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Die Wolken von Sils Maria

Das Blockbuster Publikum hat es noch nicht so ganz mitbekommen, aber Kristen Stewart hat sich schon lange aus dem Twilight-Franchise verabschiedet. Oft immer noch als talentfrei abgestempelt, hat sie schauspielerische Glanzleistungen in dem leider in Deutschland bisher unveröffentlichten Camp X Ray, als auch in dem nun in den Kinos anlaufendem Die Wolken von Sils Maria dargeboten. Neben Juliette Binoche wirkt sie, wie die junge Version der französischen Schauspielerin, die ebenso zwischen Kommerz und Arthouse pendelt, wie es Stewart derzeit ausprobiert. Diese Gratwanderung ist derweil auch eine der vielen Thematiken in Regisseur Oliver Assayas’s Wolken von Sils Maria: Arthouse gegen Mainstream, Jugend gegen Alter, vereint im Antlitz der Schweizer Alpen.

Hier hat ein meteorologisches Phänomen seinen Ursprung: die „Maloja-Schlange“, aufsteigende, feuchte Luft die sich in Wolken oder Nebel verwandelt und nach Westen durch den Malojapass wandert. In 1924 wurde dieses Naturschauspiel von Arnold Fanck in einem schwarz-weißen Film festgehalten (Das Wolkenphänomen von Maloja), in Die Wolken von Sils Maria bekommen wir es noch einmal in Farbe zu Gesicht.

Charlotte Binoches Maria Enders ist ein Hollywood-Star zwischen Foto-Shootings und Scheidungs-Telefonaten, die allerdings alt geworden ist. Sie hat keinerlei Ahnung von modernen Medien, gibt sich mit schwarzer Federboa und übergroßer Sonnenbrille als ruhmreiches Exponat einer vergangenen Filmstar-Zeit. In dieser Vergangenheit, zwanzig Jahre ist es her, hat Maria in einem Theaterstück mitgespielt, basierend auf dem 1924 Maloja-Film. Damals als 18 Jahre junge Sigrid, wird sie von einem Regisseur dazu überredet, nun als Helena in einer Neuaufführung mitzuwirken, also in der Rolle der bitteren, alten Liebhaberin der jüngeren Hauptprotagonistin.

Hollywood-Göre Jo-Ann (Chloe Grace Moretz)
Hollywood-Göre Jo-Ann (Chloe Grace Moretz)

Derweil soll Sigrid nun von Jo-Ann gespielt werden, Chloe Grace Moretz als Hollywood-Göre mit allerhand Boulevard-Berichterstattung im Nacken. Frisch aus der Reha wird sie im Blockbuster-Kino trotzdem gerade hoch gehalten, weil sie eine Rolle in einem erfolgreichen Superhelden Film spielt, der die Welt begeistert.

Aber Regisseur Olivier Assayas interessiert sich kaum für Jo-Ann, sie bleibt eine Randnotiz, ein kleines Post-It mit Kommentaren zur Situation des Hollywood-Blockbuster-Films. Klein, aber wichtig. Der Fokus liegt allerdings auf dem Zusammenspiel von Juliette Binoche und Kristen Stewart, die als Valentine zu sehen ist, die persönliche Assistentin der Schauspielerin und für uns ein Spiegel ihrer Jugend. Mal mit Raubkatze auf dem Shirt, dann mit einem Batman-Symbol, verkörpert Stewart die rebellische Jugend, die schlagfertig auch das Popcorn-Kino zu verteidigen weiß. Das tätowierte Hot Chick mit Nerd-Brille hat das iPhone in der einen Hand, die Zigarette in der anderen, mit den Gedanken an zehn unterschiedlichen Orten und weiß das Leben immer noch besser zu bewältigen als die alt gewordene Diva, die sich der Strapazen der modernen Welt entziehen möchte.

Maria wird von Valentine ins Kino geschleppt, um sich dort den Superhelden-Film mit Jo-Ann anzusehen. Maria begegnet dem Kommerz mit Unverständnis, sieht keine Kunst in einem überdrehten Superhelden Spaceship Abenteuer. So diskutieren Binoche und Stewart über den Gegensatz von Kunst und Kommerz und bieten uns einige wunderbare Dialoge. Damit einher schwingen immer die Gedanken Marias, dass sie alt geworden ist. Sie scheint die Kunst nur zu verteidigen, damit sie der Jugend etwas entgegen zu setzen hat. In Lese-Proben des Theaterstücks, die Maria gemeinsam mit Valentine abhält, wirkt es oftmals so, als würden die beiden sich wirklich miteinander unterhalten. Die Grenzen zwischen Theater und Realität verwischen hier recht stark und man weiß nicht mehr, auf welcher Ebene man den beiden Frauen nun gerade zuhört.

Es scheint ein neuer Trend zu sein, einen Kommentar auf das Kino im Kino selbst zu bringen Erst David Cronenbergs Maps to the Stars, nun Die Wolken von Sils Maria, bald Birdman von Alejandro González Iñárritu. Olivier Assayas hat einen wunderbar ruhigen, nachdenklichen Film geschaffen, der zugegebenermaßen unter seinem Titel zu leiden hat, der nichtssagend erscheint und nicht unbedingt dazu taugt, Menschen ins Kino zu locken. Aber es sei gesagt, man darf sich gelockt fühlen. Die Wolken von Sils Maria zeigt Alt wie Neu, Kunst und Kommerz im harmonischen Einklang, auch wenn gegeneinander diskutiert wird.

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