Filmkritik

REVIEW | Ein ganzes halbes Jahr

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Eigentlich hätte Emilia Clarke gar nicht die schöne, aber gefährliche Eroberin Daenerys Targaryen in der HBO Serie „Game of Thrones“ spielen sollen. Man fragt sich, wie es jetzt um ihre Karriere stehen würde, hätte „Tudors“-Darstellerin Tamzin Merchant die Rolle behalten, die sie immerhin in einer unveröffentlichten „Game of Thrones“-Pilotfolge spielen durfte. Wäre Merchant auch zur neuen Sarah Connor in einem weiteren Versuch der Reanimation des „Terminator“-Franchise geworden? Vielleicht wäre dass Emilia Clarke sogar ganz recht gewesen.

Anders dürfte es mit „Ein ganzes halbes Jahr“ aussehen, denn hier schafft es Emilia Clarke sich in einer Rolle und einem Film zu behaupten, der qualitativ weitaus besser daher kommt als das Zeitreise Sci-Fi Debakel. Emilia Clarke spielt Lou Clark, die das Leben locker und leicht nimmt und an allem ihren Spaß zu finden scheint. Dann nimmt sie einen Job als Betreuerin von Will Traynor (Sam Claflin) an, einem querschnittgelähmten Misanthrop, der sein Leben nur allzu gern am Ende sehen würde. „Ein ganzes halbes Jahr“ kommt von Regisseurin Thea Sharrock, die nach einem Drehbuch von Jojo Moyes gearbeitet hat, die damit ihren eigenen 2012er Roman adaptieren durfte.

Emilia Clarke als durchgeknalltes quirky Nerd-Girl

Zugegeben, ohne die Buchvorlage zu kennen, wirkt der Film der Realität recht fern, erinnert allein durch das Spiel der Darsteller eher wie ein überzogener Comic Book Movie. Lou ist als Figur als knallbuntes Bonbon angelegt, die es liebt sich extravagant zu kleiden, aus der Masse hervorzustechen und wird von Clarke mit äußerst flexiblen Augenbrauen ‚total crazy‘ gespielt. Vermutlich bedarf es aber diesem übermäßigen Farbeinsatz der Kleidung und dem fast schon an einen Cartoon erinnernden Spiel, um dann den extremen Gegensatz zu Sam Claflins Will zu zeigen, der in sich gekehrt die miesepetrige Seite dieses Films darstellen soll – zumindest bis Lou es schafft diesen Menschen aufzulockern.

Ja, dass erinnert zumindest uns Europäer an „Ziemlich beste Freunde“, aber man bedenke, dass das US Publikum zumeist unwillig ist sich Werken zu widmen, die nur mit Untertitel konsumiert werden können (und selbst Lou sagt im Film, dass sie keine Filme mit Untertiteln mag). Außerdem kann man eigentlich doch gar nicht genug von diesen illustren Filmfiguren bekommen, die irgendwie quer zum Leben existieren und mit einer ganz anderen Art und Weise dennoch glücklich werden können. Auch wenn der Begriff in „Ein ganzes halbes Jahr“ nicht fällt und dem Zielpublikum vermutlich auch nicht bekannt wäre, ist Lou schon so etwas wie ein Modern Day Nerd Girl. Und das Schöne ist dann doch, dass sie voll und ganz dieses lebensfrohe Chaos ausleben darf, ohne dass der Film übermäßig kitschig werden würde, wie man es bei einem solchen Streifen vielleicht erwartet hätte. Aber hier bleiben dann wohl doch die Geschichten von Nicholas Sparks die Marktführer.

Ein ganzes halbes Jahr

Emilia Clarke ist mehr Com als Rom

Aber keine Sorge, für die geneigten Romantiker gibt es auch diese Momente. Wenn Lou etwa die gestreiften Hummel-Socken von Will geschenkt bekommt, die sie schon als Kind getragen hat, aber nur noch schwer aufzutreiben sind (während eine öde Kette ihres Freundes nur ein müdes Lächeln aus ihr hervorbringt – ein Film also, der den Männern beibringt, dass es nicht immer nur Schmuck sein muss, der die Frauen glücklich macht). Oder wenn Lou und Will tanzen, sie romantisch auf seinem Schoß sitzend, während er seinen Rollstuhl rotieren lässt. Bei allem Schmalz, das ist einfach schön anzusehen, nicht zuletzt weil zwischen Emilia Clarke und Sam Claflin die Chemie stimmt.

Und sollte der Männerwelt dann doch langweilig werden, dann kann man ja in einem Trinkspiel versinken. Wie wäre es zum Beispiel, einfach einen Shot hinunter zu kippen, immer wenn Frau Clarke mit einem neuen Outfit auf der Leinwand zu sehen ist? Nach etwa zehn Minuten dürfte man im Delirium versunken sein. Die, die sich nicht des Bewusstseins berauben lassen, bekommen in Lou eine Figur, die eigentlich so erinnerungswürdig daherkommt wie Audrey Tautous Amelie, weil sie einfach so liebenswert weltfremd agiert, dass man sie am liebsten knuddeln möchte.

„Ein ganzes halbes Jahr“ ist more fun als romantischer Kitsch. Vor allem im Genre-vergleich muss man(n) ja immer Angst vor dem nächsten Nicholas Sparks haben und schaut solcherlei oftmals als Frauenfilm betitelten Dingern eher skeptisch entgegen. Hier kann aber ganz klar Entwarnung gegeben werden, wenn over-the-top Emilia Clarke auf den schwarz-zynischen Humor von Sam Claflin trifft.

Daumen hoch.

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