Filmkritik

“Our Idiot Brother” von Jesse Peretz

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© Senator Film / Paul Rudd, Zooey Deschanel und Rashida Jones in "Our Idiot Brother"

Schauspieler Paul Rudd fiel in Deutschland zum ersten Mal in der Rolle des Mike Hannigan in der Comedy „Friends“ auf, wo er als vernunftbegabter, vor allem aber geduldiger Freund der durchgeknallten Phoebe (Lisa Kudrow) in die Serie eingeführt wurde und sie für achtzehn Episoden bereichern durfte. Es ist ein sich durch seine Karriere ziehendes Motiv, dass Rudd zumeist mit Anzug und Krawatte den smarten, vom Pech verfolgten Geschäftsmann, Liebhaber oder einfach nur Verlierer mimt, dem es im Verlauf des jeweiligen Films gelingt, sein Schicksal doch noch zum Guten zu wenden. So gesehen in Werken wie „Woher weißt du, dass es Liebe ist?“, „Dinner für Spinner“ oder „Vorbilder?!“ – ab dem 21. Juni dieses Jahres dann noch einmal in „Wanderlust – Der Trip ihres Lebens“, wo er den aus Manhattan stammenden George spielt, der gemeinsam mit seiner Ehefrau (Jennifer Aniston) dem Alltagswahnsinn der Großstadt entkommt und einer ländlichen Kommune beitritt. Insofern ist es für den aus New Jersey stammenden Rudd ein Ausbruch aus seinen bisherigen Rollenmustern, wenn er in Jesse Peretzs Film „Our Idiot Brother“ jetzt einen zottelbärtigen und langhaarigen Herumtreiber spielt, der nicht ganz so viel Intelligenz, dafür aber ein dickes Herz vorzuweisen hat.

Mit Namen heißt dieser Hippie Ned Rochlin. Aus lauter Menschenliebe verkauft er einem uniformierten Polizisten Haschisch und landet daraufhin prompt im Knast. Seine Freundin Janet (Kathryn Hahn) behandelt ihn auch nicht besser. Nach gemütlichen Jahren auf ihrem Biobauernhof setzt sie Ned kaltschnäuzig vor die Tür und behält sogar seinen geliebten Hund. So viel Undank ist der Arme einfach nicht gewöhnt. Er flüchtet zu seiner Mutter (Shirley Knight) nach Long Island. Beim wöchentlichen Familiendinner zeigen seine Schwestern Liz (Emily Mortimer), Miranda (Elizabeth Banks) und Natalie (Zooey Deschanel) viel Mitgefühl, können es sich aber auch nicht verkneifen, den Unglücksraben aufzuziehen. Der Spaß hat ein Ende, als Ned bei Liz eine Ehekrise auslöst und auch das scheinbar geordnete Leben von Miranda und Natalie auf den Kopf stellt. So viel Arglosigkeit und bedingungslose Ehrlichkeit vertragen die Beziehungen seiner Schwestern und ihrer Freunde einfach nicht. Ned wird von Liz über Miranda an Natalie weitergereicht und stürzt ihr Leben wieder und wieder ins Chaos.

Paul Rudd als Ned

Und natürlich wird Ned für alles die Schuld in die Schuhe geschoben, dabei offenbart sich Paul Rudd hier als absolut liebenswürdige Person, bei der man als Zuschauer gerne einmal aufschreien oder ihn kräftig rütteln möchte, so naiv wandert er hier in seiner Rolle durch die Filmhandlung. Ebenso wie er ein gutes Maß an Dummheit beweist, spielt Rudd aber auch den Charme und die Liebenswürdigkeit, das jung gebliebene Kind-sein dieses Mannes hervor. Dieser kindliche Blick erlaubt es Ned, nur das Beste in einem Menschen zu sehen, sich gar nicht auf die Lügen und den Betrug einzulassen, die für die Welt der Erwachsenen hier suggeriert werden. Da setzt sich Ned auch schon einmal in eine New Yorker U-Bahn und lässt seinen Sitznachbarn auf sein Geld aufpassen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dieser damit abhauen könnte. Aus dieser Gegenüberstellung der wirklichen Welt mit Neds Hirngespinst von Friede, Freude und einem vertrauten Miteinander entwickelt sich die Komik, ein wenig auch ein dramatischer Unterton, um den sich aber keiner der Darsteller wirklich sorgen muss. Es ist der Subtext, der hier von der bösen Gesellschaft berichtet, in der nette Menschen nur noch am Rande zu einer Existenz fähig sind.

All die Gutgläubigkeit und sein großes Herz stehen in „Our Idiot Brother“ nicht nur mit der gesamten Welt im Kontrast, sondern in aller erster Linie mit seiner Familie. Die kürzlich noch in „Die Tribute von Panem“ zu sehende Elizabeth Banks verkörpert hier die gestresste Journalistin Miranda, deren Hoffnungen auf eine ganz große Story durch ihren Bruder erschwert werden. Zooey Deschanel, die mit Regisseur Jesse Peretz mehrere Episoden ihrer Fernsehserie „New Girl“ drehte, ist die bisexuelle Künstlerin Natalie, die ihre Lebensgefährtin – Rashida Jones in einer herrlich quirligen Nebenrolle – mit einem Kerl betrügt und dann wäre da auch noch Emily Mortimer als Liz, eine in sich gekehrte Hausfrau und Mutter, die das Leben inzwischen an sich vorbei ziehen lässt, sich gänzlich dem Willen ihres Mannes gebeugt hat. Es herrscht bittere Kälte in der Familie Rochlin, die Liebe ist nur vorgetäuscht oder zumindest ein fünftes Rad am Wagen. Jeder geht seinen eigenen Weg, verfolgt seinen Alltag, seine Termine. Der Aufbruch nach einem gemeinsamen Essens im Hause der Mutter wirkt wie ein Wettrennen der Schwestern, jede möchte als erste das Haus verlassen, zurück in ihr eigenes Leben. Dementsprechend abweisend reagieren sie auch auf Neds Anfrage nach einer Bleibe, man schiebt den Bruder von Schwester zu Schwester. Ned, hier das schwarze Schaf, für die Zuschauer eher das weiße Schaf der Familie, versucht derweil zu helfen wo er nur kann. Für Lizs Ehemann (Steve Coogan) arbeitet er als Assistent bei dessen Dokumentarfilm-Dreharbeiten, für Miranda spielt er sogar den Chauffeur – gedankt wird es ihm nicht, lieber darüber gemeckert, dass er seine jeweiligen Jobs nicht perfekt beherrscht. Der gute Wille ist zwar da, wird aber nicht anerkannt.

Zooey Deschanel als Natalie

Und schon bald macht der Film klar, dass die Schwestern eigentlich kein besseres Leben führen als ihr liebevoller Knastbruder. Eine erfolglose Journalistin, eine erfolglose Künstlerin und eine erfolglose Ehefrau stehen dem zwar erfolglosen, dafür aber stets gut gelaunten und positiv durchs Leben ziehenden Ned gegenüber. Und schnell stellt sich die Frage, was denn eigentlich besser ist: Erfolglos durchs Leben schwimmend und unglücklich dabei oder aber das Beste aus der Situation herausholen? Dennoch mag es ein wenig zu viel des Guten geworden sein: So sehr die Leben der drei Frauen ans Normale grenzen, so abgehoben wirkt die Zuneigung, der Glaube an die Menschen, das Vertrauen und die Liebe, die Ned seinen Mitmenschen entgegenbringt. Regisseur Peretz hätte aus Ned eine normalere Figur machen können, womit aus „Our Idiot Brother“ eine ernstzunehmende Dramödie geworden wäre. So aber überwiegt das Gefühl, hier eine seichte, vorhersehbare Komödie geboten zu bekommen. Ganz gleich wie sympathisch die Hauptfigur gespielt wird, das täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass den Zuschauern relativ früh bewusst werden wird, worauf der Film abzielen möchte. Natürlich öffnet Ned seinen Schwestern die Augen, die brutale Großstadtwelt wird von dem Träumer durchbrochen, der gestresste Alltag gerät ins Hintertreffen, wenn Liebe und Familie im Spiel sind: Gute amerikanische Werte also, die hier propagiert werden.

Das ist dann zwar nur teilweise unterhaltsam, aber gerade der Charme, den Paul Rudd hier nutzt um seinen Ned darzustellen, hält die Geschichte aufrecht. Elizabeth Banks beweist durch ihre Zicken-Qualitäten, Emily Mortimer mit ihrem Durchschnitts-Gesicht und Zooey Deschanel mit ihrer Nerd-Girl-Attitüde. Ein perfektes Ensemble auf eine nicht ganz so perfekte Geschichte macht aus „Our Idiot Brother“ immer noch einen ansehnlichen Film.

Denis Sasse

‘Our Idiot Brother‘

Originaltitel: Our Idiot Brother
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2011
Länge: ca. 90 Minuten
Regie: Jesse Peretz
Darsteller: Paul Rudd, Elizabeth Banks, Zooey Deschanel, Emily Mortimer, Peter Hermann, Adam Scott, Rashida Jones, Steve Coogan, Kathryn Hahn, Shirley Knight

Deutschlandstart: 17. Mai 2012
Offizielle Homepage: ouridiotbrother.senator.de

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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