Eggs hält sich für einen Boxtroll, obwohl er eigentlich ganz anders ausschaut // alle Bilder © Universal Pictures
Eggs hält sich für einen Boxtroll, obwohl er eigentlich ganz anders ausschaut // alle Bilder © Universal Pictures

Wenn Kinder sich ein bisschen gruseln wollen, greifen sie bei ihrer Filmauswahl am besten zu den Filmen der Stop-Animationsliebhaber von Laika. Diese haben in 2009 mit Coraline ihren Streifzug auf den Kinoleinwänden begonnen, ihn 2012 mit ParaNorman fortgeführt und erweitern ihr Angebot nun um Die Boxtrolls. Von bösartigen Knopfaugen-Kreaturen in Paralleluniversen und einer Invasion der Zombies durch Hexeneinfluss, führt uns Laika nun in die Welt kleiner verschrobener Trolle, die eine Vorliebe dafür haben, statt herkömmlicher Kleidung die verschiedensten Pappkartons als Körperbedeckung zu tragen. Und noch mehr als in ihren ersten beiden Filmen zeigen sich die Animateure von Laika als detailverliebte Weltenbauer, deren Filme mehr nach Passion ausschauen als nach geldverliebter Massenware.

Die Boxtrolls, unter der Regie von Graham Annable und Anthony Stacchi entstanden, basiert auf dem Roman Here Be Monsters! von Alan Snow, in Deutschland unter dem Titel Die Monster von Rattingen erschienen, wo die Boxtrolls als Schachteltrolle benannt werden.

Der Film bleibt aber auch hierzulande bei den Boxtrolls und erzählt die Geschichte des Menschenjungens Eggs, der unter den Straßen von Cheesebridge bei den Boxtrolls aufwächst. Jeder dieser Trolle trägt einen Karton und bekommt seinen Namen durch den jeweiligen Aufdruck: Eggs (Eier), Fish (Fisch), Wheels (Reifen), Shoe (Schuh) oder Sweets (Süßigkeiten). Die Boxtrolls könnten ein friedvolles Leben unter der Erde führen, ab und an an die Oberfläche huschen um sich wertvollen Müll von den Straßen zu sammeln, aus dem sie eigene kleine Erfindungen erschaffen, wenn da nicht Archibald Snatcher und seine Rothüte wären, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, jeden einzelnen Boxtroll zur Strecke zu bringen.

Archibald Snatcher will die Boxtrolls loswerden. Als Belohnung würde ihm ein weißer Hut winken.
Archibald Snatcher will die Boxtrolls loswerden. Als Belohnung würde ihm ein weißer Hut winken.

Dahinter verbirgt sich eine Geschichte von Akzeptanz, niemals so sehr in den Vordergrund gerückt, als dass die Erzählung darunter leiden würde. So verpackt man eine Moral ohne den Holzhammer zu zücken. Dahinter steckt aber ebenso die Geschichte eines Jungen, der nicht unter seinesgleichen aufwächst und sich für etwas ganz anderes hält (Mowgli aus dem Dschungelbuch kommt einem in den Sinn) und gerade hierdurch die Andersartigkeit besser zu verstehen lernt.

Gerade diese Helden in Kindgestalt wirft Laika mit großer Sorgfalt aus. Coraline war bereits eine Einzelgängerin, die sich in ihrer Familie irgendwie anders fühlte und in Folge dessen an dem falschen Ort nach Gleichgesinnten suchte, obgleich das anders sein doch eigentlich völlig in Ordnung war. Auch Norman in ParaNorman war gänzlich anders als alle anderen Kinder oder gar Erwachsenen in seiner Welt. Er konnte Geister sehen und wurde deswegen für Verrückt erklärt. Am Ende war er aber dann der Einzige, der seine Stadt vor großem Unheil bewahren konnte. Die Filme von Laika machen aus der Andersartigkeit eine Einzigartigkeit. Es ist nicht schlimm, so wie alle anderen zu sein, sondern etwas Besonderes, etwas Gutes. Dahinter mag sich auch die Selbstreferenz verbergen, nicht wie alle anderen Animationsfilme per Computer zu realisieren, sondern eben diese etwas anderen Stop-Animationen, die Bild für Bild erschaffen werden müssen.

Und hierauf stützt sich nun also auch Die Boxtrolls. Eggs ist der einzige der keine Angst vor den Trollen hat, die bei den Bewohnern von Cheesebridge Panik auslösen. Sie sollen töten und morden, des Nachts herrscht gar eine Ausgangssperre. Eggs hat hierfür nur verwunderte Blicke übrig, denn er kennt diese friedfertigen, verspielten Wesen, die zwar etwas deformiert aussehen mögen, aber eigentlich ebenso liebreizend sind, wie die kleinen Minions aus den Ich – Einfach Unverbesserlich Filmen. Dabei halten die Boxen nicht nur als Kleidungsstücke für die Trolle her. Die Boxtrolls stapeln sich auch gerne aufeinander, um so an höher gelegene Orte zu gelangen oder verkrümeln sich in ihren Boxen um darin zu schlafen, basteln durch ein enges Beieinander so etwas wie eine kleine Festung. Immerhin sind diese Wesen aufgrund der Anfeindungen der Menschen höchst ängstlich, was dieses ständige Verstecken begründen dürfte.

Für Eggs ist Cheesebridge eine völlig neue Welt
Für Eggs ist Cheesebridge eine völlig neue Welt

Wo die Boxtrolls sich also sogar des Nachts so gut es geht aneinander kuscheln, sind die Bewohner Cheesebridges schon allein durch Äußerlichkeiten voneinander unterteilt in normale Bürger, in Rothüte (die Boxtroll-Jäger, die tatsächlich rote Hüte tragen) und die Weißhüte, Adelige die sich regelmäßig in einem Raum einsperren um über die Stadt zu regieren, grundsätzlich aber mehr damit beschäftigt sind, Käse in sich hinein zu stopfen. So wird Geld für ein Kinderkrankenhaus kurzerhand dazu genutzt, um einen gigantischen Käse zu kaufen. Alle Bewohner von Cheesebridge haben diese käseartige Haut, sehen etwas blass und eben käsig aus, so dass man an ihnen gar nichts niedlich finden kann. Vielleicht sympathisiert man auch allein deswegen so schnell mit den Boxtrolls, da die Menschen in diesem Film geradezu krank aussehen. Sie sind hier die wahren Monster, die Andersartigkeit mit Sorge und Panik betrachten oder eben das Andersartige verjagen, fangen oder gar töten wollen.

Und dann ist da noch die Stadt selbst. Cheesebridge ist unfassbar umfangreich gestaltet. An jeder Ecke gibt es Kleinigkeiten zu entdecken. Des Nachts ist die Stadt zwar leergefegt, aber sobald der Film auch einmal den Trubel am Tage zeigt wird deutlich, wie viel Arbeit in der Erschaffung dieser Kulisse gesteckt haben muss. Den größten Wunsch den man während und nach dem Film haben wird, ist einmal durch diese Stadt zu gehen. Es wäre für klein wie groß ein einmalig faszinierend märchenhaftes Erlebnis. Ebenso wie der Film selbst.