Filmkritik

“Pussy Riot: A Punk Prayer” von Mike Lerner & Maxim Pozdorovkin

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Nadezhda Tolokonnikova (links), Ekaterina Samutsevich (mitte) und Mariya Alyokhina (rechts).

Nadezhda Tolokonnikova (links), Ekaterina Samutsevich (mitte) und Mariya Alyokhina (rechts).

Wie am 31. Oktober 2013 bekannt gegeben wurde, hat die russische Medienaufsichtsbehörde der unabhängigen Nachrichtenagentur Rosbalt die Lizenz entzogen. Schuld sind ein Video und weitere kurze Clips der Frauen-Punkband Pussy Riot, die die Leser der Seite dort vorfinden konnten. Daraufhin beantragte die staatliche Medienaufsicht Roskomnadsor die Schließung der Seite, die von einem Moskauer Gericht beschlossen wurde. Ein solches Vorgehen ist Alltag in der dritten Präsidentschaftsphase von Wladimir Putin, der mit heftigen Restriktionen gegen sowohl Oppositionelle als auch Medienschaffende seines Landes vorgeht. Auslöser war ein Auftritt Pussy Riots vor der Präsidentschaftswahl in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, bei der ein sogenanntes Punkgebet gegen eine Wiederwahl Putins gesungen wurde.

Die Dokumentation Pussy Riot: A Punk Prayer arbeitet eben dieses Ereignis fast minutiös auf, begleitet die drei jungen Pussy Riot Mitglieder Nadia, Masha und Katia, die sich nach ihren Taten mit einer siebenjährigen Haftstrafe konfrontiert sehen, die aufgrund einer satirischen Performance in einer Moskauer Kathedrale ausgesprochen wird. Die Dokumentation, gefilmt über einen Zeitraum von sechs Monaten, bezieht Stellung, hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, wirkt daher oftmals dokumentarisch unsauber, weil wenig Objektivität vorzufinden ist. Dann aber muss klar sein, dass die Sympathien auf der richtigen Seite liegen, man verbündet sich gegen Putin, den Schurken mit seinem autoritären Regime, zeigt Pussy Riot mit ihren Masken und revolutionären Gedankengut als Superheldinnen einer neuen Generation von Mensch im immer noch sehr konservativ denkenden Russland.

Nadezhda Tolokonnikova in Polizeigewahrsam.

Nadezhda Tolokonnikova in Polizeigewahrsam.

Auch hierfür werden explizite Beispiele gezeigt, wenn innerhalb der Anti-Pussy Riot Bewegung Aussagen getätigt werden, die jede Form des Neuen dämonisieren, im Zusammenhang mit Pussy Riot von Hexen gesprochen wird. Hier gilt das Motto Orthodoxie oder Tot, auf die Mädchen reagiert man mit abwehrender Haltung: Sie sollen doch, wenn sie ohne Männer leben wollen, auf eine Insel oder in den Amazons gehen. Man sucht verzweifelt nach nachvollziehbaren Motiven, man möchte diesen religiösen Fanatikern irgendwo eine Spur von Verständnis entgegen bringen – aber solcherlei Ansätze bietet Pussy Riot: A Punk Prayer nicht.

Dafür werden reichlich unterstützende Kräfte gezeigt. So solidarisiert sich Pop-Ikone Madonna mit den Pussy Riot Mädchen, indem sie auf einem ihrer Konzerte eine Pussy Riot-Maske trägt um sich der Bewegung zugehörig zu zeigen. Sei es Sängerin/Performerin Peaches mit ihrem Song Free Pussy Riot oder Yoko Ono, der internationale Star-Beistand scheint in diesem Fall keine Grenzen zu kennen. Das mögen auch die Mädchen von Pussy Riot, die aber ebenso stark von ihren eigenen Eltern unterstützt werden. Die sehen zwar, dass es eine begangene Dummheit war, sich so provokativ in der Öffentlichkeit zu geben, aber ebenso realisieren sie die Ungerechtigkeit, die nun ihren Töchtern durch den Staat wiederfährt.

Pussy Riot

Pussy Riot

Pussy Riot, dass definieren die Mädels sich selbst, steht für einen Aufstand der unterdrückten Massen, für eine Gruppe junger Menschen, die nicht mehr mit der altertümlichen Regierung Putins und dem streng orthodoxen Glauben der Kirche einverstanden sind. Pussy Riot, das sei Krawall, Pogrom und Aufstand. Genau das fängt die Dokumentation faszinierend und spannend in Szene gesetzt ein, zeigt sich als filmisch festgehaltene Fürsprache für den Aufruf ein neues Russland zu erschaffen, wie es schon Pussy Riot bei ihrem Aufritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale formulierten: Patriarch Gundyaev believes in Putin. Bitch, better believe in God instead. The belt of the Virgin can’t replace mass-meetings. Mary, Mother of God, is with us in protest!

 


Pussy Riot A Punk Prayer_Poster

“Pussy Riot: A Punk Prayer“

Originaltitel: Pokazatelnyy protsess: Istoriya Pussy Riot
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: RU / UK, 2013
Länge: ca. 88 Minuten
Regie: Mike Lerner & Maxim Pozdorovkin
Darsteller: Mariya Alyokhina, Ekaterina Samutsevich, Nadezhda Tolokonnikova

exklusiv bei Watchever: ab 22.Oktober 2013 (für drei Monate)
Im Netz: hbo.com/documentaries/pussy-riot-a-punk-prayer


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