Filmkritik

“Philomena” von Stephen Frears

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Philomena Lee (Judi Dench) und Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan)

Philomena Lee (Judi Dench) und Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan)

Es könnte einem finsteren Horrorfilm entsprungen sein. Ein düsteres Kloster, bewohnt von Nonnen, die nur oberflächlich ein Lächeln für die Außenwelt übrig haben, insgeheim das lasterhafte Leben verfluchen und all jene bestrafen, die sich diesem hingeben. Die Nonnen dieses Klosters trennen Mütter von ihren Kindern, ungeliebte Geburten, die aus sexuellen Kontakt hervor gegangen sind. Noch Jahre später, die Kinder haben sich in neuen Familien außerhalb dieser grotesken Wirklichkeit eingelebt, beeinträchtigen die Nonnen die Suche der Mütter nach ihren Kindern – und wenn mal ein Sohn oder eine Tochter wieder auf der Kloster-Türschwelle steht, geben sie vor nichts über den Verbleib der Mütter zu wissen. Familien werden entzweit, brutal auseinander gerissen, jegliche mögliche Kontaktaufnahme wird unterbunden. Was tatsächlich wie der blanke Horror klingt, ist die wahre Geschichte der Britin Philomena Lee, in Stephen Frears filmischer Aufarbeitung Philomena rührend-amüsant von Dame Judi Dench gespielt.

Als Teenagerin wurde Philomena ungewollt schwanger. Ihr Verhängnis ist, das sie im streng katholischen Irland der 50er Jahre lebt. Sie wird in ein Kloster geschickt, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt, nur um hinterher gezwungen zu werden, ihn zur Adoption frei zu geben. Aus Scham vor der Sünde hält Philomena diese schrecklichen Tage jahrelang geheim. Erst 50 Jahre später denkt sie darüber nach, ob es nicht eine viel größere Sünde gewesen sei, die Menschen in ihrem Umfeld belügt, ihren Sohn verleugnet zu haben. Sie bittet den ehemaligen Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan) um Hilfe. Dieser arbeitet zwar gerade an einer Aufarbeitung der Geschichte Russlands, lässt sich von dieser „Human Interest Story“ jedoch mitreißen. Der abgebrühte Zyniker und die fromme, warmherzige alte Dame machen sich gemeinsam auf die Suche nach ihrem Sohn, kommen dabei aber einer viel größeren Sache auf die Schliche.

Martin Sixsmith (Steve Coogan)

Martin Sixsmith (Steve Coogan)

Diese Gegensätze werden von Regisseur Stephen Frears immer wieder ausgespielt. Schon in den ersten Momenten, in denen Sixsmith beginnt die Geschichte von Philomena Lee aufzuschreiben, assoziiert er die Nonnen mit etwas Bösartigen. Da kommt ihm sicherlich sein Nichtglaube an Gott sehr gelegen. Der Gegensatz ist umso ausgeglichener. Philomena, mal schrullig süß, dann wieder bemitleidenswert von Dame Judi Dench verkörpert, sieht selbst im schlimmsten Moment noch das Gute im Menschen: „einige dieser Nonnen waren wirklich nett“, versucht sie schützend die Hand über ihr Kindheitsheim zu legen, genau wissend, dass diese Menschen dafür verantwortlich gemacht werden müssen, dass sie ihren Sohn nicht hat aufwachsen sehen können. Hier liegt zugleich eine gewisse Faszination dargelegt. Obwohl Philomena so schreckliche Schicksalsschläge wiederfahren sind, hat sie ihren Glauben nicht verloren, während Sixsmith sich nach seiner Entlassung bei der BBC in seinen Zynismus flüchtet.

Steve Coogan handhabt seine Rolle mit Bravour, läuft an der Seite von Dench zu dramatischen Höhen auf. Der einstige Komödiant spielt sich in Rage, wenn er selbst den Nonnen gegenüber steht, die Philomena übel mitgespielt haben. Die alte Dame schließt er Stück für Stück immer mehr ins Herz. Das Zusammenspiel von Coogan und Dench fühlt sich so leicht an, die Chemie wirkt so wohltuend, und wird gar in den traurig-emotionalen Szenen noch weiter ausgebaut. In einem Moment befinden sich die beiden in einem Cafe. Steve Coogans Sixsmith sitzt vor einem Laptop gebeugt, ist am Recherchieren. Dann gesellt sich Philomena zu ihm. Er hat etwas im Internet entdeckt, dass ihre Suche arg beeinträchtigen wird. Er blickt zu der vor ihr stehenden alten Dame hinauf, sein Zynismus gänzlich verstummt. Kein Wort fällt, die Blicke erzeugen eine größtmögliche Emotionalität. Aus anfänglicher Professionalität – zumindest bei Sixsmith – wird butterweich Dahingeschmolzenes. Wenn Sixsmith noch von seiner Chefin aufgetragen bekommt, herauszufinden, wer denn in Philomenas Lebensgeschichte die Guten seien, wer die Bösen seien und wie die Geschichte ausgehen würde – mehr müsse man nicht wissen um eine gute Story zu schreiben – dann hat das tatsächlich noch eine geschäftliche Ebene in sich. Aber ab einem gewissen Punkt will Sixsmith einfach mehr wissen. Nicht weil er die Witterung zu einer noch besseren Story aufgenommen hat, als sie es nicht sowieso schon wäre. Nein, es geht ihm um einen freundschaftlichen Dienst und um die Wahrheit. Er hat die alte Frau in sein Herz geschlossen, wie man es auch als Zuseher unweigerlich machen muss.

Judi Dench (rechts) mit der wirklichen Philomena Lee (links)

Judi Dench (rechts) mit der wirklichen Philomena Lee (links)

Schon allein wenn man beobachtet, wie mit Philomena in jungen Jahren umgegangen wird, stellt sich unweigerlich eine Sympathiebekundung ein. Dann wenn die Nonnen sie mit ihrer Schwangerschaft konfrontieren und Philomena nicht mehr heraus bekommt als „In der Schule haben sie uns nie über Babys aufgeklärt“, woraufhin die Nonnen zuerst auf die Elternpflicht verweisen, bevor sie selbst merken, dass Philomenas Eltern starben als das Kind zehn Jahre jung war. Man möchte die junge Philomena einmal derbe durchrütteln, ist dann aber wieder auf die harten Praktiken der Nonnen fixiert. Laut denen ist es so schlicht wie einfach: das Kind ist eine Sünde, es muss weg. Auch nach 50 Jahren sehen die Nonnen hierin kein Fehlverhalten, dass macht Sixsmith dann bitterböse. Und da ist er wieder, dieser faszinierende Gegensatz, wenn Philomena ihn mit den Worten beruhigt, dass es ganz schön anstrengend sein müsse, wenn man sich über so viele Dinge aufregen würde, wie Sixsmith es tue.

Immer wieder kehren wir durch Rückblicke in Philomenas Jugend zurück. Oftmals erzählt sie in diesen Momenten dem Journalisten von ihren Erinnerungen an diese Zeit. Er soll sie aufschreiben, er soll sie kundtun, er soll ihren Sohn finden. Dann bewegt sich Stephen Frears Film immer näher an die Vergangenheit heran, schickt die beiden Protagonisten zu den Orten, zu denen der Zuschauer zuvor noch nur per Erinnerung Einblick erhalten hat. Nun sitzen wir in der Gegenwart, sehen Judi Dench in den Festungen ihrer Vergangenheit, während auf der Tonebene noch einmal ihre Erinnerungsfetzen durchexerziert werden. Ein wehleidig-mitleiderregender Blick und man ist hin und weg von dieser Dame. Fast möchte man vergessen dass es sich hier um Judi Dench handelt, die so hart und kernig die Vorgesetzte M des Meisteragenten James Bond gespielt hat.

Der Film steht ganz im Zeichen seiner Darsteller. Nur mit Judi Dench und Steve Coogan scheint es möglich gewesen zu sein, diese ernste und doch immer wieder aufgelockerte Geschichte zu spinnen. Das „basierend auf wahren Ereignissen“ weicht immer ein wenig der Spielfilmdramaturgie, was in diesem Fall geglückt ist. Aus Martin Sixsmiths „Human Interest Story“ über Philomena Lee ist somit ein „Human Interest Film“ über Sixsmith selbst und seine Erlebnisse mit einer schrulligen alten Dame auf der Suche nach ihrem Sohn geworden.


Philomena_Poster”Philomena”

Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB, 2013
Länge: ca. 98 Minuten
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Mare Winningham, Barbara Jefford, Sean Mahon, Michelle Fairley, Charlie Murphy

Kinostart: 27. Februar 2014
Im Netz: philomenamovie.com


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