Filmkritik

“Rico, Oskar und die Tieferschatten” von Neele Leana Vollmar

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Rico (Anton Petzold, links) lernt Oskar (Juri Winkler, rechts) kennen

Rico (Anton Petzold, links) lernt Oskar (Juri Winkler, rechts) kennen

Das Abenteuer Großstadt kann als kleines Kind noch recht verwirrend daher kommen (selbst im Erwachsenenalter irrt man ja trotz Stadtplan noch manches Mal orientierungslos umher). Aber gerade in einem Alter, in dem man links und rechts noch nicht so ganz auseinander halten kann, kann eine Stadt wie Berlin nicht nur verwirren, sondern gar bedrohlich wirken. Zu allem Überfluss ist der kleine Frederico – kurz Rico – auch noch Tiefbegabt. Er kann allenfalls geradeaus gehen ohne sich zu verlaufen, meidet deshalb die Straßen Berlins und schaut sich lieber in den Wohnungen um, die sich allesamt in einem Mehrparteienhaus in der Dieffenbachstraße in Berlin-Kreuzberg befinden, wo Rico zusammen mit seiner Mutter lebt.

Also eher ein Abenteuer im Mikrokosmos Wohnhaus. Und was für ein Abenteuer. Unbefangen und ohne die entsprechende Kinderbuchvorlage von Andreas Steinhöfel zu kennen, darf man sich von der Verfilmung der Bremerin Neele Leana Vollmar (Maria, ihm schmeckt’s nicht!) überrascht fühlen. Das durchaus tiefgängige Filmchen lässt selbst auf kindlicher Ebene immer wieder erwachsene Töne anklingen. Rico, Oskar und die Tieferschatten verknüpft die Sorgen der Kindheit mit dem Abenteuerzwang. Hier definitiv kein Abenteuerdrang, denn die unheimlichen Tieferschatten (Schatten tief im Inneren eines Zimmers im Nachbarshaus), sowie ein unbekannter Kidnapper, der die Stadt in Unruhe versetzt, verleiten die Kinder eher zum zuhause bleiben als draußen herumzutoben.

Rico mit seiner Mutter (Karoline Herfurth, links)

Rico mit seiner Mutter (Karoline Herfurth, links)

Zum Glück lernt Rico (Anton Petzold) dann Oskar (Juri Winkler) kennen. Wo der kleine Sammler von Müll, der vor dem Haus auf der Straße herumliegt und identifiziert und katalogisiert werden will, zuvor noch alleine unterwegs war, bekommt er nun einen hochbegabten Freund zur Seite gestellt, der sich mit einem Motorradhelm der immens großen städtischen Unfallrate – gerade bei Kindern – entgegen stellen will.

Die Freunde sind beide aufeinander angewiesen, leben sie doch in einer Welt, in der sich die Erwachsenen kaum Zeit für die Kinder nehmen. So liebevoll Ricos Mutter (Karoline Herfurth) auch sein mag, ihr nächtlicher Job in einer Call Girl-Bar bringt nun einmal mit sich, dass ihr Sohnemann oftmals auf sich allein gestellt die Welt erkunden und entdecken muss. Der Vater ist leider schon vor Jahren verstorben, was Rico allerdings lieber ist, als einen an ihm desinteressierten Papa zu haben, wie es bei Oskar der Fall ist. Er lässt sich sogar absichtlich von dem herumstreifenden Kindesentführer mitnehmen, um so herauszufinden, wie sein Vater hierauf reagieren wird.

Das macht Rico, Oskar und die Tieferschatten viel weniger zu einem Kinderfilm als zu einer Moralpredigt für die Eltern. Die Erwachsenenwelt in diesem Film glänzt durch Ignoranz gegenüber den Kleinen. Eisverkäuferin Anke Engelke nimmt die Kinder erst gar nicht wirklich ernst, Workaholic David Kross ist immer in Eile, der kauzige Milan Peschel scheint Kinder ganz und gar nicht zu mögen, der neu ins Haus eingezogene Ronald Zehrfeld ist mehr mit seinem Telefon beschäftigt, als sich die tragische Geschichte vom Tod Ricos Vaters anzuhören.

Rico wird vom stets beschäftigten Rainer Kiesling (David Kross) abgewimmelt

Rico wird vom stets beschäftigten Rainer Kiesling (David Kross) abgewimmelt

Aus jeder Begegnung mit einem dieser Hausbewohner nimmt Rico eine Lehre mit. Das lässt diesen Mikrokosmos unglaublich wertvoll für die Figurenentwicklung des Jungen werden. Freund Oskar lässt sich von dem unfreundlichen Fitzke (Peschel) nicht angiften, klopft und hämmert an dessen Haustür um ihm klar zu machen, dass er nicht respektlos sein darf, nur weil er es mit Kindern zu tun hat. Von David Kross‘ Rainer Kiesling stammt der Mut machende Ausspruch „be a man“, den Rico am Ende bitter nötig haben wird, wenn er das Geheimnis der Tieferschatten lösen will.

Mit den beiden Hauptdarstellern Petzold und Winkler hat sich ein wunderbares Duo gefunden. Beide agieren so kindhaft wie nötig, lassen aber immer auch ihre Sorgen aufblitzen – gerade bei Juri Winklers Oskar schwingt immer das Gefühl des neunmalklugen Jungen mit, der allerdings leidende Blicke auf Rico und dessen Mutter wirft, wenn diese sich liebevoll umarmen. Rico, Oskar und die Tieferschatten ist eine runde Sache. Am Ende möchte man jedoch noch mehr von all diesen bunten Figuren erfahren und einige neue Entwicklungen bedürfen auch noch eines weiteren Blicks auf das Leben in der Berliner Dieffenbachstraße. Wie gut, dass bereits im Abspann geklärt wird, dass die Fortsetzung Rico, Oskar und das Herzgebreche im Sommer 2015 kommen wird.

Rico, Oskar und die Tieferschatten
96 Minuten, ohne Altersbeschränkung, Kinostart: 10. Juli 2014
im Netz: Die offizielle Homepage zum Film
Alle Bilder © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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