Anne Hathaway mit Matthew McConaughey in Christopher Nolans "Interstellar" // alle Bilder © Warner Bros. Pictures Germany
Anne Hathaway mit Matthew McConaughey in Christopher Nolans „Interstellar“ // alle Bilder © Warner Bros. Pictures Germany

Im Prinzip ist es so, dass sich Christopher Nolan das Kind im Manne bewahrt hat und uns an seinen verspielten Fantasien teilhaben lässt. Er erschafft Superhelden wie Batman und lässt sie uns ganz menschlich nahe erscheinen, er zaubert Magier auf die Leinwand, kontrolliert Träume und setzt uns nun den Raumfahrerhelm auf. Mit Interstellar bricht der Regisseur nicht nur ins Weltall auf, sondern in eine ganz andere Galaxie, wo er seine Helden Matthew McConaughey und Anne Hathaway auf einen Trip durch Zeit und Raum schickt.

Manch einer stellt Vergleiche zu Gravity oder gar Stanley Kubricks Sci-Fi-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum auf. Das erscheint einfach wie richtig – und doch hat Nolan ohne sich zu sehr durch andere Space Travels beeinflussen zu lassen, sein ganz eigenes Werk geschaffen. Das merkt man an all den Spezifika, die durchgehend in den Werken des Filmemachers zu finden sind und auch hier zu Tage treten.

Nolan hat es Batmans Widersacher Ra’s Al Ghul, in Batman Begins und später noch einmal durch Liam Neeson dargestellt, schön zusammenfassen lassen: „Theatralik und Täuschung sind machtvolle Instrumente“. Aus diesem Satz entsteht nicht nur der Batman-Mythos, den Multimilliardär Bruce Wayne nun eben nutzt, um das kriminelle Gotham einzuschüchtern, sondern es sind auch die Elemente, die Nolan in all seinen Filmen einsetzt, um uns Zuschauer bei Laune zu halten. Und auch Interstellar hält für uns Theatralik und vor allem Täuschung bereit.

Farmer Cooper (McConaughey) lebt mit seinem Schwiegervater (John Lithgow) und seinen beiden Kindern Murph (Mackenzie Foy) und Tom (Timothée Chalamet) auf einer Farm irgendwo in den USA. Hier wie auch woanders sieht es allerdings äußerst schlecht um den Planeten Erde aus. Sandstürme verwüsten die Oberfläche, immer öfter müssen verdorbene Felder verbrannt, Ernten aufgegeben werden. Es sind also keine Katastrophen wie Erdbeeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme oder Flutwellen, die diese Welt zu Grunde richten, sondern Nolanesque bleibt es ruhig in seinem Universum, die Menschheit wird durch den Mangel von Lebensmitteln dahin gerafft.

Cooper macht die Bekanntschaft von Brand (Hathaway), die ihm die Möglichkeit eröffnet, der Menschheit eine neue Heimat zu suchen. Mit einer vier Mann starken Mannschaft und zwei Robotern ausgestattet brechen sie auf ihre Weltraumreise auf, die sie durch ein schwarzes Loch in eine andere Galaxie führen soll, wo es einige Planeten auszukundschaften gibt, die potentielle Anwärter auf ein neues Leben sein könnten.

Farmer Cooper (McConaughey) mit seiner Tochter Murph (Mackenzie Foy)
Farmer Cooper (McConaughey) mit seiner Tochter Murph (Mackenzie Foy)

Der Nachteil dieser Heldentat ist die Zeit, die bei ihrer Reise langsamer vergeht als auf der Erde. So können eine Stunde im All schon einmal sieben Jahre auf der Erde bedeuten. Hier liegt die grausame Theatralik verborgen, die Hathaways Brand um ihren Vater (Michael Caine) trauern lässt, während Cooper das Aufwachsen seiner beiden Kinder zu Erwachsenen (Jessica Chastain und Casey Affleck) verpasst. Sie setzen ihre persönlichen Belange aus, um die Menschheit zu retten. Sie geben ihr eigenes Leben auf, um ihren Nachkommen eine Zukunft zu sichern.

Es ist eine wunderschöne Parabel darauf, dass unsere Eltern uns niemals wirklich verlassen, sondern ab einem gewissen Moment all ihre Taten für ihre Kinder eine Bedeutung bekommen. Alles was sie getan haben oder noch tun werden, gehört zu dem Leben der Kinder dazu, ohne das sie es zwingend bemerken müssten. Die Eltern schweben wie ein Geist durch das Leben der Kinder, sind irgendwie immer und durch alle Zeiten zugegen. Das inszeniert Nolan mit einem emotionalen Paukenschlag.

Es gibt diesen Moment, in dem Jessica Chastain bewusst wird, was ihr Vater wirklich für sie getan hat und all die vorherige Wut, darüber dass er sie als kleines Kind zurückgelassen hat, liegt nicht mehr wie ein schwerer Brocken, von der Gravitation geradezu auf ihre Seele gepresst, am Boden. Es ist als würde sich ein Knoten lösen und dieser Brocken empor steigen. Ein erleichterndes Gefühl, die Tochter den Vater verstehen zu sehen.

Nolan nutzt für seinen Film die immensen Fähigkeiten von Kameramann Hoyte Van Hoytema (So finster die Nacht, Her, angekündigt für den kommenden Bond-Film) um bedrückende Landschaftsbilder auf der Erde zu zeigen, um das kleine Raumschiff der Mission in das große Weltall zu setzen, wo es als kleines Licht unter unzählbar vielen Sternen in der Dunkelheit umher fliegt – oder ebenso beeindruckend an den Ringen des Saturns entlang schwebt – und auch um die Oberflächen von fremden Planeten zu gestalten, auf denen die Besatzung mal knietief im Wasser steht, ein anderes Mal unter und über ihnen eine Gletscherlandschaft zu Gesicht bekommt. Alles wunderhübsch, immer aber auch ein wenig gefährlich. Die Suche nach einer neuen Welt für uns Menschen gestaltet sich gar nicht so einfach.

Die Handlung enthält natürlich die eine oder andere Überraschung. Den Moment der Täuschung in einem Nolan-Film zu verraten, würde allerdings den gesamten Spaß an der Sache nehmen. Hier hat uns Nolan nicht nur Wendungen in die Geschichte geschrieben (das Drehbuch ist eine Gemeinschaftsarbeit von Jonathan und Christopher Nolan), sondern auch in einem ganz bestimmten Fall das Casting geheim gehalten. Faszinierend wie er das schafft, mit all dem Gerede im Internet.

Interstellar mit früheren Filmen von Christopher Nolan zu vergleichen würde dieser filmischen Reise nicht gerecht werden. Es ist eine Familientragödie, eine Heldengeschichte, eine surreale Reise durch Raum und Zeit, ein Science Fiction Film und – wer hätte es bezweifelt? – erneut eine Glanzleistung von Darsteller Matthew McConaughey, der für Christopher Nolan die menschliche Natur in fernen Galaxien ergründen darf.