Filmkritik

“Paranormal Activity: Die Gezeichneten” von Christopher Landon

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Jorge Diaz als Hector und Gabrielle Walsh als Marisol in "Paranormal Activity: Die Gezeichneten"

Jorge Diaz als Hector und Gabrielle Walsh als Marisol in “Paranormal Activity: Die Gezeichneten”

In den 90er Jahren hat das Scream-Teen-Horror-Franchise die goldenen Regeln eines jeden Horrorfilms öffentlich bekannt gegeben: Du wirst den Film nicht überleben, wenn du Sex hast. Du wirst den Film nicht überleben, wenn du Alkohol trinkst oder andere Drogen nimmst und du wirst den Film auch nicht überleben wenn du die Worte “Ich bin gleich wieder da”, “Hallo?” oder “Wer ist da?” über deine Lippen bringst. Diese Regeln sind so 90er, dass sie allesamt nicht auf das wohl erfolgreichste Horror-Franchise der Neuzeit zutreffen – und damit soll nicht die Saw-Reihe gemeint sein, die mehr Torture-Porn denn Horror ist. Viel mehr ist die Rede von Paranormal Activity, von Oren Peli für kleines Geld 2009 ins Leben gerufen, inzwischen vier Episoden stark, der fünfte Teil folgt im Herbst dieses Jahres und den ersten Ableger Paranormal Activity: Die Gezeichneten gibt es jetzt in den Kinos. Wenn eine Regel für diese Horroreihe jedoch Bestand hat, dann ist es: “Die Handkamera kommt überall mit hin. Sie wird nicht aus der Hand gelegt, ganz gleich wie groß der Schrecken auch sein mag.”

In dem Side-quel – weder vorher noch nachher spielend, sondern parallel zu den Originalfilmen – macht die Filmreihe einen Ausflug von der mittelständischen Familie Featherston hin in eine lateinamerikanische Ecke in Oxnard, Kalifornien. Die Darsteller wurden ausgetauscht, auch wenn einige alte Bekannte kurze Gastauftritte absolvieren, dreht sich die Geschichte von Die Gezeichneten um den Teenager Jesse (Andrew Jacobs), der gerade seinen Abschluss an der High School gemacht hat. Dann passiert in seiner Wohnanlage ein grausamer Mord an einer alten Frau und Jesse geht gemeinsam mit seinem Kumpel Hector (Jorge Diaz) auf Spurensuche. Hieraus entwickelt sich der typische Paranormal Activity Found-Footage-Horror. Jesse wacht am nächsten Morgen mit einer Bisswunde am Arm auf, entwickelt übernatürliche Kräfte, nimmt via Senso-Spiel Kontakt mit einem Dämon auf und zeigt sich selbst immer mehr von etwas Bösen besessen. Wie so oft kommen dabei einige neue Details über die Hexen und Dämonen ans Licht, die das Franchise beheimatet, eine endgültige Antwort auf irgendeine Frage gibt es dennoch noch nicht. Klar bleibt aber auch bei Paranormal Activity: Die Gezeichneten, dass das Böse in dieser Reihe immer triumphiert. Und hiermit mag Paramount Pictures gemeint sein, die mit einem beständigen Produktionsbudget von fünf Mio. US $ immer mehr Filme dieser Reihe auf den Markt werfen und noch nie vom Einspielergebnis enttäuscht wurden.

Andrew Jacobs als Jesse

Andrew Jacobs als Jesse

Die Überraschung ist, dass ausgerechnet diese Randerscheinung Die Gezeichneten mehr Tiefgang enthält als alle bisherigen Filme der Originalreihe. Der Cast wurde gut zusammen gewürfelt. Neben dem soliden Hauptakteur Andrew Jacobs und seinem Sidekick Jorge Diaz, der ein schönes Spiel zwischen stumpfen Comic-relief und bester Freund für jede Notlage zeigt, wird das Duo durch Gabrielle Walsh ergänzt. Es ist ihr Schauspieldebüt, bei dem sie für die weiblich-mutigen Komponenten sorgt, natürlich dabei auch noch hübsch anzusehen ist. Der High School Abschluss der Figuren sorgt im lateinamerikanischen Viertel für große Furore. Man ist stolz auf die Kids, die es zu etwas gebracht haben. Jesse sagt es: “Ich will etwas Besonderes sein”, was er dann spätestens mit seinen übernatürlichen Kräften auch ist. Hier ist die wenige Gesellschaftskritik versteckt, die den Jugendlichen Träume und Wünsche beschert, ihnen einen Schulabschluss lässt um nicht wie die anderen Ghettokids ihr Geld mit Prügel und Schrotflinten zu verdienen. Letztgenanntes Mittel kommt amüsant gegen den Hexenzirkel zum Einsatz. So schön hat man Hexen ohne Besten noch nie fliegen sehen.

Dann aber kommt es der Filmhandlung zu schulden, dass hieraus nicht mehr gemacht wird. Natürlich verliert sich auch Paranormal Activity: Die Gezeichneten irgendwann in den altbewährten Gruselmustern. Wer diese durchschaut, wird immer dann sein mulmiges Magengefühl zu unterdrücken wissen, wenn die gespielte Realität durch ein unbehagliches Brummen durchbrochen wird. Dieses beständig lauter werdende Dröhnen hat bisher noch in jedem Paranormal Activity Film einen Schockmoment heraufbeschworen. In der ersten Hälfte bestehen diese zumeist noch aus ganz alltäglichen Dingen: ein nicht zündender Feuerwerkskörper, der wenige Sekunden später doch noch hoch geht. Ein flüchtender Junge, der aus einem Fenster springt und plötzlich im Filmbild erscheint. Erst in der zweiten Hälfte wird das Alltägliche zum Übernatürlichen. Dann stehen wieder Schatten im Raum, die nur der Zuschauer, nicht aber die Protagonisten sehen. Dann erscheinen auch wieder gruselige kleine Kinder mit geschwärzten Augen.

Ansonsten geht es relativ friedlich zu. Weniger Dinge fliegen durch die Luft, weniger übernatürliche Dämonen scheinen am Werk zu sein. Hier werden keine Menschen über den Boden gezogen. Hier geht es ganz und gar um Jesse, der zwar Kontakt zu einem Dämon zu haben scheint, dessen Besessenheit aber weitaus mehr fokussiert in den Vordergrund tritt. Im Supermarkt wird aus dem netten Jungen ein brutaler Schläger, immer mehr mutiert er von dem strebsamen High School Absolventen zu einem dieser Ghettokinder – verhält sich brutal, rauflustig und ist leicht zu provozieren. Hier nun bekommen die Zuschauer viel mehr eine Problematik zu sehen und spüren, die einen Exorzisten auf den Plan rufen müsste. Der bleibt allerdings aus, denn wie wir wissen, nimmt ein Paranormal Activity Film niemals ein gutes Ende.

Allerdings ist das endgültige Ende auch noch nicht erreicht. Hier ist am Rande zu vernehmen, dass der Hexenkult auf der ganzen Welt agiert und möglichst viele Menschen in ihren Bann bekommen möchte. Der Weltuntergang dürfte also angestrebt sein. Es bleibt die Frage, wie weit dieses Ziel noch entfernt ist. Im Herbst übernimmt wieder die Originalreihe die Kinoleinwände. Vielleicht wird es dann endlich eine Aufklärung geben. Bis dahin kann man sich noch mit Paranormal Activity: Die Gezeichneten vergnügen, aber nur wenn man bereit ist sein Wissen über die Konventionen dieser Serie zu begraben. Denn neu erfunden wurde hier ganz und gar nichts.


Paranormal Activity - Die Gezeichneten_Poster“Paranormal Activity: Die Gezeichneten”

Originaltitel: Paranormal Activity: The Marked Ones
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 84 Minuten
Regie: Christopher Landon
Darsteller: Andrew Jacobs, Jorge Diaz, Gabrielle Walsh, Renee Victor, Noemi Gonzalez, Richard Cabral

Kinostart: 2. Januar 2014
Im Netz: www.paranormalactivity.de


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