe mehr sondern einzelne Individuen, jeder von ihnen um seine eigenen Interessen bemüht.

Am Ende steht dann der sentimentale letzte gemeinsame Auftritt, wo noch einmal musikalische wie auch menschliche Leidenschaft zum Ausdruck gebracht wird. Minutenlang verweilt die Kamera auf den einzelnen Protagonisten, wie sie ihre Instrumente, einem emotionalen Gefühlsausbruch gleich, durch das Konzert führen. Es ist der hervorragend ausgewählten Darstellerriege zu verdanken, dass „Saiten des Lebens“ niemals übermäßig schmalzig daher kommt, sondern wie eine wahre Begebenheit einen Lebensabschnitt zeigt, der auch im hohen Alter noch Veränderungen mit sich bringen kann.

 


Saiten des Lebens_Hauptplakat

“Saiten des Lebens“

Originaltitel: A Late Quartet
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 106 Minuten
Regie: Yaron Zilberman
Darsteller: Christopher Walken, Philip Seymour Hoffman, Mark Ivanir, Catherine Keener, Imogen Poots

Deutschlandstart: 2. Mai 2013
Im Netz: saitendeslebens.senator.de


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