Filmkritik

“Branded” von Jamie Bradshaw & Aleksandr Dulerayn

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© Roadside Attractions / Ed Stoppard (links) und Jeffrey Tambor (rechts) bei den European Ad Awards in "Branded"

© Roadside Attractions / Ed Stoppard (links) und Jeffrey Tambor (rechts) bei den European Ad Awards in “Branded”

In Vorankündigungen wurde „Branded“, eine amerikanisch-russische Koproduktion von den Regisseuren Jamie Bradshaw und Aleksandr Duelrayn als surrealer Trip verkauft: Bunte Bilder, ein „The Burger“-Werbespot, angelehnt an den großen Fast Food Ketten der realen Welt. Texteinblendungen die wie in einem Horrorfilm für Anspannung sorgen. „Sie lügen dich an“, „Das Lächeln dieser Frau ist falsch“. Futuristische Bilder von Menschen aus deren Rücken merkwürdige Wurzeln sprießen, eine Stimme die erzählt, dass die Gelüste kontrolliert werden, die Bevölkerung keinen eigenen Willen mehr hätte. Eine dystopische Monsterapokalypse mag man meinen. Aber hinter der Werbemaschinerie zu „Branded“ steckt genau das, was der Film selbst verteufelt: Illusionen, die den Menschen glauben machen wollen, das hier etwas cooleres drin steckt als es letztendlich wirklich der Fall ist. Ed Stoppard (aus Roman Polanskis „Der Pianist“), Leelee Sobieski („Jeanne d’Arc – Die Frau des Jahrtausends“), Max von Sydow („Extrem laut und unglaublich nah“) und Jeffrey Tambor (aus der Fernsehserie „Arrested Development“) können nichts daran ändern, dass „Branded“ in die falsche surreale Richtung gesteuert wurde: Eine hanebüchene Story, die sich als zäh und nur mit äußerst viel Fantasie als Dystopie entpuppt.

Ed Stoppard als Misha

Ed Stoppard als Misha

Der Film setzt im Russland der frühen 1980er Jahren ein, wo der junge Misha Galkin im Sternenhimmel den Kopf einer Kuh entdeckt, bevor er vom Blitz getroffen wird. Er überlebt, aber eine Frau sagt ihm auf dieses Ereignis folgend ein Leben voraus, dass alles andere als normal verlaufen wird. Im Russland der Gegenwart hat sich Misha (Ed Stoppard) zu einem angesehenen Marketing-Experten im Dienste von Bob Gibbons (Jeffrey Tambor) gemausert. Er lässt sich entgegen den Warnungen seines Chefs mit dessen Nichte Abby (Leelee Sobieski) ein. Währenddessen plant der Marketing-Guru Joseph Pascal (Max von Sydow) auf einer privaten polynesischen Insel das Gesicht der Fast Food Branche zu verändern. Hierfür will er die Vorstellungen der Bevölkerung von Schönheit umdrehen, so dass fette Menschen das neue Ideal werden. Misha ahnt nicht, dass er das Opfer dieser Kampagne werden wird. So übernimmt er das Marketing für die Fernsehsendung „Extreme Cosmetica“, in der eine übergewichtige Frau dank plastischer Chirurgie dünn und hübsch gemacht werden soll. Doch schon bei der ersten Operation geht alles schief, die Frau fällt in ein Koma und Misha steht als Sündenbock da. Die Bevölkerung rebelliert gegen die Glorifikation von bestehenden Schönheitsidealen. Nach einer Auszeit, die er sich selbst fern der Zivilisation verschreibt, praktiziert er ein merkwürdiges Ritual, welches zur Folge hat, dass er auf einmal gruselige Schleimkreaturen sehen kann, die sich als die Verkörperung des menschlichen Verlangens und Begehrens nach bestimmten Produktmarken herausstellen. Misha nimmt seinen alten Job als Marketing-Experte wieder auf und entwickelt mit Hilfe einer chinesisch-vegetarischen Restaurantkette eine Konter-Kampagne zur anhaltenden Fast Food-Sucht.

Da spielt sich Misha als großer Erlöser auf, dem eingangs Namen wie Jeanne d’Arc, Alexander der Große und Sokrates gleichgestellt werden. Alles Menschen die eine Stimme im Ohr hatten, die ihnen ihre Zukunft, ihre Bestimmung aufzeigten, ähnlich wie die Kuh, die sich für Misha hier am Himmel manifestiert und sich schlussendlich auch als Voice Over Stimme in „Branded“ herausstellt. Misha, der Erlöser und Erretter, wenn er die Handlung des Films durchlebt hat, wird Werbung weltweit verboten sein. Eine hübsche Idee, die sich hinter diesem Film verbirgt, wäre sie doch nur nicht so streckend, so belanglos inszeniert worden. Wo anfangs noch die European Advertising Awards zelebriert werden, die Bilder eine von Werbeplakaten überflutete Stadt zeigen, werden Gedanken einer Marketing-Dystopie erweckt, die leider nicht durchgehalten werden. Irgendwann bricht alles zusammen, die Surrealität lässt lange auf sich warten.

Worum es in „Branded“-Teil 1, wenn man die erste Hälfte so nennen mag, hauptsächlich geht, ist der Aufstieg und Fall eines Marketing-Genies. Aus der Gegenwart springt ein werbeähnliches Filmchen zurück in die Vergangenheit, altertümliche Werbespots werden in Erinnerung gerufen, in denen eine Frauenstimme das Produkt anpreist. In diesem Falle kein Produkt, sondern Mishas grandioser Lebensweg. Seine Erkenntnis besagt, dass Lenin einer der ersten Marketing-Experten war, so gut hat er den Menschen den Kommunismus verkauft, hat die KGB als Marken-Polizei patrollieren lassen. Irgendwann, das war dann wohl Lenins Fehler, wurde das Produkt Kommunismus jedoch uninteressant, weswegen es aus den Kaufhausregalen verschwand. Mit solchen Thesen wartet Misha auf, erarbeitet sich seinen Erfolg. Hierdurch wirkt der Film selbst jedoch eher wie eine späte Abrechnung mit einem System, möchte auf moderne Werbemegalomanie hinweisen, verwickelt sich aber immer wieder scheinbar unbeabsichtigt in russisch-sowjetischer Historie.

Max von Sydow als Marketing-Guru Joseph Pascal

Max von Sydow als Marketing-Guru Joseph Pascal

Dabei hat man doch auch in der Gegenwart reichlich Angriffsfläche. Viel zu kurz ist der Affront gegen die „Makeover“-Shows der realen Fernsehsender geworden. „Extreme Cosmetics“, keine wahnwitzige Zukunftsvision, sondern viel eher ein vorstellbares Übel. Eine beleibte Dame die innerhalb von 36 Tagen und 12 Operationen zu einer in der Gesellschaft als hübsch geltende Frau gemacht werden soll. Das ist reißerisch, gewagt, das zieht die Massen in ihren Bann. „Du machst Werbespots, keine Filme“ wird Misha vorgeworfen, auch Abby sieht ein „Ich habe diese Show inszeniert als sei sie ein Film.”. Fernab von Realitätsbezügen werden Fernsehsendungen immer dramatischer, immer Adrenalin fördernder, Hauptsache die Quoten stimmen. Ähnlich ergeht es in „Branded“ der Werbung, je mehr Menschen auf sie anspringen, desto besser. Koste es was es wolle. Auch der Guru auf der einsamen Insel irgendwo im Nirgendwo fragt „Wie weit sind sie bereit zu gehen?“.

„Branded“ geht derweil gar nicht so weit, am Ende wirkt alles zusammen gewürfelt. In diesem ersten Teil läuft noch alles recht harmlos und nachvollziehbar ab, dann aber folgt „Branded“-Teil 2, mit mysteriösen Ritualen wie der Opferung der roten Kuh, mit schwabbligen Puddingmonstern, die sich am Nacken der Menschen je nach Ausmaß der Lust aufblasen und mit einem Marken-Krieg, der wie ein epochaler Luftkampf der Saurier anmutet – was dann gänzlich fehl am Platz wirkt. Hier verliert man nicht nur selbst schnell den Faden, auch der Film verliert ihn, wuselt sich zu seinen Spezialeffekten, die unbedingt noch mit hinein mussten. Das ist kein Gewinn für den Film, das ist eine dieser großkalibrigen Fehlentscheidungen. „Sie haben diesen Film gedreht, als sei er ein Werbespot“ könnte man dementsprechend anbringen, ausgelegt auf etwa eine Minute Aufmerksamkeit bevor man dann zum wegzappen tendiert.

Denis Sasse

Branded_Hauptplakat

“Branded“

Originaltitel: Branded
Altersfreigabe: Rated R (für Sprache und sexuelle Inhalte)
Produktionsland, Jahr: USA / RU, 2012
Länge: ca. 106 Minuten
Regie: Jamie Bradshaw & Aleksandr Dulerayn
Darsteller: Ed Stoppard, Leelee Sobieski, Jeffrey Tambor, Max von Sydow

Deutschlandstart: ???
Offizielle Homepage: brandedmovie.com

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