Filmkritik

Review: Ron Morales’ “Graceland” zeigt eine moralfreie Welt ohne Helden

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GracelandNach seinem 2008er Regiedebüt Santa Mesa lässt Filmemacher und Drehbuchautor Ron Morales nun mit Graceland seinen Nachfolger in die dunkelsten Tiefen der philippinischen Hauptstadt Manila eintauchen. Es ist eine schwere Geschichte um Moral und Verantwortung, bei der es in diesem Sumpf des Verbrechens einfach kein Gut oder Böse gibt, sondern Entscheidungen getroffen werden müssen, die nun einmal weh tun. Es geht um’s bloße Überleben, hier in diesem tristen Großstadt-Moloch ist sich jeder selbst der Nächste.

Marlon Villar (Arnold Reyes) arbeitet hier als Chauffeur für den korrupten lokalen Kongressabgeordneten Chango (Menggie Cobarrubias), während er sich zugleich als quasi alleinerziehender Vater um seine kleine Tochter Evie (Ella Guevara) kümmern muss. Seine Frau und Mutter des Kindes ist krank, ist bereits seit langer Zeit im Krankenhaus untergebracht. Eine seelische Last für Marlon, der für diesen Aufenthalt natürlich das nötige Geld heranschaffen muss. Neben seiner Tätigkeit als Fahrer für den Kongressabgeordneten, dessen Frau und ihrer Tochter Sophia (Patricia Ona Goyod), verdient er sich deshalb nebenher ein wenig Geld damit, minderjährige Mädchen aus den Bordellen der Stadt zu holen und bei Chango abzuliefern, um damit dessen sexuelle Vorliebe zu befriedigen.

Diese Kinder sind nicht älter als die Tochter des Kongressabgeordneten und Marlons eigenem Mädchen. Aber die eigentliche Tragik kommt erst hervor, als Marlon die beiden Mädchen von der Schule abholt und dabei überfallen wird. Der Überfall gilt der Tochter des Politikers, doch diese erliegt einer Kugel, die sich direkt in ihre Brust bohrt. Derweil wird Marlons Tochter als Geisel genommen und hier beginnt das perfide Spiel mit der Moral. Der Entführer will Geld sehen, ganz gleich welches Mädchen sich in seiner Gewalt befindet. Marlon lässt seinen Chef im unklaren darüber, dass dessen Tochter bereits Tod ist, will durch die Lösegeldzahlung Changos seine eigene Tochter wieder in den Armen halten können.

Die Sache mit der Moral ist hier verzwickt, da es Regisseur und Drehbuchschreiber Morales gar nicht erst darauf angelegt hat, einen Helden mit weißer Weste in sein düsteres Großstadtloch zu setzen. Hier ist Marlon so etwas wie der Fixpunkt der Geschichte, von dem wir wissen, dass er mitten im Mädchenhandel steckt. Wenig sympathisch für eine Figur, dessen Tochter entführt wird und mit der wir mitleiden sollen. Dennoch funktioniert es irgendwie, größtenteils als Leistung des Darstellers Arnold Reyes zu verzeichnen.

Aber auch die Umstände die ihn umgeben, lassen ihn weniger kriminell erscheinen als er es wirklich ist. Die Mädchen aus den Bordellen besorgt er nur für seinen Boss, damit er seiner Tochter ein ohnehin schon nur recht ärmliches Leben ermöglichen kann, er kann sie durch diesen Zuverdienst sogar auf eine ordentliche Schule schicken, damit sie diesem Sumpf entkommen kann. Er möchte ihr mit allen Mitteln die Flucht aus diesem Leben ermöglichen. Umso grausamer, das ausgerechnet dieses unschuldige Kind nun Opfer einer Entführung werden muss.

Graceland erzählt von Kinderhandel, von Entführung, von Korruption und der kompletten Abwesenheit von Moral. Das beschreibt Kameramann Sung Rae Cho mit gruselig traurigen grau-blassen Bildern, die uns von vornherein suggerieren, dass hier niemals eine optimistische Stimmung aufkommen wird. Wir befinden uns mit Marlon bis zum Hals in diesem Sumpf, aus dem wir uns allenfalls bis zum Oberkörper frei machen können. Aber größtenteils bleiben wir in dieser moralfreien Stadt stecken.

Der Film ist ein bitteres Krimidrama, das die Stimmung runter drückt. Hoffentlich ist es kein Verstoß gegen die gute Moral, dass wir hier dennoch über einen guten, sehenswerten Film gestolpert sind.

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