Filmkritik

“Tabu” von Miguel Gomes

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© Real Fiction / Aurora (Ana Moreira) und Gian Luca (Carloto Cotta)

© Real Fiction / Aurora (Ana Moreira) und Gian Luca (Carloto Cotta)

Der Filmtitel „Tabu“ ist mit einer schweren filmischen Historie beladen, so dass ein Film der Neuzeit sich schon einiges trauen muss, wenn er einen Bezug herstellen möchte. Der portugiesische Schwarzweiß-Film „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ von Regisseur Miguel Gomes traut sich sogar noch über den bloßen Filmtitel hinaus auf Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Tabu“ (1931) zu verweisen. So spielt der Film in seiner zweiten Hälfte mit den paradiesischen Bildern, die auch Murnau verwendete, reduziert gar den Ton, belässt es bei einer Erzählstimme im Hintergrund, verzichtet auf jeglichen Dialog. Damit gewann er im Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin den Alfred Bauer Preis, den Silbernen Bären für Spielfilme, die neue Perspektiven des Filmemachens eröffnen.

Der Neu-„Tabu“ beginnt mit einem ersten Teil namens „Paradise Lost“. Hier verbringt die gläubige Rentnerin Pilar ihre Zeit damit, Gutes zu tun und anderen zu helfen. Sie sorgt sich auch um ihre Nachbarin Aurora, eine exzentrische achtzigjährige Dame, die ihr letztes Geld im Casino verspielt und ihre kapverdische Haushälterin Santa verdächtigt, sie mit Voodoo zu verhexen. Als Aurora im Sterben liegt, hat sie nur noch den Wunsch, dass Pilar einen Mann namens Gian Luca Ventura aufsucht, den sie in einem Altersheim auch findet. Ihn verbindet eine viele Jahre zurückliegende Romanze mit Aurora, die im zweiten Teil „Paradise“ erzählt wird. Hier verschlägt es den Film zurück in die Zeit kurz vor dem Ausbruch des portugiesischen Kolonialkrieges. In einer Geschichte um Liebe und Leidenschaft zwischen Aurora und Ventura, beginnt alles auf einer Farm in Afrika, am Fuße des fiktiven Berges Monte Tabu.

Aurora (Ana Moreira) auf Großwildjagd

Aurora (Ana Moreira) auf Großwildjagd

Der Schwarzweiß-Film scheint sich heutiger Tage größter Beliebtheit unter den Filmemachern weltweit zu erfreuen, sei es der französische „The Artist“, Steven Soderberghs „The Good German“ oder Tom Schilling in dem deutschen „Oh Boy“, mit „Tabu“ folgt die portugiesische Variante. Doch ob das Wort „Film“ hier gerechtfertigt ist, mag man schon fast bezweifeln. Zwar sind die bewegten Bilder vorhanden, die das Werk als solchen auszeichnen dürften, viel mehr erinnert es aber an ein poetisch-literarisches Buch, vorgetragen von der Stimme Carloto Cottas, dem Darsteller des jungen Abenteurers Ventura. Dieser wirkt wie eine Inkarnation des George Valentin, Jean Dujardins Figur in „The Artist“ und vielen weiteren Helden dieser Art zu Filmzeiten, die längst vergessen sind, aber Reihenweise Schwarzweiß-Stummfilmabenteurer hervorbrachten. Eine Stimme aus dem Off, die den zweiten Teil der Geschichte dominiert, übertönt mit einer Tiefe und Romantik die Bewegungen. Am liebsten würde man die Augen schließen und einfach nur lauschen. Eine Möglichkeit, die dem Zuschauer gegeben wird, wirken die gezeigten Bilder doch nur wie ein grundloser Zusatz. Nicht die Stimme unterlegt die Bilder, sondern die Bilder ordnen sich der Stimme unter.

Das gilt für die zweite Geschichte, die sich in der Vergangenheit abspielt, nicht aber für die scheinbare Gegenwart, die durch die filmischen Mittel dennoch wie aus einer ebenso früheren Epoche zu sein vermag. Hier dominiert das Dreiergespann an Frauen: die ältere Aurora, ihre sorgsame Nachbarin sowie die Haushälterin. Hier wird noch reichlich gesprochen, On-Screen, so dass der kommende Verweis auf die Stummfilmzeit nur spürbar wird, wenn Pilar anfangs in einem Kino sitzt und einen eben solchen anschaut. Pilar ist die Entdeckerin, die Abenteurerin in „Paradise Lost“, die Betitelung wurde in umgekehrter Reihenfolge ebenfalls aus Murnaus „Tabu“ entnommen. Sie erforscht die Vergangenheit ihrer Nachbarin, deren Paradies in „Paradise Lost“, wie der Titel es so schön kundgibt, bereits verschwunden, verloren ist. Das Alter hat sie eingeholt, sie liegt im Sterben. Aber Pilar erhält die Gelegenheit, dennoch beide Geschichten mitzuerleben, erzählt zu bekommen, sogar die beiden Liebenden kennenzulernen.

Gian Luca Ventura (Carloto Cotta), ein Abenteurer in Afrika

Gian Luca Ventura (Carloto Cotta), ein Abenteurer in Afrika

Das mag ein ehrenwertes Vorhaben des Portugiesen Miguel Gomes gewesen sein, gestaltet sich bei einer Laufzeit von knapp zwei Stunden allerdings als anstrengend anzusehendes Unterfangen. Verständlich wird seine Liebe zum Kino, sein Eintauchen in die Vergangenheit, nicht nur innerhalb seiner Filmhandlung, sondern auch durch die von ihm eingesetzten Mittel. Die Handlung selbst wiederum leidet immens, gerade im zweiten Teil, wo die Bilder keine allzu große Bedeutung mehr haben. Hier wird es schwer Bild und Ton im Einklang zu folgen. Zu arg liegt die Konzentration auf den Worten, denen man sich verpflichtet fühlt. Diesen hört man bedächtig zu, malt sich seine ganz eigenen Bilder hierzu aus. Dann aber bekommt man die Geschichte auch visuell vorgesetzt, nicht gänzlich als Stummfilm, bleibt doch die umweltbedingte Geräuschkulisse ebenso erhalten wie die Filmmusik. Ein verwirrendes Miteinander. Der erste Teil um die drei Damen ist derweil solide erzählt, es wäre keine Schande gewesen den Film nach „Paradise Lost“ abzubrechen, natürlich hätte die Verschachtelung nicht mehr stattfinden können, außer Gomes hätte sich einer andere Form der Einbettung angenommen. Der Zuschauer wird tatsächlich viel zu schnell aus dem Bestreben Pilars herausgerissen, sich um Aurora zu kümmern, ebenso um die Voodoo-Zaubereien der Haushälterin. Hier hätte sich ein amüsant-trauriges Dreierspiel entfalten können, wäre Gomes vor der afrikanischen Urwaldgeschichte, der Romanze im „Savage Land“ zurückgetreten.

Man darf „Tabu“ gerne anerkennen, dass der Film sich so sehr für sein eigenes Medium interessiert, Raum gibt für einige Beobachtungen. Um diese Beobachtungen machen zu können, muss man allerdings Konzentrationsvermögen beweisen, sich nicht der Ablenkung schuldig machen und sich auf eine trocken-langgezogene Erzählung einstellen, die mehr durch ihre Machart als durch ihren Inhalt zu überzeugen weiß. Daher vielleicht auch „nur“ der Silberne Bär der Berlinale für neue Perspektiven des Filmemachens, auch hier die Kombination aus Vergangenheit und Gegenwart, filmische Techniken die hier zum Einsatz kommen und gewürdigt wurden, nicht aber das Geschichtenerzählen.

Denis Sasse

Tabu_Hauptplakat

“Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“

Originaltitel: Tabu
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: P / D / BR / F, 2012
Länge: ca. 118 Minuten
Regie: Miguel Gomes
Darsteller: Laura Soveral, Teresa Madruga, Isabel Muñoz Cardoso, Ana Moreira, Henrique Espírito Santo, Carloto Cotta

Deutschlandstart: 20. Dezember 2012
Offizielle Homepage: realfictionfilme.de/tabu

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