Filmkritik

“The Deep Blue Sea” von Terence Davies

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© Kinostar / Rachel Weisz (links) als Hester und Tom Hiddleston (rechts) als Freddie in “The Deep Blue Sea”

„Zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer“, eine Redensart die unter Matrosen entstand, die auf hoher See an der Reling arbeiten mussten. Nach dieser Redensart benannte Terence Rattigan sein 1952 entstandenes Theaterstück „The Deep Blue Sea“, welches zum ersten Mal schon drei Jahre später eine Filmversion erhielt, mit Vivien Leigh, Darstellerin der Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“ sowie Kenneth More in den Hauptrollen. Zum 100. Geburtstag des inzwischen verstorbenen Rattigan wurde im vergangenen Jahr die Geschichte um das Dilemma, sich zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer zu befinden – sozusagen zwischen dem Regen und der Traufe wählen zu dürfen – unter der Regie von Terence Davies („Am Ende eines langen Tages“) erneut verfilmt: Mit Rachel Weisz und Tom Hiddleston in den Hauptrollen.

Weisz spielt Hester Collyer, die ein privilegiertes Leben an der Seite ihres Ehemannes Sir William Collyer (Simon Russel Beale) führt. Doch dieses scheint ihr nicht gänzlich zu genügen. Diese Frau möchte aus ihrem wohlhabenden Käfig ausbrechen, möchte einen neuen Lebensabschnitt beginnen, in dem sie sich nun endlich selbst verwirklichen kann. Diesen Wunsch sieht sie in Freddie Page (Tom Hiddleston) erfüllt, ein junger ehemaliger Pilot der Royal Air Force, von dem sie sofort fasziniert ist. Sie beschließt ihr altes Leben aufzugeben und ein neues mit Freddie zu beginnen. Doch auf dem Weg ihre persönliche Freiheit zu erlangen, erkennt sie wie viel sie dafür aufs Spiel setzen muss, denn schon bald wird ihr klar, dass ihre Leidenschaft das Einzige ist, was Freddie und sie zusammenhält. Als dann ihr Ehemann William wieder auftaucht um sie zurück zu holen, sieht sich Hester in einem Dilemma gefangen.

Rachel Weisz (hinten) mit Simon Russell Beale

Und hier werden die Vorzüge einer Rachel Weisz überdeutlich, spielt sie wie als wolle sie eine Anleitung zum Unglücklich sein verfassen. Unterstützt durch die pompösen Klänge des Saint Paul Chamber Orchestras wirkt es streckenweise wirklich dick aufgetragen, doch irgendwie auch realitätsnah, wenn Weisz zwischen Ehemann und Liebhaber windet, eigentlich mit keinem der beiden so richtig glücklich werden kann. Da schaut Weisz anfangs einsam, allein im abgedunkelten Zimmer aus dem Fenster hinaus, mimt die am Boden zerstörte Frau, die den Vorhang verschließt, wie sie sich hierdurch von der Welt verschließen möchte. Der folgende Selbstmordversuch ist zwar nicht erfolgreich, doch der Abschiedsbrief erreicht ihren Freddie, dessen Welt hierdurch ebenso in die Brüche geht. Aus dem zumindest oberflächlich lebensfrohen, von Tom Hiddleston mit breitem Grinsen gespielten Page wird ein gebrochener Mann, der nicht mehr mit seiner Geliebten umzugehen versteht, dessen Welt eine weitere Erschütterung erfährt. Tief in seinem Innersten, sehnt er sich zurück in die Zeit, in der er im Krieg aktiv sein durfte, in der Normalität findet er keinen Platz, die Leidenschaft seiner Hester hielt ihn am Leben, doch diese scheint er selbst erdrückt zu haben.

Das große Kennenlernen der beiden Liebenden findet in zahlreichen Rückblenden statt, die aus der tristen Gegenwart hinaus in eine glücklichere Vergangenheit entführen, dort wo Freddie seiner Hester bestätigt, dass sie die schönste und attraktivste Frau ist, der er je über den Weg gelaufen ist. Zärtliche Küsse, gemeinsame Abende, Spaß den man miteinander hat, all das wird passenderweise nur als Erinnerungsfetzen präsentiert, denn diese Zeiten sind dem Spiel der Protagonisten nach zu urteilen, schon lange vorüber. Im Hier und Jetzt sehnt sich Hester nicht nach der verflogenen Vergangenheit, sondern stets nach anderen Welten. Oftmals sieht der Zuschauer Rachel Weisz vor einem Spiegel stehen, wie sie sich selbst in ihrer Welt beobachtet, dann wieder an einem Fenster, wie sie sehnlichst den Blick aus ihrer Welt hinaus wirft, dorthin, wo sie glücklich sein könnte, fern von der Gegenwart, fern von ihrem Ehemann, ebenso wie von ihrem Geliebten.

Tom Hiddleston

Die kleinen Episoden, die Rachel Weisz mit Barbara Jefford teilt, die als Mutter ihres Ehemanns in Erscheinung tritt, können beinahe als komödiantisches Intermezzi gesehen werden, die dem Film stellenweise einen eigentümlichen Ton bescheren. Darüber hinaus geschieht nicht viel in „The Deep Blue Sea“ und es könnte schnell Langeweile entstehen, bekommt man als Zuschauer nicht mehr mit als drei Personen, die sich gegenseitig in emotionale Abgründe werfen. Aber hier müssen die hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Rachel Weisz und Tom Hiddleston, wie auch von Simon Russell Beale genannt werden, die den Film vor seinen eigenen Abgründen bewahren.

Hester wird einmal gefragt, was mit ihr geschehen sei, dass sie all ihren Lebensmut, all ihre Leidenschaft verloren habe. Sie antwortet mit einem Wort: Liebe. Nach nun sechs Jahrzehnten hat sich also nichts verändert mit der Grausamkeit des Herzenswunsches und Rachel Weisz muss die Tragik erfahren, zwischen zwei Männern zu stehen und mit keinem von beiden eine zufriedenstellende Zukunft vor Augen zu haben. Dieser simplen Story darf der Zuschauer umso zufriedener folgen, denn auch wenn es nur ein Wort ist, muss die Liebe glaubwürdig und emotional verkörpert und dargeboten werden, so wie es in „The Deep Blue Sea“ geschehen ist.

Denis Sasse

“The Deep Blue Sea“

Originaltitel: The Deep Blue Sea
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: GB / USA, 2011
Länge: ca. 102 Minuten
Regie: Terence Davies
Darsteller: Rachel Weisz, Tom Hiddleston, Simon Russell Beable, Barbara Jefford, Karl Johnson, Ann Mitchell

Deutschlandstart: 27. September 2012
Offizielle Homepage: musicboxfilms.com/the-deep-blue-sea-movies

1 Comment

  1. Dieser Film ist ja völlig an mir vorbeigegangen, steht aber jetzt auf jeden Fall auf meiner (viel zu langen) To-watch-Liste.

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