Filmkritik

“Bel Ami” von Declan Donnellan & Nick Ormerod

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© Studiocanal - Madeleine (Uma Thurman) ist nur eine der Frauen, die mit Georges (Robert Pattinson) eine Affäre beginnt.

Der französische Schriftsteller Guy de Maupassant avancierte im 19. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Autoren der modernen Kurzgeschichte. Trotz unzähliger Short Stories stammen aber auch sechs Langromane, die er von 1883 bis 1890 verfasste, ebenfalls aus seiner Feder. Einer dieser Romane ist ‚Bel Ami‘, der bereits 1919 von dem italienischen Regisseur Augusto Genina zum ersten Mal verfilmt wurde. Der Österreicher Willi Frost wagte sich 1939 an einer Verfilmung, für die er sowohl als Regisseur als auch als Hauptdarsteller in der Rolle des Georges Duroy auftrat. Auch der Spanier Antonio Momplet, der Amerikaner Albert Lewin sowie der Franzose Louis Daquin lieferten ihre Interpretationen von Maupassants Roman. Offenbar wird der Stoff durch sämtliche Nationen gereicht und 2012 sind nun die Briten an der Reihe. Mit den beiden Regisseuren Declan Donnellan und Nick Ormerod wagt sich ‚Twilight‘-Sprössling Robert Pattinson in die Rolle des titelgebenden ‚Bel Ami‘-Georges Durroy und an dessen diabolisches Verführspiel.

Ohne Beruf oder Vermögen kommt der junge Georges Duroy in die französische Hauptstadt. Hier verfolgt er nur ein Ziel. Er möchte Reichtum, Ruhm und Einfluss erlangen. Schnell steigt der attraktive Verführer mit seinem unwiderstehlichen Charme und Sexappeal vom mittellosen Außenseiter zum umschwärmten Liebling der feinen Pariser Gesellschaft auf. Sein Schlüssel zum Erfolg sind die Ehefrauen einflussreicher Gentlemen, die ihrem „Bel Ami“ Tür und Tor öffnen. Tatsächlich macht der ebenso smarte wie skrupellose Duroy in Rekordzeit Karriere als Journalist und begibt sich dadurch auf glattes, politisches Parkett. Doch der berechnende Mann treibt sein äußerst riskantes Spiel um Sex und Macht unbeirrt weiter.

George Duroy (Robert Pattinson)

Dieses russische Roulette mit der Liebe findet aus vielerlei Gründen statt, nur die wahre Liebe sucht man vergebens in ‚Bel Ami‘. Sollte man das Motiv der ehrlich empfundenen Liebe überhaupt zu spüren bekommen, dann bei Christina Riccis Clotilde de Marelle. Für die Schauspielerin ein Ausbruch aus ihren sonst eher märchenhaft anmutenden Figuren. Hier ist sie als zwar bodenständige, aber von ihren Gefühlen abhängige junge Frau in imposanter Tracht zu sehen, wie auch die anderen Frauen in Kleider gehüllt, die den Film zu einem waschechten Kostümfilm werden lassen. So sehr de Marelle verzweifelt versucht einen Funken Liebe in Georges Duroy zu entdecken, so sehr sträubt sich nicht nur dieser dagegen, sondern die gesamte Gesellschaft, dieses Gefühl der Schwäche zu zeigen. Fast schon muss man den Vergleich zu heutigen Verhältnissen ziehen, immer noch steht oftmals die Karriere vor dem persönlichen Glück, womit der Inhalt dieses historischen Werkes bis heute nicht an Aktualität verloren hat. In einer solchen Welt lebt auch Duroy, fühlt sich hier wohl, steigt aus der Gosse empor und lernt für ihn stärkere Gefühle als die Liebe kennen. Er wird mit Macht, Kontrolle und der Möglichkeit der Rache vertraut gemacht, aber auch mit Neid und Gier. Dabei ist nicht nur Duroy in der Lage diese Dinge zu seinen Gunsten auszuspielen, sondern er muss sich auch mit Konkurrenten und erbitterten Rivalen herumschlagen, die ihn mit denselben Mitteln versuchen mürbe zu machen. Als größter Widersacher erweist sich hierbei der Zeitungsverleger Rousset (Colm Meaney), dem Duroy am Ende das Handwerk zu legen versucht, in dem er seine vielen Frauengeschichten vorerst beiseitelegt um dessen Tochter Suzanne (Holliday Grainger aus ‚Die Borgias‘) zu heiraten.

Robert Pattinson spielt mit bekannter Mimik den am Abgrund stehenden Georges Duroy, der in einem kleinen, dreckigen Zimmer sein Leben fristet, welches von alptraumhaften Schaben und Kakerlaken behaust wird. Die Flucht aus dieser Umgebung führt ihn oftmals in das zwielichtige Moulin Rouge, wo er sich mit leichten Mädchen von seinem sozialen Lebensstandard abzulenken versucht. Später wird er diese Damen verleumden, wie auch sein gesamtes vorheriges Leben, das auf einmal keinen Wert mehr hat. Ebenso wie Freundschaft, Glück und Spaß, allesamt Dinge, auf die er in seinem neuen Leben verzichtet, sie offenbar aber auch nicht vermisst. Das entscheidende Schlupfloch zu finden, um mit möglichst wenig Aufwand zu Ruhm und Reichtum zu gelangen ist ein Traum, den auch heute noch viele Menschen verfolgen dürften. Der Herumtreiber Duroy findet es, nutzt das Wissen der Frauen, die er verführt, um seine Talentlosigkeit zu überspielen. Uma Thurmans Madeleine Forestier schreibt die Artikel, die unter Duroys Namen veröffentlicht werden, die manische Faszination Virginie Walters‘ (Kristin Scott Thomas) für ihren Bel Ami schenkt ihm überhaupt erst die Anstellung bei der Zeitung seines großen Rivalen Rousset. Ohne Frau wäre Mann hier gänzlich aufgeschmissen. Die Sucht nach Reichtum lässt ihn aber auch langsam die Kontrolle über sich selbst und seine Situation verlieren. Er gerät ins Wanken und Robert Pattinson bekommt die Gelegenheit sich an emotionalen Ausbrüchen zu versuchen, die dem Schmuse-Vampir ganz und gar nicht stehen wollen.

Clotilde (Christina Ricci)

Aber das wird die Zielgruppe nicht weiter stören. Denn bei ‚Bel Ami‘ sucht man vergebens nach Anzeichen einer anspruchsvollen Literaturverfilmung, wie sie der entsprechende Roman eigentlich vorgeben würde. Vielmehr wird hier versucht, „Team Edward“ daran zu gewöhnen, dass die ‚Twilight‘-Bücher von Autorin Stephanie Meyer zwar bald erschöpft sind, sie deshalb aber nicht auf ihren Robert Pattinson verzichten müssen. Dementsprechend wird die Handlung von ‚Bel Ami‘ auf ein geeignetes Maß herunter gebrochen, bei dem sich der Hauptdarsteller wenig damit beschäftigen muss, dass Georges Duroy die schwere Last zu tragen hat, sich als unbegabter Herumtreiber in einem Umfeld zu bewegen, welches nicht für ihn bestimmt ist. Der Film bringt Pattinson niemals in die Situation, diese innere Problematik aufzugreifen, sondern konzentriert sich auf seine Spielereien mit den Frauen, bei denen man meistens den ‚Twilight‘-Schwarm oben ohne sieht, während die Damen wenig von Interesse zu sein scheinen.

Das ist nicht weiter tragisch, aber auch kein Fortschritt für Robert Pattinson, der sich nach ‚Wasser für die Elefanten‘ weiterhin nicht aus dem Schatten seines Vampirs Edward Cullen heraus wagt. Ganz im Gegenteil. In ‚Bel Ami‘ darf er mehr als nur eine Bella Swan verführen, ihm stehen gleich eine ganze Reihe von Frauen zur Verfügung. So hätte ‚Twilight‘ eventuell ausgesehen, wenn Edward nicht der Kuschelvampir wäre, der stets tot traurig in einer Ecke der Leinwand kauert und sich selbst bemitleidet. Aber mehr als ein Robert Pattinson-Film schafft ‚Bel Ami‘ dann doch nicht zu sein.

Denis Sasse

‘Bel Ami‘

Originaltitel: Bel Ami
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB / F / I, 2011
Länge: ca. 102 Minuten
Regie: Declan Donnellan & Nick Ormerod
Darsteller: Robert Pattinson, Christina Ricci, Uma Thurman, Kristin Scott Thomas, Holliday Grainger, Colm Meaney

Deutschlandstart: 3. Mai 2012
Offizielle Homepage: belami.studiocanal.de

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