Filmkritik

“On The Road” von Walter Salles

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© Concorde Filmverleih GmbH / Sam Riley (links) und Garrett Hedlund (rechts) sind gemeinsam “On The Road”.

Schon 1939 folgte Schauspielerin Judy Garland in „Der Zauberer von Oz“ einer gelben Ziegelsteinstraße, die ihr den Weg nach Hause zeigen sollte. Der Weg als leitender Wegweiser, für den ängstlichen Löwen, den herzlosen Blechmann und die hirnlose Vogelscheuche ebenso ein Pfeil in die richtige Richtung, ein Symbol fürs Leben. Man schreitet voran, man wird älter, man sammelt Erfahrungen und kommt irgendwann am Ziel an. Diesen Weg beschreiten auch ein namenloser Mann und sein Sohn in der Cormac McCarthy-Verfilmung „The Road“, ein Titel der bezeichnend ist für den eigentlichen Hauptprotagonisten: Die Straße, ein zu bezwingendes Hindernis, mit vielerlei unebenen Momenten. Was diese beiden Filme eint, ist das Ende des Weges, welches sich zwar immer anders gestaltet als von den Protagonisten erwartet, aber dennoch irgendwann erreicht wird. Und genau hier liegt nun der Unterschied zu „On the Road“, der Literaturverfilmung zu Jack Kerouacs gleichnamigen Roman, der in Deutschland unter dem Titel „Unterwegs“ erschienen ist. Der Film von Regisseur Walter Salles, der auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte, findet niemals das Ende der Straße. Hier gibt es keine Abzweigungen, keine Ausfahrt, hier spielen sich Garrett Hedlund und Sam Riley als ewig herum irrende Individuen auf, die sich in bester Road-Movie-Manier auf der Straße am heimischsten fühlen.

Sam Riley als Sal Paradise

Die Geschichte von „On the Road“ basiert auf den Jahren, in denen Schriftsteller Jack Kerouac selbst durch die Staaten gereist ist. Gemeinsam mit seinem Freund Neal Cassady und später bekannt gewordenen Menschen wie William S. Burroughs und Allen Ginsberg verbrachte er einen großen Teil der 1940er Jahre eben on the road. Im Film überträgt sich dieses Bild auf Schauspieler Sam Riley, der als Schriftsteller Sal Paradise kurz nach dem Tod seines Vaters den Draufgänger Dean Moriarty (Garrett Hedlund) kennenlernt. Dieser reißt Sal aus seiner Arbeit an einem Roman und seiner Trauer um seinen Vater und nimmt ihn mit auf einen Trip in Richtung Westen. Sie leben von Stadt zu Stadt, nur mit wenig Geld in der Tasche, immer dazu bereit die nächste Tankstelle um ein paar Lebensmittel zu erleichtern. Dabei sind Drogen, Sex und Jazzmusik ihre ständigen Begleiter, ebenso wie Deans große Liebe Marylou, gespielt von „Twilight“-Dame Kristen Stewart.

Diese dürfte für reichlich Furore unter den Twihards sorgen, die sich in den letzten Jahren ausgiebig der mormonischen Lebenswelt der „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer gewidmet haben. Kein Sex vor der Ehe, die Verweigerung des Vampirismus weichen in „On the Road“ ihrer Rolle als Marylou, die bereits mit sechszehn Jahren den Drogen konsumierenden Dean Moriarty heiratet. Um dessen ausgeprägten Sexualtrieb darzustellen, zeigt sich Stewart mehr als einmal oben ohne, was sowohl für ihre Bekleidung als auch auf ihre Mimik zutrifft. Ist sie an der Seite von ebenso unerfahrenen Darstellern wie Taylor Lautner und Robert Pattinson, der sich zugegebenermaßen bereits in seiner Schauspielkunst gebessert hat, zu sehen, mag ihr leicht offen stehender Mund, der jegliche Laszivität missen lässt und ihr natürlich vernebelter Blick keinen größeren Schaden anrichten. Hier aber wird sie von einem Garrett Hedlund überschattet, der ihr das Schauspiel deutlich vormacht und Welten der Qualität dieser Profession zwischen Stewart und sich selbst entstehen lässt. Obgleich man viel über die Nacktheit einer Kristen Stewart philosophieren könnte, ob sie hiermit eventuell der mangelnden Schauspielkunst vorbeugen möchte, ist es doch „Boardwalk Empire“-Hauptdarsteller Steve Buscemi der den verstörendsten Moment für die Zuschauer erzeugt: Mit 27 Jahren Unterschied ist es wohl die einprägsamste Sexszene in „On the Road“, wenn Buscemi sich von Garrett Hedlund durchnehmen lässt. Das hebt sich selbst aus der großen Masse an nacktem Fleisch hervor, die in diesem Film immer wieder präsentiert wird.

Kristen Stewart als Marylou

Die pure Fleischeslust wird nur durch den Marihuana-Konsum übertroffen. Im Delirium wandeln die Protagonisten durch die Welt, betäuben die Sinne, verschließen sich der Realität, als Verlierertypen in einer Welt festzusitzen, die sie offenbar nicht verstehen wollen. Sie sträuben sich vor der gesellschaftlich angestrebten Häuslichkeit, die ihnen wenn dann nur unwillentlich wiederfährt. So zieht Hedlunds Moriarty auch noch durch die Nachtszene, wenn er Daheim Frau und Kind zu versorgen hat. Aber er rastet nur auf der Straße des Lebens, kaltherzig erkennt er das Ende nicht an, macht sich auch in dieser Lebenssituation erneut mit seinem Kumpel auf den Weg, lässt das häusliche Leben links liegen wie eine vorbeihuschende Tankstelle, an der nur kurz gerastet wird. Damit macht sich Hedlund zum geheimen Hauptdarsteller des Films, auch wenn die Geschichte durch die Gedankenwelt und der Schreibmaschine des Briten Sam Riley geschildert wird, einem Darsteller der als Ian Curtis in „Control“ von sich reden machte. Als deutliche erkennbares Alter-Ego des „On the Road“-Autors Kerouac erzählt er von seinem besten Kumpel, hebt dessen verrückten Lebensstil immer wieder hervor, dem er so lange Zeit folgt, sich aber dann doch irgendwann hiervon lossagen muss um ein normales Leben zu leben, während Moriarty ein Leben zwischen Ehefrau, Affäre und Prostitution führt, ein Leben ohne Gewissen und ohne Verantwortungsbewusstsein.

Vielleicht sind das die Dinge, die er am Ende der gelben Ziegelsteinstraße beim Zauberer von Oz finden würde, nur kommt er eben niemals dort an. Er bleibt on the road. Das vermittelt der Film nur zu gut, in Überlänge und mit einer ziellos willkürlichen Umherfahrt der Protagonisten. Dieses verlorene Gefühl, diese Ziellosigkeit, das Irren mag „On the Road“ zu einer anstrengenden Seherfahrung machen, bildet aber ebenso gut das Gefühlsleben von Sal und Dean ab, die sich auf einer Straße ins Nirgendwo befinden.

Denis Sasse

“On The Road – Unterwegs“

Originaltitel: On The Road
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB / F / USA / BR, 2012
Länge: ca. 140 Minuten
Regie: Walter Salles
Darsteller: Sam Riley, Garrett Hedlund, Kristen Stewart, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Amy Adams, Steve Buscemi, Terrence Howard, Tom Sturridge

Deutschlandstart: 4. Oktober 2012
Offizielle Homepage: unterwegs-derfilm.de

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