Harper Lee, Schriftstellerin Extraordinaire, erhielt für ihren Roman “To Kill A Mockingbird” in 1960 die äußerst renommierte Pulitzer Preis-Auszeichnung verliehen. Nur zwei Jahre später entstand unter Regisseur Robert Mulligan (sein letzter Film vor seinem Tod war der 1991er Der Mann im Mond) die entsprechende Verfilmung Wer die Nachtigall stört mit Gregory Peck in der Hauptrolle.

Er spielt den Anwalt Atticus Finch. Inmitten der großen Depression im Süden der USA Anfang der 1930er Jahre muss er einen farbigen Mann gegen die ungerechtfertigten Anschuldigungen der Vergewaltigung verteidigen. Zugleich ist er für eine Bande von Kindern ein guter Freund, ein Vertrauter und die Person, zu der sie aufsehen wollen. Mit Kinderaugen verfolgen sie das gesellschaftliche Treiben, dass Atticus solches Kopfzerbrechen bereitet.

Wer die Nachtigall stört
Die Kinder beobachten die Gerichtsverhandlung.

Wer die Nachtigall stört gilt bis heute als einer der besten Filme, die jemals gedreht worden sind. Die Kritikerstimmen überschlagen sich über diesen Film, er hat finanziell das zehnfache seiner Produktionskosten eingespielt und drei Oscars erhalten. Das mag zum einen am Spiel von Gregory Peck liegen, zum anderen an der liebenswürdigen Weise, mit der die Kinder in den Mittelpunkt gerückt werden, als hätte Steven Spielberg höchstpersönlich diesen Film gedreht.

Die drei Kids, gespielt von Mary Badham, Phillip Alford & John Megna, erinnert zu Beginn des Films ein wenig an die Little Rascals, die kleinen Superstrolche, wie sie verspielt und albern einen Reifen dazu nutzen, sich selbst durch die Nachbarschaft zu rollen. Hier erleben sie mit uns zusammen noch einmal eine unbeschwerte Kindheit.

Diese abenteuerlustigen Goonies, die allerhand Unsinn treiben, wachsen allerdings in einer Zeit extremer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit auf, was ihnen die Unschuld und Naivität raubt. So spannend und amüsant die erste Hälfte des Films daherkommt, verwandelt sich der Film später in ein ernstes Gerichtsdrama, bei der die weiße Dorfbevölkerung gegen den Angeklagten wettert, nur weil er eine andere Hautfarbe hat.

Wer die Nachtigall stört
Atticus (Gregory Peck, links) versucht Tom Robinson (Brock Peters, rechts) zu verteidigen.

Am erstaunlichsten spielt Mary Badham ihre Jean Louise “Scout” Finch. Ein Mädchen, das bereits in einem 1962er Film höchst modern als Tomboy daherkommen darf. Sie weigert sich ein Kleid zur Schule zu tragen und hat im Geschlechterkampf gegen ihre beiden männlichen Kumpels definitiv die Hosen an.

Nicht vergessen: Wer die Nachtigall stört ist kein Film aus der heutigen Zeit, sondern über 50 Jahre alt. Dennoch bekommen wir eine Mädchenrolle, die sich auf dem Schulhof mit Jungs prügelt und damit ein erstes filmisches Beispiel für die Anerkennung der starken Frau seitens des Regisseurs geltend gemacht werden kann.

Am Ende darf man auch Gregory Peck nicht vergessen, der in seiner Rolle unfassbar mitfühlend spielt. Er soll ein Anwalt sein, ist aber immer und in jedem Moment so viel mehr. Ganz gleich ob er gerade in einer Vorbildfunktion für die Kinder auftritt oder aber den angeklagten Tom Robinson (Brock Peters) verteidigt – was nicht nur im Gerichtssaal passiert, sondern auch auf offener Straße – Peck gibt seiner Figur eine ganze Menge Mitgefühl und Verständnis mit, das niemals gespielt und immer ehrlich gemeint wirkt. Ebenso wie der ganze Film.